Savoy heißt der Club bei Gucci, in Anlehnung an das Londoner Luxushotel, in dem Labelgründer Guccio Gucci Page war.

Willkommen im Club!

Savoy heißt der Club bei Gucci, in Anlehnung an das Londoner Luxushotel, in dem Labelgründer Guccio Gucci Page war. Foto: Kevin Tachman / Gucci

Nach einem Jahr der Einschränkungen sehnt sich nicht nur die Mode nach einem Ort der Befreiung: Für Chanel und Gucci sind die Nacht und der Club jetzt das Zentrum der Inspiration.

5. August 2021
Text: ALEX BOHN

Nacht muss es sein oder zumindest dunkel, das ist die Grundbedingung für einen Clubbesuch. Bei Gucci ist das Savoy der Ort der Handlung, im Zwielicht zeichnet das Licht der roten und blauen Neonlettern die Konturen der Gäste im Eingang nach. Sie warten auf Einlass, einer tänzelt in schwarzen Lacklederschuhen zum kardinalroten Samtanzug, eine andere steht regungslos, nur ihr fedriger Kunstpelz vibriert. Bei Chanel sammeln sich die Clubgänger im Hellen, vielleicht, damit man ihre knöchellangen Mäntel aus Bouclé-Tweed besser erkennt. Dunkel wird es, sobald sie durch einen Vorhang aus glitzernden Strassschnüren über die Schwelle des Nachtklubs Chez Castel treten. Zügig schütteln sie an der Garderobe ihre Mäntel von den nackten Schultern und tragen nun kaum mehr als Hotpants und kleine Tops zu schweren Boots und Wollmützen: Willkommen im Club!

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„Eine unverzichtbare Party“, verheißt Alessandro Michele, der Designer für Gucci, ja „eine Hymne auf das Leben“ sogar. Virginie Viard, Kreativdirektorin bei Chanel, gibt sich sparsamer: „Ich wollte einen kleineren, intimeren Rahmen“, sagt sie. „Ich mag keine Rave Venues, ich wollte einen Club.“

In Chanel ins Chez Castel: Model Mica Argafiaraz steigt die Treppe hinab in den Pariser Nachtklub.
In Chanel ins Chez Castel: Model Mica Argafiaraz steigt die Treppe hinab in den Pariser Nachtklub. Foto: Chanel

Einen Club? Verwunderlich ist es nicht, dass zwei der größten Luxusmodemarken ihre neue Mode in diesem Umfeld präsentieren. Schließlich ist dieser Ort, an dem man gemeinsam feiert und tanzt, gemeinsam bewusst den Alltag samt seinen Reglements vergisst, nach über einem Jahr der pandemiebedingten Einschränkungen eine ziemlich offensichtliche Sehnsucht. Aber geht es nur um diese Fantasie, oder haben die Designer, deren Mode auch ein Seismograph gesellschaftlicher Stimmungen und Entwicklungen ist, noch anderes im Sinn?

Gucci und Chanel sind nicht die Einzigen, die es in den Club zieht. Der georgische Designer Demna Gvasalia fantasierte schon von illegalen Partys, als Alessandro Michele und Virginie Viard noch beim Brainstorming für den kommenden Winter saßen. Seine Clubber machten sich für Balenciaga bereits im vergangenen Herbst auf zu verbotenen Partys am Ufer der Seine, die Sonnenbrillen auch bei Nacht fest auf dem Nasenrücken, an Ohrläppchen und Dekolletés glitzerte vielversprechend der Strass-schmuck. Während man auf Gucci und Chanel noch warten muss, kann man die Balenciaga-Clubwear schon jetzt kaufen. Irgendwie passt es, dass Alessandro Michele seine offenkundige Inspiration – befreundet sind die beiden Designer eh – transparent macht und Balenciaga-Silhouetten der ersten Stunde sowie Logos in seiner aktuellen Gucci-Kollektion unterbringt. Über Gucciaga und Balenciucci, das man bei Gucci als „Hack“ bezeichnet, freut sich die ganze Branche, allen voran der Dachkonzern Kering, zu dem beide Marken gehören und der für Gucci bereits im ersten Quartal dieses Jahres einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro vermeldet, fast zurück auf vorpandemischem Niveau, Tendenz steigend.


„Ich mag keine Rave Venues, ich wollte einen Club.“
VIRGINIE VIARD, Kreativdirektorin bei Chanel

Der magische Ort Club hatte für die Mode immer eine enorme Strahlkraft. Das britische Victoria and Albert Museum ließ bereits 2013 mit der Ausstellung „Club to Catwalk“ das London der 80er-Jahre wiederaufleben, in dem Musik, Mode und Kunst ihre enge Beziehung vor allen Dingen an einem Ort austrugen: im Club. Hier gewannen Subkulturen wie die New Romantics, Camp und Goth an Kontur, hier loteten Charaktere wie der australische Performancekünstler, Designer und Clubbesitzer Leigh Bowery oder der Musiker Boy George die Grenzen des Geschmacks aus und setzten dabei etwa herzhaft und kunstvoll Theaterschminke, Pailletten, Tüll und Satin ein. Die über achtzig Kostüme der Ausstellung signalisierten, was auch heute den Club zu einem Sehnsuchtsort für die Mode macht: Hier ist sie frei von kommerziellen Zwängen und nur kreative Kraft, die es jedem ermöglicht, sich nach Lust und Laune selbst zu erfinden.

„Wenn man nicht absolut umwerfend aussah, kam man nicht rein“, sagt der Fotograf Jamie Morgan, der damals seine Karriere in London begann, „und umwerfend hieß nicht, dass man einen teuren Look von der Stange kaufte. Was zählte, war, dass man seiner eigenen Persönlichkeit Ausdruck verlieh, dass man sich damit Mühe gab. Je unerhörter, desto besser!“

Bauchfrei gehört bei Clubkids dazu, Chanel verschleiert die Aussicht auf die Körpermitte dezent.
Bauchfrei gehört bei Clubkids dazu, Chanel verschleiert die Aussicht auf die Körpermitte dezent. Foto: Chanel

Unerhört sehen bei Chanel und Gucci heute weder der Club noch seine Besucher aus. Aber das Freiheitsversprechen dieses Ortes deuten sie an, indem er entschieden anders aussieht als die Alltagswelt. Beide Marken inszenieren ihre Kollektionen mit Filmen, in Ermangelung physischer Schauen während der Pandemie. Für Gucci entwickelt die kanadisch-italienische Regisseurin Floria Sigismondi eine glamouröse und zugleich ätherische Ästhetik. Durch einen gänzlich rot ausgekleideten Flur, der von unzähligen winzigen Spots sanft illuminiert wird, betritt man das Savoy. Jenes Londoner Luxushotel, in dem Guccio Gucci, der Gründer der Marke, als Hotelpage arbeitete. Der rot schimmernde Flur markiert die Passage in eine andere Welt, eine Funktion, die bei Chanel die Treppe ins Untergeschoss übernimmt. Sie ist, nach dem Willen des niederländischen Kreativduos Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, so dunkel, dass man ihre Konturen nur erahnt. Und unten funkelt das Dunkel wie von Sternen erleuchtet. Hier beginnt der Club als Bühne, als Ort der möglichen Selbsterfindung: Jede, die eintritt, hat einen großen Auftritt, wie die Models Rianne Van Rompaey und Mica Argafiaraz, beide bauchfrei, wäre da nicht ein hauchfeiner Schleier, der die nackte Haut zwischen Tweed-Bustiertop und -rock bedeckt. Inez and Vinoodh setzen ganz auf Schwarz-Weiß-Optik und jenen an den Rändern weichgezeichneten, vorgeblich mühelosen Chic, der als Inbegriff von Paris gilt.


„Wenn man nicht absolut umwerfend aussah, kam man nicht rein.“
JAMIE MORGAN, Fotograf

Doch während das Savoy bei Gucci nachgestellt ist, findet die Chanel-Show im Chez Castel statt, das es seit den 70er-Jahren auf der Rue Princesse gibt, mitten in Saint-Germain-des-Prés. Damals gehörten Françoise Hardy, Françoise Sagan, Amanda Lear und Mick Jagger zu den Gästen, seine Anziehungskraft hat das Castel bis heute nicht verloren.

Die Realität des Nachtlebens sieht natürlich gerade anders aus. Alles dicht, alles tot, nur die Sehnsucht lebt. Wie sehr, davon künden seit Beginn der Pandemie illegale Raves unter Brücken, in alten Bunkern, tief in Waldgebieten zwischen Autobahnen und Weideland und in städtischen Parks. Und egal wie illegal diese Partys sein mögen, selbst die Polizei scheint mitunter Verständnis für die jungen Feierwütigen zu haben, wie man einigen Berichten von aufgelösten Partys entnehmen konnte.

Aber es gibt auch andere Reaktionen. Als die italienische Luxusmarke Bottega Veneta im April erst im geschlossenen Berliner Club Berghain ihre neue Mode zeigte – mit Hygienekonzept, wie betont wurde – und im Anschluss im Soho House eine Party feierte – ohne Konzept, aber mit jeder Menge Tanzender auf engem Raum –, sorgten die Bilder der Feiernden, unter denen auch Designer Daniel Lee war, für großen Unmut. Rücksichtslos und elitär sei so eine Aktion, so die fast einhellige Meinung. Das war ein eindrücklicher Beleg dafür, wie dünn die Nerven nicht nur bei denen sind, die gerne feiern wollen, aber aufgrund der Regeln gezwungen sind, die Füße stillzuhalten.

Tom Ford lässt grüßen: Sein sexy Anzug aus rotem Samt ist jetzt nicht nur für Frauen, sondern für alle.
Tom Ford lässt grüßen: Sein sexy Anzug aus rotem Samt ist jetzt nicht nur für Frauen, sondern für alle. Foto: Gucci

Hilft denn die Mode weiter, wenn schon der Club verschlossen bleibt? Alessandro Michele verabschiedet sich von den mindestens 22 Lagen, die seinen bisherigen Nerd-im-Zwiebellook-Stil kennzeichneten, und setzt stattdessen auf Sex. Ja, richtig, anlässlich des 100. Jubiläums von Gucci erinnert sich Michele an die Ära des Designers Tom Ford, dazu passt nicht nur der schmal geschnittene kardinalrote Samtanzug, zuletzt gezeigt von Ford für den Herbst und Winter 1996, den einer der Clubber im Eingang des Savoy trägt. Sondern auch die Korsagenkleider aus schwarzer, durchsichtiger Spitze und die Tatsache, dass das Erbe als Lederwarenhersteller gewürdigt wird, mit Harnessen, Reiterstiefeln und -kappen und schnalzenden Lederpeitschen, die eher nach Fetisch-Besteck aussehen als nach Reitsportausrüstung. Nicht fehlen dürfen die zeitlosen Insignien der Clubkids: Piercings wie zum Beispiel Nasenringe, hier üppig strassbesetzt. Bei Chanel fällt neben den Spitzen-Radlerhosen, Chiffon-Fähnchen, Hotpants, Tweed-Bustiertops, schweren Boots und Bauchkettchen vor allem der Anhänger an einer Kette von Mica Argañaraz ins Auge. Er erinnert an die knallbunten, wasserdichten Schwimmsafes der 80er, die wegen ihrer kindlich naiven und bunten Anmutung und Praktikabilität – niemand kann wirklich tanzen, wenn er dabei eine Markenhandtasche umklammern muss – zu den Accessoires der ersten Raver-Generation gehörten. In der Neuauflage von Chanel-Designerin Virginie Viard sehen sie edler aus, in glänzendem Bordeaux und Schwarz und ebenfalls besetzt mit Strasssteinen.

Gucci begann mit Lederwaren, zum 100. Jubiläum wird aus der Reiterkappe ein Fetisch fürs Nachtleben.
Gucci begann mit Lederwaren, zum 100. Jubiläum wird aus der Reiterkappe ein Fetisch fürs Nachtleben. Foto: Gucci

Die Mode sehnt sich nach dem Club als Ort der Befreiung und träumt davon, wieder ein Mittel der Selbsterfindung zu sein, ein deutungsoffenes Spielzeug wie in den 80er-Jahren. Aber hat das vierzig Jahre später überhaupt noch Bestand? Individualisierung ist in der Mode längst eine käufliche Dienstleistung und bedeutet etwa, dass man sich die eigenen Initialen auf die Handtasche drucken lassen kann oder den Grad der Verwaschenheit seiner Jeans selbst bestimmt. Ein Look ist nicht länger die Material gewordene Fantasie eines Leigh Bowery – der den Begriff Look erst prägte und seine raumgreifenden Kostümierungen mit Basteldraht und Pappmaschee Gestalt annehmen ließ –, sondern, zumindest in der Luxusmode, die genaue, in der Editorial-Fotografie sogar oft vorgeschriebene, Kombination von Kollektionsteilen einer Marke, vom Schuh bis zum Scheitel. Spielerisch ist das nicht, und Kreativität ist so in der Mode nicht länger ein Wert.

„Was damals alle verband, war die Flucht vor der Langeweile“, sagt der britische Fotograf Jamie Morgan, der in den 80er-Jahren selbst ein Clubgänger war, „wir wollten eine Welt außerhalb des Mainstreams schaffen, der uns langweilte. Wir trafen uns dort, um uns gegenseitig unsere selbst entworfenen Looks vorzuführen, zusammen zu sein und uns aneinander zu freuen. In der Hinsicht war das alles sehr frei.“


„Was damals alle verband, war die Flucht vor der Langeweile.“
JAMIE MORGAN, Fotograf

Wenn jetzt also Chanel und Gucci den Club als Sehnsuchtsort der Mode wiederentdecken, geht es vielleicht auch darum, die Möglichkeiten, die Mode schafft, neu auszuloten. Virginie Viard beispielsweise zeigt neben den Hotpants, kleinen Tops und Boots, die maximale Bewegungsfreiheit zum Tanzen lassen, auch gesteppte Latzhosen, die Modekritikerinnen wie Vanessa Friedman von der New York Times unpassend erscheinen, ja über die sich sogar die britische Subkultur-Bibel, das Dazed-Magazin, mokiert. Klar, sie sehen unförmig aus und haben mehr mit dem Rüstzeug der 80er-Jahre-Anti-AKW-Bewegung zu tun als mit dem französischen Chic des Hauses Chanel. Nur macht genau das sie interessant: dass sie inmitten all des fein austarierten Stylings knapp daneben aussehen, nicht wie kalkulierter Bad Taste. Das lässt Platz für Spielfreude – und genau die brauchen wir jetzt.

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