Muslimisch-jüdisches Abendbrot

Halbmond-Deko am Christbaum?

Von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel
29.11.2021
, 09:01
Meron Mendel und Saba-Nur Cheema
Neuerdings sind wir Eltern. Mit einem muslimisch- israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessischen Kind ist die Identitätskrise programmiert – und auch die Herausforderung für das Bürgeramt. Eine Kolumne.
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Oft haben wir uns über Freunde amüsiert, die das Kindergroßziehen zum Projekt permanenter Optimierung machen. Jeder Schritt ist minutiös und nach dem letzten Trend aus Elternforen durchgeplant. Vom Öko-Tragetuch über die Einrichtung des Kinderzimmers nach Feng-Shui bis zur multilingualen Kita (am liebsten mit Erstsprache Mandarin) – alles, damit das Baby seine Chancen auf Nobelpreis oder Oscarnominierung nicht schon vor dem Abstillen verpasst. Jetzt sind wir dran in Sachen Kinderbeschleunigung – denn neuerdings sind wir Eltern.

Mit Feng-Shui können wir zwar nichts anfangen, aber in puncto hybride Identität haben wir einiges zu bieten: muslimisch, israelisch-jüdisch, pakistanisch und hessisch – all dies ist unserem Kind schon in die Wiege gelegt. Wenn es mit dem Nobelpreis nicht klappt, garantiert die Muttersprachkombination immerhin eine Karriere als Mossad-Agent.

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Erste Anlaufschwierigkeiten

Das „Projekt“ jüdisch-muslimisches Kind hat allerdings Anlaufschwierigkeiten. Gleich bei der Beantragung der Geburtsurkunde wurden wir auf dem Amt freundlich darauf hingewiesen, dass eine doppelte Religionszugehörigkeit – jüdisch und muslimisch – nicht gestattet ist. Nach kurzer Beratung im Flur kamen wir mit einem neuen Vorschlag: Wie wäre es mit „divers“ als Religionszugehörigkeit? Mit neuerlichem Kopfschütteln wurde unser progressiver Einwurf niedergeschmettert. Letztlich mussten wir uns mit der Bezeichnung „konfessionslos“ zufriedengeben.

Die Konfessionslosigkeit unseres Sohns wird aber nicht nur durch den Staat, sondern auch von den Religionsgemeinden erzwungen. Aus Sicht beider Orthodoxien ist er weder jüdisch noch muslimisch. Das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, legt fest, dass das Jüdischsein über die Mutter, das islamische Gesetz regelt, dass das Muslimsein nur vom Vater weitergegeben wird. Eine umgekehrte Vater-Mutter-Konstellation wäre aus orthodoxer Sicht womöglich einfacher – lieber ein Doppelpass statt staatenlos, sozusagen.

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Traurigerweise folgen beide Verbände in Deutschland der orthodoxen Sicht der Dinge so streng, als würde jede andere Auslegung den Untergang der eigenen Gemeinschaft heraufbeschwören. Dabei würde sich ein Blick über den deutschen Tellerrand lohnen. Ein Argument für die Erweiterung der Religionsweitergabe für beide Elternteile wäre etwa die Geschlechtergerechtigkeit.

Die Patrilinearität im Islam ist nicht ohne Gegenbeispiel: So gibt es auf der Insel Sumatra in Indonesien eine muslimische Community, in der ähnlich wie im Judentum das Prinzip der Matrilinearität gilt. Die Minangkabau-Community gilt als größte matriarchale Gesellschaft der Welt. Nicht nur die Religionszugehörigkeit, sondern auch das Eigentum und sogar der Thron in der Königsfamilie wird über die Linie der Frau vererbt. Die Abweichung ist Fundamentalisten natürlich ein Dorn im Auge, und die Community wird auch von Salafisten auf der Insel häufig angefeindet.

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Im Islam nennt man das Takfir

Auch die Festlegung des Judentums auf die mütterliche Erbfolge kann infrage gestellt werden. Bis etwa 200 n. Chr. galt das patrilineare Prinzip. In Amerika beschloss die Central Conference of American Rabbis als Reaktion auf die Verbreitung von „mixed marriages“ schon 1983, Kinder jüdischer Väter als vollwertige Juden anzuerkennen, sofern sie jüdisch erzogen werden. Seitdem sind fast alle jüdischen Gemeinden im Westen dem Vorbild gefolgt. In Deutschland ticken die Uhren langsamer:

Es ist nicht lange her, als der Zentralrat der Juden den Lyriker Max Czollek zum Nichtjuden erklärte, weil er keine jüdische Mutter hat. In einer liberalen, pluralen Gesellschaft ist es ein außergewöhnlicher Vorgang, dass ein Religionsverband öffentlich einer Privatperson ihre Religionszugehörigkeit abspricht. Im Islam wird das als Takfir bezeichnet: ein Vorgang, der heutzutage eher in Iran oder in Saudi-Arabien praktiziert wird.

Was unseren Familien Angst macht

Ob diese theologischen Fragen unseren Sohn in Zukunft tatsächlich beschäftigen werden, wissen wir nicht. Aber für unsere Familien ist es aktuell eine zentrale Frage: Was ist er denn nun – Jude oder Muslim? Hier wird schnellstens eine klare Antwort verlangt. Das fängt schon beim Namen an. Wir haben uns für einen arabischen Vornamen und einen jüdischen Nachnamen entschieden. Auf Spotify haben wir eine Playlist erstellt, in der Songs auf Hebräisch, Arabisch und Urdu abwechselnd laufen – von zionistischen Kinderliedern aus den Zwanzigern bis zu Koranversen, die Gott lobpreisen.

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Und dann ist da noch die Sache mit der Beschneidung. In unserer Umgebung wird vor Identitätskrisen gewarnt, wenn dem Kind nicht von Anbeginn eine klare religiöse Identität vermittelt wird. Vielleicht sind wir naiv und werden bald auf die Nase fallen, doch die Vorstellung, die unseren Familien Angst macht, bereitet uns Freude. Wie falsch kann es sein, ein Kind in dem Wissen zu erziehen, dass es mehr als eine richtige Religion gibt?

Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist verständlich. Sogar die liberalen und die Reformbewegungen in Islam und Judentum empfehlen interreligiösen Familien, sich für eine Religion in der Kindererziehung zu entscheiden – während die andere nur „respektiert“ werden soll. Nach welchen Kriterien sollten wir dies aber entscheiden? Schicken wir die Großeltern in einen Ring? Werfen wir eine Münze?

Begeben wir uns in die endlose theologische Debatte, ob im Himmel ein Jehova oder Allah ist? Uns ist auch der „Respekt“ der anderen Religion gegenüber zu wenig. Es geht uns um ein gleichberechtigtes Ausleben der beiden Traditionen und Kulturen. Und warum eigentlich nicht? Wieso kann in Zeiten, in denen der Staat neben männlich und weiblich diverse Geschlechtsidentitäten anerkennt, nicht auch die religiöse Identität divers sein?

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UND statt ODER

Viele denken, dass Identitäten nach dem ODER-Prinzip funktionieren: schwarz oder weiß, Deutsch oder Migrant, Frau oder Mann. Warum kann Identität nicht nach einem UND-Prinzip funktionieren? Wir sind Migranten und Deutsche und gläubig und häretisch und Fahrradfahrer – alles zugleich. Widersprüche gehören zum menschlichen Wesen, und in der postmi­grantischen Gesellschaft werden sie eher häufiger.

Dann gibt es halt Mazze zum Ramadan-Fastenbrechen, wenn Pessach und Ramadan auf dieselbe Zeit fallen, wie im kommenden Frühjahr. Und wenn wir diese Woche Chanukka feiern, gibt es neben dem öligen Sufganiyot auch Baklava in Honig getunkt – die große Gefahr ist hier nicht die interreligiöse Zusammensetzung, sondern der übermäßige Zuckergehalt.

Zugegeben: wir haben auch unsere Grenzen. Wir wollen kein Religions-Disneyland mit einem Weihnachtsbaum, tibetischer Gebetsfahne und Ojibwa-Traumfänger. Neulich fragte uns eine Freundin ernsthaft, ob wir einen Weihnachtsbaum mit Halbmond und Davidsstern-Deko im Wohnzimmer aufstellen.

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Familien in der Westbank

Ob es funktioniert, wissen wir nicht. Vielleicht haben diejenigen recht, die uns vor der programmierten Identitätskrise warnen. Zu unserer Verteidigung können wir andere muslimisch-jüdische Paare als Beispiel heranziehen. Bei ihnen scheint es bisher gut gegangen zu sein, wie unsere Internetrecherche zeigt. Einige sind mit einer härteren Realität konfrontiert, wie die Familie von Sary Bashy. Die amerikanische Jüdin lebt mit ihrem palästinensischen Mann und zwei Kindern in der Westbank.

In ihrem Blog „Raising my Kids in Israel/Palestine“ beschreibt sie, wie die politischen Ereignisse ihr Familienleben beeinflussen. So kann auch der Ausbruch von sechs palästinensischen Gefangenen aus dem israelischen Gefängnis zu einer Familiendiskussion führen, in der die Kinder zwei Sichtweisen kennenlernen. Gäbe es mehr Kinder, die in solchen Familienkonstellationen aufwachsen, wäre der Frieden in Nahost vielleicht ein Stück näher.

Auch wenn wir uns immer wieder dabei erwischen, die Erziehung durchzuplanen und dem Optimierungsdrang nach einer perfekten Kindheit nachzugehen, erinnern wir uns daran, dass Kinder nicht zu programmieren sind. Vielleicht wird sich unser Sohn weder für den Islam noch für das Judentum interessieren, sondern mehr für Fußball, Star Wars oder Kernphysik. Vielleicht sollten wir als Erwachsene den Wunsch aufgeben, dass Kinder unseren Weg gehen. So hat es unsere Generation nicht einmal geschafft, Partikularismus und Vorurteile zu überwinden. Immer noch wird die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe vor universelle Werte gestellt.

Wäre es nicht ein Versuch wert, Kindern die Chance zu lassen, ihren eigenen Weg zu finden? Vielleicht besteht Erziehung darin: auf diesem Weg die gröbsten Steine wegzuräumen. Und nebenbei die perfekte Spotify-Playlist zu erstellen!

Meron Mendel, 1976 in Israel geboren, ist Professor für Soziale Arbeit und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

Saba-Nur Cheema, 1987 in Frankfurt geboren, ist Politologin, Antirassismus-Trainerin und Beraterin des Bundesinnenministeriums zum Thema Muslimfeindlichkeit.

Quelle: F.A.Z.
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