Muslimisch-jüdische Kolumne

Wem gehören eigentlich Falafel?

Von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel
26.02.2022
, 17:56
Produkt einer Aneignung? Hummus und Falafel
Der Vorwurf kultureller Aneignung wird häufig erhoben, dabei liegt ihm ein entscheidender Denkfehler zugrunde. Die muslimisch-jüdische Kolumne „Abendbrot“.
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Eingetrübt von der aktuellen Weltlage, sind Helau und Alaaf dieses Jahr, wenn überhaupt, nur gedämpft zu hören. Und auch die sonst so dringlich geführten Diskussionen um die Unbedenklichkeit von Verkleidungen rücken in den Hintergrund, Fragen wie die, ob man sein Kind als „Indianer“ oder mit Sombrero zum Karneval gehen lassen sollte. Fasching ist nicht mehr so einfach zu feiern. Mit anderen Eltern reden wir darüber, wie wir zu den Kostümierungen stehen. Sind sie rassistisch, oder sind wir zu sensibel geworden?

„In meiner Grundschulzeit kostümierten sich die Kinder oft als Angehörige anderer Nationen und ethnischer Gruppen. Meiner Mutter mussten wir Kinder Fasching erst erklären: Ich erzählte ihr, dass sich meine Freunde als Chinese und Franzose ‚verkleiden‘ werden. ‚Dann gehst du als Pakistanerin!‘, war ihre einfache und zugleich geniale Idee. Die traditionelle Kleidung mussten wir nur aus der obersten Schublade im Kleiderschrank ziehen, und schon war mein ‚Kostüm‘ fertig.“

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„In Israel wird im Frühjahr das Purim-Fest gefeiert. Um an die Rettung der Juden im Persischen Reich zu erinnern, verkleiden sich Kinder und Erwachsene. Bunte Karnevalszüge ziehen durchs Land. Als Kind im Kibbuz hatte ich beim Kostüm wenig Auswahl. Mir wurde zugeteilt, was gerade auf Lager war und meine Größe hatte. So war ich mal Samurai, mal Zwerg oder russischer Kosak. Einmal musste ich unter der prallen Wüstensonne ins gefütterte ‚Eskimo‘-Kostüm schlüpfen. Die Mädchen tauchten mal als ‚Chinesin‘ mit geschminkten Augen oder ‚Niederländerin‘ mit Klompen auf. Das war unser Bild über die Menschen anderer Länder, da zu dieser Zeit aus dem Kibbuz kaum jemand mal im Ausland war.“

Darf sie das? Helen Mirren (unser Foto) steht in der Kritik, weil sie die einstige israelische Premierministerin Golda Meir in einem Film verkörpert.
Darf sie das? Helen Mirren (unser Foto) steht in der Kritik, weil sie die einstige israelische Premierministerin Golda Meir in einem Film verkörpert. Bild: Jasper Wolf

Auch solche Kindheitserzählungen können heutzutage schon problematisch werden. So musste sich die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch voriges Jahr für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ entschuldigen, da sie in der Rede zu ihrer Kandidatur gesagt hatte, sie wollte schon als Kind „Indianerhäuptling“ werden. Heutzutage werden Verkleidungen, die Menschen mit anderen Herkünften stereotyp imitieren, oder Frisuren, die aus anderen Kulturkreisen stammen, als Ausdruck von „kultureller Aneignung“ gesehen. Gemeint ist aber nicht jede Art der Imitation: wenn wir zwei Lederhose und Dirndl auf dem Oktoberfest tragen, werden die Verfechter des Konzepts nicht Alarm schlagen. Wenn sich aber die Moderatorin Annemarie Carpendale mit einem „Indianerkostüm“ verkleidet oder Justin Bieber sich in Dreadlocks zeigt – beides vergangenes Jahr passiert –, geht der Shitstorm los.

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Kommentare wie diese erreichten Carpendale: „Andere Kulturen sind einfach kein Kostüm! Es ist kulturelle Aneignung und rassistisch. Punkt. Zieh das Kostüm aus, schmeiß es in die Tonne, und höre den Stimmen Betroffener zu!“ Auf Bieber, den Wiederholungstäter – er hatte 2016 schon mal die Frisur –, gab es Tausende Kommentare wie: „Heuchler. Du machst dich gegen Rassismus stark, um dann als weißer Mann Dreadlocks zu tragen.“ In die Missgunst der Kritiker geraten nicht nur Promis aus dem Showbiz, sondern auch linke Idole wie die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete, wenn sie Dreadlocks trägt. Tja, was zählen schon die Menschenleben, die sie gerettet hat, wenn sie sich so eine Unverschämtheit erlaubt hat!

Stimmt denn die Cambridge-Definition?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist gut, dass mehr Sensibilität für Stereotype und Vorurteile geschaffen wurden, dass Schulen Kostüme als unerwünscht erklären, wenn sie für Kulturen, Geschlecht, Herkunft oder Religion beleidigend sind können. Noch nicht angekommen ist das bei den meisten Karnevalsvereinen, die auf der jahrhundertealten rassistischen Praxis des Blackfacings beharren – einer Theatermaskerade, die im Amerika des achtzehnten Jahrhunderts in den sogenannten Minstrel-Shows entstanden ist, um Schwarze bloßzustellen.

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Aber im Konzept der kulturellen Aneignung geht es nicht nur um die Kritik an rassistischen Praxen. Es geht im Kern darum, dass jemand aus der „Dominanzkultur“ ein Merkmal oder Ritual einer anderen, (ehemals) unterdrückten Kultur nutzt. Nach der Cambridge-Definition ist kulturelle Aneignung „das Verwenden von Dingen einer Kultur, die nicht deine eigene ist, insbesondere, ohne dabei zu zeigen, dass du diese Kultur verstehst oder respektierst“. Der Definition liegt die falsche Vorstellung zugrunde, dass Kulturen isoliert voneinander existieren und nur zu bestimmten Menschen qua Abstammung gehören. Wer einen Native American im Stammbaum hat, darf Federschmuck mit gutem Gewissen tragen, auch wenn das Generationen zurückliegt. Wir zwei könnten demnach aber kein Karate-Studio eröffnen, dafür fehlen uns japanische Wurzeln. Aber ein Yoga-Studio würde gehen, denn wir haben ausreichend indische Vorfahren; alternativ ginge ein Krav-Maga-Club. Traditionen und historische Erfahrungen avancieren im Konzept der kulturellen Aneignung zum exklusiven Eigentum einer vermeintlich homogenen Gruppe: egal wie du dich selbst definierst, deine Herkunft bestimmt, wer du bist und was dir zusteht.

In Wahrheit war und ist Aneignung die gängige Praxis, wie Kulturen über Jahrtausende weiterentwickelt wurden. Beispielsweise hat sich die jüdische Religion mesopotamische und aramäische Zivilisationen angeeignet; die christliche Welt ist von jüdischen Traditionen beeinflusst. Egal ob Kostüme, Essen, Kunst oder Film – überall wird kulturell angeeignet. Dabei vermengen sich berechtigte Kritik und sinnloser Krawall: Berufsmäßige Hüter kultureller Reinheit beanspruchen, für ein (vermeintlich homogenes) Kollektiv zu sprechen, das sie freilich niemals dazu beauftragt hat.

Meron Mendel und Saba-Nur Cheema
Meron Mendel und Saba-Nur Cheema Bild: David Bachar

Übrigens, auch wir sprechen nicht für Juden und Muslime. Wir denken vielmehr, dass gerade das Hineinversetzen in andere Kulturen und Lebenswelten großes Potential für Empathie und Solidarität hat: die Fähigkeit, sich in andere Geschichten, Lebenswelten und Epochen einfühlen zu können. Das ist es, was Solidarität jenseits von Kultur und Religion ausmacht. Ein Beispiel dafür war 2018 die Solidaritätsaktion „Berlin trägt Kippa“, nach einem antisemitischen Angriff. Bundesweit erlebte diese Aktion viel Zuspruch, Tausende trugen öffentlich Kippa. Wir und viele unserer jüdischen Freunde haben sich über diese menschliche Geste gefreut. Für selbst ernannte jüdische Aneignungskritiker war das ein No-Go. Eine Aktivistin schrieb: „Wenn irgendwelche wc-Deutsche (weiß-christlich) sich Symbole aneignen und diese zur Schau stellen, weil sie es können, weil sie bestimmte strukturelle, historische, emotionale Erfahrungen in ihrem Heranwachsen und Alltag nicht erlebt haben, dann ist das nicht Solidarität, dann ist das Kackscheiße.“

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Kultur und Religion in Besitz von bestimmten Gruppen

Auch woke Muslime ärgern sich über die Verwendung ihrer religiösen Symbole. 2018 trugen die Gucci-Models Kopftücher und Turban. Kritisiert wurde, dass das Kopftuch auf dem Laufsteg akzeptiert wird, auf der Straße aber zu Anfeindungen führt. Zwar war das von Gucci ganz sicher keine Solidaritätsaktion – aber vielleicht doch ein Signal dafür, dass das Kopftuch Teil der gegenwärtigen europäischen Kultur geworden ist? Und was ändert sich im Alltag und in der Diskriminierung kopftuchtragender Frauen, wenn Modehäuser Kopftücher aus ihrer Kollektion nehmen?

Die Vorstellung, dass Kultur und Religion im Besitz von bestimmten Gruppen sind, überträgt sich so auch auf die Besetzung von Rollen im Theater und Film. Kürzlich sorgte die britisch-jüdische Schauspielerin Maureen Lipman für Schlagzeilen, als sie die Besetzung einer Nichtjüdin für die Rolle der Golda Meir, der ehemaligen Premierministerin Israels, in einem Film über ihr Leben infrage stellte. Für solche Fälle hat die Komikerin Sarah Silverman den Begriff „Jewfacing“ kreiert. Lipman meint, dass niemand auf die Idee kommen würde, dass Ben Kingsley die Rolle von Nelson Mandela spielen solle. Also warum erlaubt man bei Golda Meir eine nichtjüdische Besetzung? Schlechtes Beispiel: Kingsley war tatsächlich nie Mandela, aber die Rolle des Mahatma Gandhi hat er grandios gespielt. Denkt man daran, die Forderung in Deutschland umzusetzen, wäre das aktuell ziemlich kompliziert. Hier wird ja noch gestritten, wer sich als Jude bezeichnen darf.

Der Versuch, Minderheitsrollen im Film „authentisch“ zu besetzen, tendiert dazu zu scheitern. So suchte Disney für die Neuverfilmung von „Aladdin“ mit großem Aufwand einen Schauspieler mit arabischen Wurzeln, um bloß nichts falsch zu machen. Dabei ist es bis heute ein Rätsel, ob der Aladdin aus der Erzählung Araber, Inder oder Chinese war. Die Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ haben ihre Vorbilder in persischer, mesopotamischer, indischer, jüdischer und ägyptischer Literatur – adaptiert wurden sie von einem weißen französischen Orientalisten.

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Konzept Fusion-Küche taugt als Vorbild

Die kleine Schwester von kultureller Aneignung ist die kulinarische Aneignung. Vergessen wir Yoga und Krav Maga – wir könnten den aktuellen Hype um die israelische und indisch-pakistanische Küche nutzen. Hummus, Falafel, Samosa und Pakora haben Konjunktur und dürfen inzwischen in keinem veganen Restaurant fehlen. Aber Moment mal, ist die israelische Küche nicht auch kulinarische Aneignung? Wem gehören eigentlich Falafel? Waren es jemenitische Juden, irakische Juden oder gar die Palästinenser, die die Urheberrechte besitzen? Als ob es nicht schon genug Konflikte um Land, Wasser und heilige Orte gibt.

Wenn man es schafft, nicht über kulinarischen Besitz zu streiten, sondern eine gemeinsame Kochkultur zu entwickeln, entstehen nicht nur köstliche Gerichte, sondern auch Ansätze für eine Verständigung – wie im Kochbuch „Jerusalem“ des palästinensischen Kochs Sami Tamimi und des israelischen Kochs Yotam Ottolenghi. Vielleicht sollte das Konzept der Fusion-Küche auch auf andere Aneignungsformen übertragen werden? Weder überkommene Klischees, schlechte Traditionen noch vermeintlicher kultureller Besitz brauchen Fürsprecher. Stattdessen sollten wir kulturelle Neugier belohnen – und uns bemühen, auf ihrer Basis gemeinsam etwas Neues zu erschaffen.

Saba-Nur Cheema, 1987 in Frankfurt geboren, ist Politologin, Antirassismus-Trainerin und Beraterin des Bundesinnenministeriums zum Thema Muslimfeindlichkeit.

Meron Mendel, 1976 in Israel geboren, ist Professor für Soziale Arbeit und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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