Johannes Fried wird achtzig

Mut zur Stichprobe

Von Patrick Bahners
23.05.2022
, 15:13
Gemeinsam mit Lothar Gall, Notker Hammerstein und Heribert Müller prägte Johannes Fried ein goldenes Zeitalter des Historischen Seminars der Frankfurter Goethe-Universität.
Der Frankfurter Mittelalterhistoriker Johannes Fried hat sich der Leben-Jesu-Forschung zugewandt. Er zeigt, dass Quellenkritik und Spekulation zusammengehören. Jetzt wird er achtzig.
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In der „Theologischen Rundschau“ erschien 2008 ein Rezensionsaufsatz über das Buch „Jesus and the Eyewitnesses“ von Richard Bauckham. Der anglikanische Theologe kritisiert die für die moderne wissenschaftliche Bibelkritik prägende Ansicht, die Lebensgeschichte Jesu sei vor ihrer schriftlichen Fixierung in den Evangelien durch mündliche Traditionen der Urgemeinde geformt worden und daher, was den faktischen Kern des Geschehens betreffe, von Anfang an Legendenbildung. Laut Bauckham haben die Evangelisten mit Augenzeugenberichten gearbeitet; der Verfasser des Johannesevangeliums sei sogar selbst Augenzeuge gewesen.

Der Rezensent meldete nicht nur Zweifel an dieser ähnlich von Joseph Ratzinger in seinem im Pontifikat veröffentlichten Jesus-Buch vertretenen Theorie der Textgenese an; er bezweifelte vor allem, dass sie, selbst wenn sie zutreffen sollte, das von Bauckham und Benedikt XVI. erhoffte sichere Wissen über die Geschichte vor dem Text begründen könnte. Augenzeugen seien nicht von vorneherein besonders zuverlässig oder in einem absoluten Sinne glaubwürdig. Für diesen quellenkritischen Grundgedanken führte der Rezensent eine Stimme aus der Geschichtswissenschaft an: Es müsse, „wie Johannes Fried in einer neueren Studie gezeigt hat, die Kategorie der Erinnerung selbst kritisch daraufhin geprüft werden, inwieweit sie Ereignisse selektiert und subjektiv einfärbt“.

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Eine neue historische Grundwissenschaft

Die Studie des Frankfurter Mittelalterhistorikers ist ein Buch von 500 Seiten, das 2004 bei C. H. Beck erschienen ist und sich sowohl an die Fachwelt als auch an das allgemeine Publikum wendet. Unter dem Titel „Der Schleier der Erinnerung“ entfaltet Fried „Grundzüge“ einer neuen Hilfs- oder Grundwissenschaft, der „historischen Me­morik“. Er radikalisiert den methodischen Zweifel, der die Geschäftsgrundlage seines Faches ist, indem er die Quellenkritik rückwärtig erweitert und auf die Vorgeschichte der Quellenproduktion ausdehnt. Erratisch, fragmentarisch und parteiisch ist die Erinnerung schon, bevor sie zu Papier oder auch nur zur Sprache gebracht wird, als Impulsverkettung im Gehirn.

Nach einer großen, mehrfach aufgelegten Biographie Karls des Großen, die das Gefühl des Begründers des mittelalterlichen Kaisertums herauspräpariert, kurz vor dem Jüngsten Ge­richt zu leben, und einer Geschichte des christlichen und nachchristlichen Weltuntergangsdenkens wandte sich Fried 2019 zurück zu den Anfängen dieser Erwartungen und Befürchtungen: den Zeugnissen für das Leben des Wanderpredigers, der so überzeugend über das kommende Reich Gottes geredet hatte, dass Millionen von Menschen zwei Jahrtausende später immer noch glauben, es sei in seiner Person bereits angekommen. Frieds Beitrag zur Le­ben-Jesu-Forschung verkündete ei­ne Sensation: Er verdoppelte den Gegenstand dieser Forschung, indem er dem Leben Jesu eine zweite Hälfte hinzufügte, die Zeit nach der Auferstehung, die in Frieds Erzählung kein Wunder war, sondern sich beinahe alltäglich anfühlt. Jesus ist aufgestanden – weil er am Kreuz nicht gestorben ist, sondern nur das Bewusstsein verlor. Der Titel des Buches fasst dessen Resultat in seiner ganzen faszinierenden Einfachheit zusammen: „Kein Tod auf Golgatha“.

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Den Beweis sieht Fried, einem Aufsatz aus einer medizinischen Fachzeitschrift folgend, auf den ihn ein Freund hinwies, im Lanzenstich, der Blut und Wasser getrennt austreten ließ. Die Waffe soll in den Spalt zwischen Lungenfell und Rippenfell eingedrungen sein und damit den Erstickungstod verhindert haben. Größere Beweislast ist einer ingeniösen Vermutung wohl noch nie aufgebürdet worden. Fried streicht mit der Auferstehung den Glaubensinhalt aus der christlichen Überlieferung, an dem die Identität der Christen hängt – in diesem Sinne zitieren Christen jedenfalls den Apostel Paulus. Andererseits macht er auch die gegenläufige liberale oder psychologische Deutung der Glaubenslehre gegenstandslos, die mehr oder weniger stillschweigend unterstellt, die christliche Botschaft kompensiere das verdrängte Wissen von der Nicht-Auferstehung, verarbeite die Enttäuschung der Jünger über den Tod des Meisters.

Wie es eigentlich gewesen

Fried, der aus Hamburg gebürtige, in Heidelberg aufgewachsene Sohn eines Pfarrers, glaubt, dass er frommen Lesern Schmerzen zufüge. Alles kommt auf Frieds Stichprobe im buchstäblichsten Sinne an: Wie ist es bestellt um den Status der Nachricht vom Lanzenstich, die nur bei Johannes steht? Die Antwort des Buches: Der Text des Johannes ist der „einzige Bericht eines Augenzeugen“, bietet einzigartige, realistische und ausführliche Details und „folgt keinen fremden Mustern, sondern der eigenen Wahrnehmung“.

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Ist Fried in diesem Alterswerk fromm in dem Sinne geworden, dass er sich erkenntnistheoretisch betäubt hat und den Stachel der eigenen Memorik nicht mehr spürt? Der Verdacht geht in die Irre. Mit Recht verwahrt sich Fried gegen die Verwechslung seines Kons­truktivismus mit dem Pyrrhonismus, einem Skeptizismus, der jede Möglichkeit historischer Erkenntnis bestreitet. Frieds mediävistische Karriere durchziehen heftige Kontroversen, in denen er hergebrachte Ansichten über Ereigniskomplexe quellenkritisch zerlegte, so über die Rolle Kaiser Ottos III. bei der Begründung des polnischen Königtums und über den Tag von Canossa. Immer meinte er aber auch zu wissen, wie es eigentlich gewesen war. Wie er mit seinem Plädoyer für eine „neurokulturelle Geschichtswissenschaft“ die Fachgenossen aufforderte, die Ergebnisse der Hirnforschung zur Kenntnis zu nehmen, wie sie der charismatische Frankfurter Max-Planck-Direktor Wolf Singer populär machte, so übernimmt er die Diagnose der Lanzenstichfolgen als positives Wissen. Als „hypothetisch“ bezeichnet er ausdrücklich nur die zweite Hälfte von „Kein Tod nach Golgatha“, seine Suche nach Quellenspuren für die weitere Laufbahn des mit dem Leben davongekommenen Wanderpredigers, nicht die erste. Der F.A.Z. sagte er 2006: „Ich fühle mich als Außenseiter, weil die Fragen, die ich stelle, an die Grenzen des bisherigen Forschens reichen.“

Seine Version der Urgeschichte des Christentums hat Fried inzwischen in einem zweiten Buch vertieft: „Jesus oder Paulus“. Es liegt nahe, die Attraktivität dieser Alternative mit den theologischen Konsequenzen einer Austreibung des Paulinischen aus dem Christlichen zu erklären und sich unter Ketzern, Aufklärern und Liberalen nach Vorläufern von Frieds Neuansatz umzusehen. Im Koran meint Fried den Niederschlag authentischer Überlieferung vom natürlichen Weiterleben Jesu zu finden. Diese Vermutungen Frieds berühren sich mit den Thesen des katholischen Theologen Karl-Heinz Ohlig zur Frühgeschichte des Islam. Ohlig geht so weit zu behaupten, dass der Prophet Mohammed nie gelebt habe und sein Name die verballhornte Form eines Titels für Jesus Christus sei. Eine analoge Operation hat Fried an Benedikt von Nursia durchgeführt, dem Gründer des abendländischen Mönchtums, den Fried zu einer Art Gedächtniseffekt erklärt. Bei Ohlig verbindet sich der philologische Radikalismus mit theologischem Rationalismus. Wenn Fried seinen Jesus mit dem „Ägypter“ identifiziert, der laut dem Historiker Flavius Josephus versucht haben soll, vom Ölberg aus Jerusalem zu erobern, wird man an Jan Assmanns Rehabilitierung des rationalistischen Mythos von „Moses dem Ägypter“ erinnert.

Doch so reizvoll solche weltanschauungstypologische Klassifizierung ist: Die Historisierung der wissenschaftlichen Hypothesenbildung kann den Streit um die Quellen nicht entscheiden. Umgekehrt gilt: Die Spekulation ist die notwendige Ergänzung, vielleicht sogar die Vollendung der Quellenkritik. Ängstliche Historiker wollen davon nichts hören. Johannes Fried inspiriert seine Leser, auch wo sie ihm nicht folgen können. An diesem Montag feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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