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Zum Tod von Mathias Schreiber

Gespür als Talent

Von Patrick Bahners
 - 15:24
Mathias Schreiber (1943 - 2019).

Sollen Kunstwerke, die im Kolonialzeitalter nach Europa verbracht werden, an ihre Ursprungsländer zurückgegeben werden? Mit besonderer Lautstärke wird der Anspruch für Kunst aus Afrika geltend gemacht. Der Direktor des Britischen Museums mahnt zur Vorsicht, die zuständigen deutschen Stellen verweisen auf die Schwierigkeiten einer allgemeinen rechtlichen Regelung. Über diese Debatte hat Mathias Schreiber nach dem Eintritt ins Feuilleton dieser Zeitung seinen ersten langen Artikel geschrieben, der heute eine Seite füllen würde und damals, 1982, in vier Spalten passte.

Ob mit dem „Raub des Erbes“ in Tateinheit ein „Raub der Seele“ verbunden war, fragte Schreibers Überschrift. Der Feuilletonist war es, der die Kategorie der kollektiven Psyche einführte. Er sah voraus, dass die Restitutionskampagne angesichts des Ablaufs aller juristischen Fristen einen tieferliegenden Schaden werde anmelden müssen. Heute sprechen Bénédicte Savoy und Felwine Sarr wie selbstverständlich von der Heilungsbedürftigkeit der afrikanischen Seele. Es wird behauptet, in den achtziger Jahren sei die Debatte unterdrückt worden. Aber es sind die Aktivisten, die keine Antwort auf die von Schreiber 1982 gestellte Frage haben, „ob der Begriff der nationalkulturellen ,Identität‘, nicht genauso ein Relikt des neunzehnten Jahrhunderts ist wie jener kolonialistische Sammeleifer, unter dem besonders die sogenannten Naturvölker gelitten haben, obwohl sie ihm auch die Erhaltung vieler Dokumente verdanken“.

Schreiber war ein Feuilletonist alter Schule, der vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ kam – seinerzeit entdeckten die Regionalzeitungen noch Talente. Er hatte als Literaturwissenschaftler und als Lyriker publiziert; in dieser Zeitung wurde er 1967 als „westdeutscher Weltbürger“ vorgestellt, Ludwig Harig rezensierte das bei Luchterhand erschienene Debüt. Aber Schreibers eigentliche Begabung war das Gespür für Stimmungen; kontinuierlich glossierte er als stellvertretender Leiter dieses Feuilletons die Tendenzwendungen des geistespolitischen Lebens.

Wie lebhaft es in der Spätzeit der alten Bundesrepublik zuging, ist vor lauter Klagen über die Polarisierung der Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten: „Das unsägliche – auch unsäglich faszinierende, erregende – Konglomerat aus Nominalismus, Schmittschem Dezisionismus, (typisch deutscher) Selbstverachtung des Intellektuellen, Historismus und Thomas von Aquin, das hier brillierte“ – so berichtete Schreiber im Feuilleton über den Auftritt eines Redaktionskollegen, des politischen Leitartiklers Jürgen Busche. In den innerredaktionellen Debatten verband sich Schreibers Angriffslust mit melancholischer Überempfindlichkeit. Er war so etwas wie ein Kulturpessimist contre cœu

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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