FAZ plus ArtikelKoloniale Raubkunst

Wie neugierig war Hernán Cortés?

04.03.2020
, 06:57
Die Kolonialismusdebatte als Chance: Nanette Snoep und Hermann Parzinger reden über das Humboldt-Forum und die Zukunft ethnologischer Museen.

Frau Snoep, Herr Parzinger, der Bericht zur Restitution, den Bénédicte Savoy und Felwine Sarr für den französischen Präsidenten Macron erstellt haben, wird weiter kontrovers diskutiert. Ihr Kollege, der gerade aus dem Amt geschiedene Gründungsdirektor des Musée du quai Branly, Stéphane Martin, hat in „Le Monde“ erklärt, der Bericht enthalte keine handhabbaren Kriterien für die Rückgabe von Objekten, er folge einer Logik der Selbstgeißelung. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hermann Parzinger: Die Radikalität, mit welcher der Bericht alles unter den Vorbehalt der Illegalität stellt, was im Zeitalter des Kolonialismus irgendwo gesammelt worden und nach Europa gekommen ist, lehne ich in dieser Form ab. Man muss sich die Dinge genauer ansehen. Erstens ist es wichtiger denn je, Provenienzforschung zu betreiben. Dabei ist nicht die Frage, in welchem Koffer irgendein Objekt nach Deutschland kam, sondern es geht um den historischen Erwerbungskontext. Wenn er problematisch ist, sollten Restitutionen möglich sein, und wir haben auch schon Dinge zurückgegeben. Eine Definition von sogenannten Unrechtskontexten findet man allerdings in keinem Leitfaden, weil immer vom Einzelfall ausgehen muss. Zweitens gibt es, wie wir bei unseren gemeinsamen Projekten mit Herkunftsländern immer wieder merken, eben auch Objekte, die den indigenen Vertretern sehr wichtig sind, obwohl sie auf legale Weise erworben wurden. Auch hier sind Rückgaben grundsätzlich vorstellbar. Die Museen sollten ihre Provenienzforschung deshalb nicht als Verteidigungslinie benutzen. Geschichte ist nie schwarz oder weiß, sondern besteht aus vielen Grautönen. Die Beschäftigung damit kann zu einem neuen Miteinander mit den Herkunftsgesellschaften führen. Nicht die Schuldfrage, die Zirkulation der Objekte ist das eigentlich Entscheidende.

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Nanette Snoep, in Utrecht geboren, studierte Ethnologie und Kulturmanagement. Sie gehörte zum Gründungsstab des 2006 eröffneten Musée du quai Branly in Paris. Von 2015 an leitete sie die drei Museen der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen. Seit 1. Januar 2019 ist sie Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums der Stadt Köln. Der aus München stammende Prähistoriker Hermann Parzinger ist seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und damit zuständig für das Humboldt-Forum, dessen Gründungsintendanz er mit Horst Bredekamp und Neil MacGregor bildete und dessen Stiftungsrat heute tagt.

Quelle: F.A.Z.
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