Nationalpark Schwarzwald

Kretschmanns Überbau

Von Matthias Alexander
19.06.2021
, 21:52
Naturnaher Holzstapel in einer von Menschenhand geformten Landschaft: das neue Nationalparkzentrum am Ruhestein im Nordschwarzwald
Baumhaus der Erde im Stammland der CDU: Das Besucherzentrum für den Nationalpark Schwarzwald steht für architektonische Achtsamkeit und hybride Naturpädagogik.
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Der Wald ist weiblich. Und philosophisch bis esoterisch gestimmt. „Ein Augenblick ist für mich gleichzeitig auch Ewigkeit“, säuselt eine Frauenstimme, die sich als „Ich, der Wald“ vorstellt, am Eingang zur Dauerausstellung im neuen Nationalparkzentrum Schwarzwald. „Alles fließt durch mich hindurch.“ Von wegen fließen, es tröpfelt: Seit Wochen betriebsbereit, von Corona aber stillgestellt, dürfen jetzt einige wenige Besucher das Zentrum betreten, das Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon im Oktober den Betreibern feierlich übergeben hatte.

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Der einstige Biologielehrer Kretschmann war auch bei der Grundsteinlegung dabei. Der Nationalpark Schwarzwald ist schließlich das Prestigeprojekt schlechthin der grün geführten Landesregierung von Baden-Württemberg. Gegen immer noch nicht ganz überwundene Widerstände von Waldbesitzern, Jägern und anderen einstigen CDU-Stammwählern mit überwiegend robustem Verhältnis zum Wald im Jahr 2014 gegründet, fehlte ihm noch der große pädagogische Überbau. Das Besucherzentrum im schmucken Sitz der Parkverwaltung, einer ehemaligen Hoteliersvilla, erwies sich rasch als zu klein für die hochgewachsenen Ambitionen, den Menschen die Natur – oder genauer: die Menschen dem, was sich aus einem Forst wieder zur Natur entwickeln soll – nahezubringen. Und so wurde der Bau eines großzügigen neuen Besucherzentrums beschlossen, und zwar an der Passhöhe Ruhestein an der Schwarzwaldhochstraße auf halbem Weg zwischen Baden-Baden und Freudenstadt. Geld spielte keine große Rolle: Etwa 37 Millionen Euro hat der Bau gekostet, deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt.

Landschaftsschaden kompensiert

Auch der Boombranche Naturschutz gelingt es also nicht, der Wachstumslogik zu entgehen; ihre Protagonisten halten es für nötig, für die Verbreitung ihrer Anliegen Flächen zu versiegeln, immer in der Erwartung, dass diese Investition eine schöne Rendite in Form eines höheren allgemeinen Umweltbewusstseins abwirft und dadurch den Landschaftsschaden um ein Vielfaches kompensiert.

Die Paradoxie ihres Handelns ist den Akteuren bewusst. Weshalb die Teilnehmer des Architektenwettbewerbs für das Nationalparkzentrum im Jahr 2015 vor der anspruchsvollen Aufgabe standen, das Großprojekt gleichzeitig markant und dezent zu gestalten. Den Wettbewerb gewann das Büro Sturm und Wartzeck mit Sitz in Dipperz in der Nähe von Fulda. Es setzte sich mit einem Entwurf von beinahe gegenständlicher Bildhaftigkeit in der Großform und eilfertiger Assimilation in der Materialität durch: Der Bau besteht aus acht teilweise weit auskragenden Riegeln, die scheinbar wild übereinanderliegen wie umgekippte Baumstämme in einem naturbelassenen Wald, in dem Stürme Mikado spielen. Als ein fernes Echo klingt aber auch das VitraHaus von Herzog & de Meuron in Weil am Rhein an.

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Die Nachahmung der Natur wird zum Glück nicht so weit getrieben, dass die Riegel eine unregelmäßige Rundform hätten, sie kommen stattdessen als Vierkanthölzer daher. Die Fassade besteht weitgehend aus Schindeln, und auch sonst wurde bis ins statisch überaus anspruchsvolle Tragwerk (Schlaich Bergermann Partner) hinein so weit als möglich Holz verwendet, das vorzugsweise aus der Region stammt. Dass Büropartnerin Susanne Wartzeck inzwischen zur Präsidentin des Bunds Deutscher Architektinnen und Architekten gewählt wurde und in dieser Eigenschaft die Wende hin zu einer nachhaltigeren Architektur unter dem Schlagwort „Bauhaus der Erde“ entschieden voranzutreiben versucht, fügt sich ins Bild.

Sentimentaler Aufwand

Diese Haltung hat sich bis in die Bauausführung fortgesetzt. Die Bäume auf dem Bauplatz wurden nach ihrem ökologischen Wert kategorisiert, um die wertvolleren Exemplare zu schonen. Als der Skywalk zwischen Hauptgebäude und schräg stehendem Aussichtsturm mithilfe eines riesigen Krans installiert wurde, bog man im Weg stehende Baumkronen mit großem Aufwand beiseite, um die Bäume nicht fällen zu müssen. Manche Handwerker schüttelten angesichts dieses sentimentalen Aufwands den Kopf, berichtet Ursula Pütz, die Leiterin des Zentrums.

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Was sich nach außen ziemlich hermetisch und verwinkelt präsentiert, entwickelt im Inneren eine lichte Schlüssigkeit. Über eine zentrale Halle mit skulptural gestalteter Treppe, Shop und Café werden Büro- und Konferenztrakte auf der einen Seite sowie die Ausstellungsflächen und der Skywalk auf der anderen erschlossen. Die Dauerausstellung ist in den drei östlichen Riegeln untergebracht. Dem Ausstellungskonzept folgend, mit der Darstellung des Waldlebens bis tief in den Boden einzudringen, führt der Weg abwärts. In der Praxis hat sich das Gefälle allerdings als zu steil für Rollstuhlfahrer erwiesen, weshalb Rampen eingebaut werden mussten und der Fußboden mit einem weichen Material ausgelegt wurde; bei freundlicher Betrachtung kann man den dämpfenden Effekt mit dem eines Waldbodens vergleichen. Es bleibt gleichwohl ein Planungsfehler.

Die Tanne ist sein Laufsteg: ein ausgestopfter Luchs in der Dauerausstellung
Die Tanne ist sein Laufsteg: ein ausgestopfter Luchs in der Dauerausstellung Bild: Picture-Alliance

Die Dauerausstellung mit dem den Zeitgeist geradezu genial treffenden Titel „Eine Spur wilder“ ist getragen von einem Waldverständnis, wie es Peter Wohlleben hierzulande popularisiert hat. Die Natur wird als umfassendes Kommunkationssystem von Flora und Fauna dargestellt, als Kreislauf von Werden und Vergehen. Die Art der Präsentation ist schlichtweg überwältigend. Freunde traditioneller Darstellungsweisen werden ebenso angesprochen wie Anhänger digitaler Vermittlungsformen. Dioramen mit ausgestopften Luchsen und Spechten werden durch Informationen ergänzt, die sich über Touchscreens abrufen lassen. Der Weg zurück zur Natur führt über die Technik: Ein Flugsimulator erlaubt es den Besuchern, als Raubvogel über dem Nationalpark zu kreisen. Es fehlt auch nicht an kleinen Scherzen wie einer winzigen Tür im Stamm eines Baums, wie gemacht für eine Troll-Familie. Am Ende verliert die Schau ein wenig an Spannung, die Darstellung von Schleimpilzen füllt viel Raum.

Übervoll mit Bildern verlässt der Besucher die Ausstellung. Und bemerkt vielleicht erst im Nachhinein, wie wenig vom Klimawandel die Rede ist. Mag sein, dass man die erhabene Stimmung, in die der Besucher durch den Anblick der Naturschönheiten versetzt werden soll, nicht stören möchte. Vielleicht ist diese Auslassung nur konsequent in einem Nationalpark, dessen Erscheinungsbild über Jahrhunderte hinweg vor allem von Menschenhand geformt wurde, nicht zuletzt durch die Abholzung durch die Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg und die anschließende eilige Wiederaufforstung. Was sich hier in den nächsten Jahrzehnten an Natur entwickelt, wird ohnehin neu sein.

Das Nationalparkzentrum im Schwarzwald zählt zu den ambitioniertesten Einrichtungen seiner Art in Deutschland und hat das Zeug, zum Touristenmagnet zu werden – wie das Haus der Berge in Berchtesgaden, das Nationalparkzentrum Lusen im Bayerischen Wald und das Multimar Wattforum in Tönning. Es liegt in der Natur dieser abgelegenen Standorte, dass die meisten Besucher mit dem Auto kommen. Auch im Schwarzwald gibt man sich realistisch, mehr als vierhundert Stellplätze stehen am Ruhestein zur Verfügung, um den Städtern die Begegnung mit der Natur zu erleichtern. Immerhin, die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert besser als gedacht. Eigens für das Nationalparkzentrum wurden die Verkehrsverbünde der württembergischen und badischen Stämme, deren Grenze just hier verläuft, von der Politik genötigt, ihre Fahrpläne aufeinander abzustimmen. An der Kasse erhält zudem einen Rabatt, wer eine Busfahrkarte vorweisen kann. Schade nur, dass die noch vorbildlicheren Wanderer nicht belohnt werden, weil sie sich nicht mittels eines Tickets als solche ausweisen können – eine Gerechtigkeitslücke, die selbst die Weisheit des Landesvaters noch nicht schließen konnte.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.
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