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Per Leo und Erinnerungskultur

Die Unschuld wird immer größer

Von Claudius Seidl
26.07.2021
, 16:37
Zwischen den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals Bild: Daniel Pilar
Unsere Gedenkkultur ist selbstgefällig und hohl: über Per Leos neues Buch „Tränen ohne Trauer“ und den Hang der Deutschen, sich mit den eigenen Opfern zu verwechseln.
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Worum geht es eigentlich beim neuen Historikerstreit, dessen Winkelzüge das Publikum in den Zeitungen, im Radio und im Internet verfolgen kann? Und dessen Heftigkeit und scharfer Ton doch jedem, der nur als Gelegenheitsleser oder Zufallshörer damit konfrontiert wird, unverständlich erscheinen muss.

Geht es um Kritik am deutschen Gedenken und Erinnern, welche (wie der australische Genozidforscher Dirk Moses schreibt) sich nach einem Katechismus richteten, einer Sammlung von Glaubensregeln also, deren wichtigste die sei, dass der Holocaust als singuläres und nicht vergleichbares Menschheitsverbrechen zu betrachten sei, weshalb jede Kontextualisierung, jede Historisierung sich verbiete? Und die politisch darauf hinauslaufe, dass die Deutschen, als das Volk der Täter, zur unumstößlichen Loyalität mit dem Staat Israel verpflichtet seien, auch wenn dieser die Palästinenser noch so übel knechte? Zudem verstelle dieser deutsche Katechismus den Blick auf die Verbrechen des Kolonialismus, die doch erst den Gesamtzusammenhang formten, in dem auch der Holocaust betrachtet werden müsse.

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Oder geht es, wie die Gegenseite unterstellt, vor allem darum, dass die Linke jetzt versucht, was den Konservativen im ersten Historikerstreit nicht gelungen sei: den Holocaust zu relativieren und als ein Verbrechen unter vielen zu deuten, nur ein Kapitel in der langen Verbrechensgeschichte des Westens, mit der Folge, dass die deutsche Schuld nicht mehr so schwer wöge und die deutsche Verpflichtung gegenüber Israel an Verbindlichkeit verlöre, ja dass man generell den Staat Israel nicht mehr als Zufluchtsort und potentiell letzte, mit allen Mitteln zu verteidigende Bastion des jüdischen Volks behandeln müsste? Sondern als Siedlungskolonie weißer Menschen und als Unterdrücker und Kolonisator des palästinensischen Volks?

Wer darf jetzt wieder aufrecht gehen?

Der Schriftsteller und Historiker Per Leo hat in seinem neuen Buch „Tränen ohne Trauer“ (Klett-Cotta, 20 Euro), das mehr Essay als historisch-politisches Sachbuch und doch mit vielen Fußnoten ge­erdet ist (und das man immer wieder gegen die Intentionen seines Autors lesen darf), ein paar überraschende Antworten gegeben, unter denen womöglich die brauchbarste, die politisch dringlichste und lebensnächste die ist, dass all das Gedenken und Erinnern, die schönen Kränze und die ernsten Mienen vor monumentalen Mahnmalen so oft so hohl, falsch, verlogen sind, dass womöglich genau darin das größte Verdienst dieses Historikerstreits bestehen könnte: dass nämlich die, die sich gegen die Relativierung und Postkolonialisierung wehren, ihre eigenen Rituale, Sprechweisen und Ergriffenheitsgesten dringend überdenken sollten.

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Singularität ist ein Begriff, der in der Astronomie schärfer definiert ist (der Ort, an dem sich die Raumzeit ins Un­endliche krümmt) als in der Geschichte der Menschheitsverbrechen, ein abstrakter, unanschaulicher Begriff und, wenn es um die deutschen Verbrechen geht, eine These, die man hundertmal formulieren und wieder zurückweisen kann, ohne dass man dabei viele neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Solange jedenfalls, wie man nicht fragt, was da für wen und warum so singulär war.

Einzigartig war für die Juden die Erfahrung, dass nach mehr als zweitausend Jahren der Verfolgung, des Hasses und der Diskriminierung, zu einer Zeit, da viele hoffen durften, dass die Verhältnisse sich verbesserten, sie sich umstellt sahen von Nachbarn, die beschlossen hatten, das gesamte Volk der Juden auszulöschen. Und die das taten, bis alliierte Armeen das Morden beendeten. Einzigartig war, dass die Deutschen, ein zivilisiertes Volk im zivilisierten Europa, kaum zwei Generationen, nachdem sie endlich zur Nation geworden waren, einen Verbrecher zu ihrem Herrscher wählten und das Regime auch dann noch und mit letzter Kraft verteidigten, als nahezu jeder wissen oder ahnen konnte, wohin die jüdischen Nachbarn verschleppt und was ihnen Ungeheuerliches angetan worden war.

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Wer mit Stauffenberg einen Tee getrunken hat

Aber gerade wer darauf besteht, dass sich daraus eine Verpflichtung und eine Verantwortung ergeben, die sich nicht so einfach auflösen lassen im Großen und Ganzen des postkolonialen Diskurses und der Annahme einer Gesamtschuld Europas an Rassismus und Unterdrückung (und die auch nicht das Dementi der Verantwortung gegenüber den Opfern deutscher Kolonialverbrechen sind), der darf ganz dringend Per Leos Rückblick auf die deutsche Gedenkkultur ganz genau lesen: Richard von Weizsäcker, der in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 den Deutschen bescheinigte, dass sie vierzig Jahre zuvor befreit und nicht nur besiegt worden seien – so als wären auch sie die Opfer der Nazis und nicht etwa die Täter gewesen. Lea Rosh und Eberhard Jäckel, die sich so leidenschaftlich für ein Mahnmal eingesetzt hatten und die, als das Stelenfeld in Berlin (das die meisten deutschen Juden eher kühl und distanziert betrachteten) endlich stand, bekannten, dass man als deutscher Mensch jetzt endlich wieder aufrecht gehen könne beziehungsweise sich leichter fühle – so als hätte Deutschland nicht nur eine schöne Immobilie und einen Etatposten als Opfer dargebracht.

Den Hang der Deutschen, sich selbst mit ihren eigenen Opfern zu verwechseln, führt Per Leo auf die Generation von 1968 zurück, auf die Kinder der Nazi- und Wehrmachtsgeneration also, deren Leben von diesen Eltern zwar nicht bedroht wurde; aber irgendwie waren doch auch die strengen Erziehungsmethoden, der Zwang zu kurzen Haaren, sauberen Fingernägeln und regelmäßigen Mahlzeiten faschistisch, weshalb man sich mit anderen Opfern identifizieren durfte. Mit dem Älter- und Schwächerwerden der Kriegsgeneration, so möchte man Leo ergänzen, ging der Blick in eine andere Richtung: Fortan suchten die Deutschen nicht mehr nach den Mördern unter ihren Vorfahren, sondern suchten in den Verästelungen ihrer Stammbäume nach der vergessenen jüdischen Urgroßtante oder, im Fall der besseren Leute, nach dem Cousin des Großvaters, der womöglich im Offizierskasino fast mal eine Tasse Tee mit dem Grafen Stauffenberg getrunken hätte. Dass, nach der eigenen Familiengeschichte befragt, heute fast jeder Deutsche erzählt, seine Leute seien aber zu adelig, zu bürgerlich, zu liberal, zu konservativ, zu katholisch, zu links gewesen, als dass sie die Nazis hätten unterstützen können, versteht sich in diesem Zusammenhang fast von selbst. Und damit alles gut bleibe, heißen die Kinder dann Esther und Elias, Hannah, Jonas, Rahel.

Wie unangreifbar die Unschuld der Deutschen inzwischen ist, konnte man Ende Februar auf der Titelseite einer großen Tageszeitung studieren. Das Aufmacherbild zeigte Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden vor einem siebenarmigen Leuchter; daneben stand der Bundespräsident. Es ging um eine Feierstunde in der Kölner Synagoge. Ganz oben, als Lesetipp des Tages gewissermaßen, stand: „Hitlers Vater – die erste Biografie“. Es sind solche Tage, an denen man sich fragt, wann die Deutschen ihrer Mahnmal-, Gedenk- und Erinnerungskultur ein eigenes Mahnmal widmen werden. Und wie man, wenn die letzten Zeitzeugen demnächst gestorben sein werden, die Drastik, die Anschaulichkeit, die Unmittelbarkeit evozieren könnte, welche man dem Erinnerungskitsch und der Selbstgefälligkeit entgegensetzen müsste, das weiß auch Per Leo nicht. Nur dass es notwendig wäre, daran erinnert, schmerzhaft geradezu, der neue Historikerstreit.

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Das Beispiel des Bösen

„Man nenne es finstere Möglichkeiten der Menschennatur überhaupt, die hier zu Tage kommen – deutsche Menschen, Zehntausende, Hunderttausende, sind es nun einmal, die verübt haben, wovor die Menschheit schaudert, und was nur immer auf deutsch gelebt hat, steht da als ein Abscheu und als Beispiel des Bösen.“ So steht das am Ende des „Doktor Faustus“, geschrieben wohl im Lauf des Jahres 1946 – und wer glaubt, dass sich das erledigt habe, bloß weil 75 Jahre vergangen sind, sollte den Satz und das Kapitel, in dem er steht, noch einmal lesen. Was die Gültigkeit solcher Sätze trotzdem in Frage stellt, ist der Umstand, dass das Wörtchen „deutsch“ heute auch solchen Menschen gehört, deren Herkunftsgeschichten in ganz andere Richtungen weisen. Und die ganze Sache wird nicht einfacher, wenn man Per Leos Gleichnis ganz am Anfang des Buchs beim Wort nimmt, seinen Vorschlag nämlich, sich die Herrschaft der Nazis wie einen Abgrund vorzustellen und den Weg durch die Geschichte, den die Deutschen seither gegangen sind, wie das Ersteigen eines Bergs, der neben dem Abgrund sich erhebt. Dieser Abgrund werde nicht kleiner, nicht weniger bedrohlich, je weiter nach oben die Wanderer kämen. Man sähe aber weiter, man überblicke, je höher man gekommen sei, eine umso weitere Landschaft.

Was man da sähe, beschreibt Leo nicht; aber man kann es sich ja selbst zusammenphantasieren: Man sähe eine Nation, der, bis zum Machtantritt der Nazis, kaum mehr als ein halbes Jahrhundert beschieden war. Dahinter die zerklüftete Geschichtslandschaft des 19. Jahrhunderts. Und in noch weiterer Ferne ein großes, unübersichtliches Terrain, bevölkert von Menschen, die getrennt durch die gemeinsame Sprache waren, innig verbunden nur durch die religiösen, kulturellen und machtpolitischen Konflikte, die ihnen nicht nur von ihren Fürsten aufgezwungen wurden. Einige der besten Köpfe unter ihnen, das ist auch aus der Ferne zu erkennen, arbeiteten sich ab an einer Frage, auf die sie selten haltbare Antworten fanden: Was ist deutsch?

Zum Volk der Täter gehörig: Das wäre eine der schärfsten Definitionen – wenn nicht fast jeder fünfte Deutsche eine Person mit Migrationshintergrund wäre, ein Mensch also, dem man von der Schuld der deutschen Urgroßväter nichts zu erzählen braucht, weil er womöglich mit ganz anderen Geschichten fertig werden muss. Per Leo erwähnt das, aber dass es ein nahezu unlösbares Problem fürs deutsche Selbstverständnis sein könnte, mag er nicht glauben.

Wenn es nämlich, nachdem Leo gewissermaßen die Nachgeschichte des Nationalsozialismus in Deutschland abgeschritten hat, ein Fazit gibt, dann ist es wohl das: „In Deutschland hat die Neigung, das Andere der eigenen Vorzüglichkeit in einer ahistorischen »Residualkategorie« (Ulrich Herbert) namens ,Nationalsozialismus‘ oder ,Faschismus‘ zu deponieren und die Probleme der Gegenwart, statt sie aus sich selbst heraus zu begreifen, in die Kostüme der Weimarer Republik und des Dritten Reichs zu stecken, um sie dann von Bühnen des eigenen Moraltheaters zu verjagen, wahrhaft luxuriöse Ausmaße angenommen.“

Leo zieht daraus den Schluss, man solle die Nazis in den Geschichtsbüchern lassen und sich, unbeschwert von dieser Vergangenheit, auf die Gegenwart konzentrieren: „Die Lasten des Nationalsozialismus sind weitgehend abgetragen, die Aufträge, die er uns hinterlassen hat, alles in allem erfüllt, die Fragen, die er aufwarf, ­größtenteils beantwortet.“ Da allerdings möchte man ihm widersprechen. So ein Satz, wenn er von einem deutschen Autor kommt, kann nur falsch sein. Wann die Lasten wirklich abgetragen sind, werden uns die Nachkommen der Opfer sagen. Wenn es so weit ist.

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
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