Plädoyer für die Glühbirne

Der Gegenspieler der Sonne

Von Ulf Erdmann Ziegler
17.12.2008
, 10:36
Ihre Helligkeit blendet die EU-Bürokraten
Die Glühbirne ist zum Opfer übler Nachrede geworden. Die EU will sie mit Argumenten aus der Ökologie-Abteilung abschaffen. Doch dann wäre Europa in kaltes Licht getaucht. Ein Plädoyer des Schriftstellers Ulf Erdmann Ziegler.
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Wir sollen in einem Styroporbunker sitzen, über uns eine Batterie Sonnenkollektoren, und nikotinfrei in die DSL-Röhre starren, die mutige Politikerinnen von Schmuddelkram befreit haben. Vor dem Schlafengehen, wenn wir das weiße Licht löschen, lesen wir noch einmal in der von den Iren abgelehnten EU-Verfassung, um zu wissen, wie gut für uns gesorgt wird und gesorgt werden wird. Dann träumen wir bilderlos.

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Der Lette Andris Piebalgs war Lehrer für Mathematik und Physik und kann insofern bestimmt gut rechnen. Aber er hat keine Augen im Kopf. Sonst könnte er nicht, aufgestiegen zum „Energiekommissar“ der Europäischen Union, die Abschaffung des häuslichen Lichts per Gesetz verordnen wollen. Dieses häusliche Licht besteht nicht aus einer Glühbirne. Im Gegenteil, die nackte Glühbirne ist jedem Cartoonisten geläufig als Symbol für den Knast. Es ist eine Kultur von Lampen, die teils handwerklich, teils industriell hergestellt werden, der Kristallleuchter zum Beispiel als Feier des Lichts. Die lamellenförmige Lampe von Poul Henningsen, die in Skandinavien die Familien zusammenhält. Oder die Kaiserlampe für den Schreibtisch, die soeben neu aufgelegt worden ist. Weil sie als warmstrahlender Helm des entstehenden Gedankens unübertroffen ist.

Das Genie der Entwickler

Aalto und Wright, May und Mies, Wright und Ando: sie haben sich gut überlegt, wie Menschen wohnen können, allein und gemeinsam, in Massen oder einsam. Sie und einige tausend andere Architekten von Finnland bis Venezuela haben das moderne Wohnen erfunden, das Haus umgekrempelt, als System beschrieben. Manche haben eine Lampe dazugefügt. Aber alle haben ihre Vorstellung von Interieurs auf die Polarität natürlichen und künstlichen Lichts gebaut, und das künstliche Licht wurde technisch bestritten von einem glühenden Faden.

Ulf Erdmann Ziegler
Ulf Erdmann Ziegler Bild: Frank Röth

Es ist richtig, dass die Erfindung aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt. Im zwanzigsten ist sie perfektioniert worden. Dass sie für den Ärmsten erschwinglich ist, beweist das Genie ihrer Entwickler. Ob im Drahtkäfig einer Baubeleuchtung oder als Lichtquelle eines raffinierten Reflektors, es ist immer dieselbe Birne. Sie hat nahezu die Universalität einer Währung und ist beinahe so nützlich wie ein Laib Brot.

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Opfer übler Nachrede

Leider ist die Glühbirne Opfer übler Nachrede geworden. Es wird behauptet, sie spende zu 95 Prozent Wärme und zu fünf Prozent Licht. Die üble Nachrede liegt im Gebrauch des Wortes „Licht“. Nach der Vorstellung von Technokraten ist nämlich Licht ein Grad von Helligkeit. In Wirklichkeit spendet der Glühfaden, geschützt in seiner Glaskapsel, ein spezifisches Licht, dessen Wandlungsfähigkeit sein Merkmal ist: von grell bis sanft, von bestimmt bis anheimelnd, Scheinwerfer und Kerze in einem, begünstigt dadurch, dass sich der Faden - schon immer - dimmen lässt. Die Glühbirne ist wirklich der Gegenspieler zur Sonne, deren Licht ja auch in Tausenden von Tönen und Graden erscheint. Dass die Glühbirne physisch wärmt, ist nicht immer sinnvoll. Aber der Staubsaugermotor läuft auch nicht kalt. Die Physik der Glühbirne produziert in der Tat nur bedingt Helligkeit, aber Helligkeit ist es, was die EU-Bürokraten blendet.

Wenn es darum ginge, über viele Stunden einen hohen Grad von Helligkeit zu erzeugen, hätte man bereits seit Jahrzehnten in der Neonröhre eine Alternative gehabt. In Wohnküchen rund ums Mittelmeer ist das auch üblich - warum nicht.

Hier aber sprechen wir von Gesetzen und Verordnungen. Die Europäische Union, vergessen wir das nicht, wollte einst die Vielfalt europäischer Weinflaschen abschaffen, solange Brüssel noch geeicht war auf Standard und Vergleich. Jetzt sind die Öko-Zeloten am Ruder. Sie wollen uns einreden, es gebe eine Alternative zum Glühfaden, aber es gibt sie nicht. Seit zwanzig Jahren ist ein Ungetüm in Entwicklung, das Elektrosmog produziert, in der Fertigung Quecksilber braucht und als Sondermüll entsorgt werden muss (aber nicht wird). Dafür, dass es das „spar“ im Namen trägt, ist seine Leistung kümmerlich; man muss das Licht drei Stunden anlassen, damit es lohnt. Seine Leistung dürfen wir seit Jahren in Restaurants genießen, die klimatisiert sind, und in Hotelzimmern, deren Betreiber zu geizig sind, uns richtig Licht zu machen, während die Minibar den Strom aus der Steckdose zieht. Selbst die raffiniertesten Lampenschirme können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Licht kälter als kalt ist. Es ist tot. Sollte es so kommen, wie die Zeloten wollen, „dürfte es einen Boom für Psychiater geben“, sagt der Leuchtengestalter Ingo Maurer.

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Die Zukunft des Zeppelins

Man stelle sich vor, die EU beschlösse, von 2009 an den Frachtverkehr zu ersetzen, die Achtzehntonner zuerst und dann alle anderen. Die Fracht müsste stattdessen mit Zeppelinen befördert werden. Der Vergleich ist nicht so abwegig. Der Zeppelin schien durchaus eine große Zukunft vor sich zu haben. Er ist ein technologisches Ungeheuer mit tausenderlei Tücken. Man kann nicht wissen, ob - wenn genügend Intelligenz versammelt, Zeit und Geld investiert worden wäre - er nicht den Autofrachtverkehr hätte ablösen können. Aber: Er blieb ein Enigma, ein Euro-Grab, ein blinder Fleck der Branche. Und genau das ist die Energiesparbirne bis heute. Sie ist nicht der Fuß des Fortschritts, sondern seine Krücke. Sie produziert mehr Helligkeit als Wärme. Aber aus häuslicher Sicht kein Licht.

Was der Herr Piegals beim Abendessen von seiner Frau und seinen drei Kindern sieht, ist nur ein Teil ihrer physischen Erscheinung. Dasselbe gilt für die Speisen, die auf dem Tisch stehen, und das Porzellan, in dem sie serviert werden. Kein menschliches Auge kann die Auslassungen im Rotspektrum korrigieren. Gemälde und Fotografien abzugleichen ist im europäischen Kunstlicht der Zukunft nicht möglich.

Es geht um Raum, Bilder, Subjekt

Als Nachkriegskind habe ich gelernt, Lichter zu löschen, wenn ich ein Zimmer verlasse. Im Gegensatz zur stärkenden Kraft des Lebertrans war diese Lehre vernünftig. Man muss die Lichter eben löschen, wenn man sie nicht braucht. Die Sparsamkeit der Glühbirne liegt in der Zeit, in der sie nicht brennt.

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Der Nachbar darf zwei Tiefkühltruhen unterhalten, mit seinem SUV über die Autobahn jagen und abends mitten in der Stadt einen Kamin entzünden. Dagegen gibt es natürlich ein Mittel. Die Besteuerung nämlich. Wenn man die Energiekosten herunterzwingen will, dann muss Energie eben teuer sein. Warum sollte ein zweiter Durchlauf meiner Spülmaschine gesetzeskonform, der Betrieb meiner Artemide-Leselampe aber illegal sein? Vielleicht möchte die EU übermorgen Zeitungen verbieten, weil man Text doch auch schön auf dem Bildschirm lesen kann.

Es geht um viel mehr als ein Stück häuslicher Behaglichkeit, es geht um den Raum, die Bilder, das Subjekt. Es geht um die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Es geht nicht nur um irgendein Gefühl für die Welt, sondern darum, wie sie vor dem Auge wirklich erscheint. Sollen die Auswanderer ihre Neue Welt - Kalifornien oder Australien - doch beleuchten, wie sie wollen. Es sind ja auch Puritaner. Die haben Angst vor ihren eigenen Schatten. Dies aber ist Old Europe. Wenn wir es schlecht beleuchten, wird es ein Ersatz seiner selbst sein, mehr nicht.

Ulf Erdmann Ziegler, geboren 1959, ist Schriftsteller. 2007 erschienen der Roman „Hamburger Hochbahn“ und „Wilde Wiesen. Autogeographie“.

Quelle: F.A.Z.
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