Präimplantationsdiagnostik

Aber bitte mit Kirche!

Von Stephan Sahm
24.05.2011
, 12:12
Liegt die Eugenik in der PID so fern, wie alle behaupten?
Drei Gesetzentwürfe zur PID werden an diesem Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Bundestags vorgestellt. Niemand will einer neuen Eugenik das Wort reden. Doch ein Blick in einschlägige wissenschaftliche Veröffentlichungen nährt Zweifel.
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An diesem Mittwoch hört der Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags die Fachleute in Vorbereitung eines Gesetzes zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Drei Gesetzentwürfe werden diskutiert. Im Blick auf anthropologische Grundannahmen, welche Rechte dem in Vitro gezeugten Embryo zukommen und ob sein Lebensrecht gegenüber anderen Gütern abgewogen werden darf, sind die Positionen der Kontrahenten unvereinbar. Doch auch die Befürworter einer Erlaubnis der PID versichern, die Anwendung der Methode begrenzen zu wollen. Dabei stellt sich die Frage, warum sie die PID in einigen Fällen für segensreich halten, in anderen als verwerflich erachten. Es wird vorgetragen, die PID solle keinesfalls allen, die sie wünschen, vielmehr nur einer kleinen Zahl von Ehepaaren zugänglich sein, die ein genetisches Risiko einer schweren Erkrankung in sich tragen. Niemand wolle einer neuen Eugenik das Wort reden.

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Ein Blick in einschlägige wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema nährt Zweifel. Wie immer in der Medizin wird die Nachfrage nicht vom Bedarf, vielmehr vom Angebot geregelt. Ist erst einmal die genetische Grundlage einer Krankheit aufgeklärt und ein Testverfahren etabliert, plädieren die beteiligten Mediziner dafür, potentiellen Eltern den Test im Rahmen einer PID anzubieten, wie etwa erst kürzlich geschehen im Blick auf die unter dem Kürzel FAP bekannte familiäre Darmpolypenkrankheit. Die Krankheit macht eine Entfernung des Dickdarms im Erwachsenenalter notwendig. Mit dieser Einschränkung haben Patienten eine statistisch normale Lebenserwartung, können beruflich erfolgreich sein und Sport treiben.

Mittel der Geschlechtsselektion

Bislang wäre niemand auf die Idee gekommen, die FAP in den Zusammenhang der PID zu stellen. Doch inzwischen fordern niederländische Ärzte, Eltern die Option einer PID in diesen Fällen nahezulegen („European Journal of Human Genetics“, Februar 2010). Das Vorliegen von Krankheitsgenen, selbst wenn deren belastende Folgen sich erst im mittleren Erwachsenenalter bemerkbar machen und einer Therapie zugänglich sind, wird zum Selektionskriterium für die Auswahl des im Reagenzglas gezeugten und auf den Lebenswert getesteten Nachwuchses.

Auch in dem von den Abgeordneten um Ulrike Flach vorgelegten Gesetzentwurf soll die PID als Mittel der Geschlechtsselektion – abgesehen von Fällen schwerer geschlechtsgebundener Erbkrankheiten – ausgeschlossen sein. Doch hat man sich erst einmal mit der Selektion von Embryonen abgefunden, scheint auch die Auswahl des Geschlechts zum Zwecke des family balancing in Reichweite: Im Namen der reproduktiven Selbstbestimmung plädierte kürzlich Ruth Macklin vom Einstein College in New York für die Freigabe der Geschlechtsselektion in der Zeitschrift „Seminars in Reprodoctive Medicine“ (2010). Warum sollten sich Eltern nach zwei Mädels nicht einen Knaben wünschen dürfen? Am Ende wären es PID-Ethikkommissionen, für welche Familienministerin Kristina Schröder die Mitwirkung der Kirchen fordert, die den Dammbruch ratifizieren.

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Gefahr der Erweiterung des Spektrums zulässiger Indikationen

Professoren der Universitäten Manchester und Oxford, John Harris und Julian Savalescu, erklären seit Jahren unter dem Schlagwort einer procreative beneficence die gezielte Verbesserung der Nachkommen durch genetische Manipulation an Embryonen zur Pflicht. Nicht überraschend wird in England das Spektrum zulässiger Indikationen der PID seit ihrer Zulassung ständig erweitert.

Es war ein Australier, Robert Sparrow von der Monash University, der jüngst im Hastings Center Report auf die eugenische Tendenz in den Theorien der beiden Briten aufmerksam machte. Sparrow spricht in Anspielung auf die lange wissenschaftsgeschichtliche Tradition der Eugenik von „Not-So-New-Eugenics“. Wie sollte man auch verhindern, dass angesichts des rasanten Fortschritts genetischer Diagnostik nach einem Rechtsanspruch auf PID zunächst die Pflicht zur Vermeidung individuellen Leids und dann jene zur Verbesserung der Nachkommen eingefordert werden wird?

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Quelle: F.A.Z.
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