Präimplantationsdiagnostik

Normalisierung der Selektion

Von Christian Geyer
08.07.2010
, 06:38
Wird die Selektion zum Normalfall der künstlichen Befruchtung?
Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs zur Präimplantationsdiagnostik stellt sich die Frage: Welchen Eltern will man den Embryo-Check verweigern? Wir müssen uns darauf einstellen, dass Selektionen immer mehr zur Prozedur der künstlichen Befruchtung gehören werden.
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„Einer unbegrenzten Selektion von Embryonen anhand genetischer Merkmale, etwa die Auswahl von Embryonen, um die Geburt einer Wunschtochter oder eines Wunschsohnes herbeizuführen, wäre damit nicht der Weg geöffnet.“ So erklärt der Bundesgerichtshof sein Urteil zur Straffreiheit der Präimplantationsdiagnostik (PID). Aber man muss nicht gleich das Designerbaby beschwören, ja man muss noch nicht einmal bei der PID ansetzen, um zu erkennen, dass es in der Logik der In-vitro-Fertilisation, der künstlichen Befruchtung, liegt, die gesundheitlichen Risiken, die sich erkennen lassen, auch auszuschließen. Da die Diagnostik beständig voranschreitet, ohne für jedes erkannte Risiko eine Behandlungsoption anbieten zu können, liegt es in der Natur der Sache, dass sich die Selektion von Embryonen anhand genetischer Merkmale normalisiert.

Das ist ein soziologischer Zusammenhang, der sich schlechterdings nicht leugnen lässt, bei der pränatalen Diagnostik im Übrigen unstrittig belegt ist und sich noch vor jeder ethisch-rechtlichen Debatte erheben lässt. Man kann diesen Mechanismus der Selektion allenfalls mit einem Adjektiv verschleiern wollen und wie die Richter des Bundesgerichtshofs sagen: Eine „unbegrenzte“ Selektion wird es nicht geben. Aber selektiert wird immer nur begrenzt. Eine begrenzte Selektion folgt der anderen. Mit anderen Worten: Dass PID die genetische Selektion nicht forcieren werde, ist wenig mehr als ein frommer Wunsch. Wer ihn formuliert, setzt sich dem Eindruck aus, nicht mit offenen Karten zu spielen, und macht sich nur unnötig angreifbar.

Zulässig für 130 Krankheiten

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Wie künstlich die Rhetorik der Grenze ist, zeigt ein Blick ins Ausland, wo PID teilweise schon lange erlaubt ist. In Großbritannien etwa, wo eine Kontrollbehörde darüber entscheidet, welche medizinischen Gründe anerkannt werden, ist die PID inzwischen für 130 Krankheiten zugelassen – eine nach oben offene Liste. Welches Gesundheitsrisiko PID-tauglich ist und welches nicht, gehorcht keinem feststehenden, naturgegebenen Maßstab. Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie sich die Risikoanalyse durch das diagnostische Netz verfeinert. Die Bewertung richtet sich im Zweifel danach, welche dieser sich permanent differenzierenden Analysedaten Eltern als psychische Belastung empfinden. Und wer wollte Eltern mit welchen Argumenten Einblick in die Gendaten ihres Kindes verwehren, etwa mit dem Hinweis, eine „ausufernde Diagnostik“ dürfe es nicht geben? Wer entscheidet, wo das Ufer aufhört und der reißende Strom beginnt? Es liegt in der soziologischen Dynamik, dass die Uferlandschaft keine befestigte ist.

Bild: dpa-infografik

„Entwickeln wir die PID so fort, dass sie den Kindern nutzt und nicht den Wunschphantasien der Eltern“, fordert Alan Handyside, einer der Väter des Verfahrens. Ein frommer Wunsch mehr. Wie will man Kindeswohl und Elternwunsch hier wirksam trennen? Ziel seiner Partei sei es, so erklärt Patrick Meinhardt, der Obmann der Liberalen im Forschungsausschuss des Bundestags, Gentests an künstlich befruchteten Embryonen nur im Falle einer „hohen Wahrscheinlichkeit für eine schwerwiegende Erbkrankheit“ des Kindes zuzulassen. Was ist schwerwiegend? Die Frage lässt sich nicht allgemeinverbindlich beantworten. Von den Betroffenen selbst hängt es ab, welches Krankheitsrisiko so schwer wiegt, dass es für untragbar gehalten wird, und welches im Gegenteil als erträglich gilt.

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Es gibt schon Qualitätskontrollen

Designerbabys dürfe es in Deutschland nie geben, heißt es nun bei den Forschungsexperten der Parteien landauf, landab. Aber es geht nicht um einen Streit der Begriffe. Man muss das Baby nicht Designerbaby nennen, um sich dem Design der Selektion zu stellen. Schließlich reicht es, den Krankheitsbegriff so auszuweiten, dass PID faktisch zu einem Routinecheck im Rahmen der In-vitro-Fertilisation wird. Schon heute gehören – wie stets: begrenzte – Selektionen zur Prozedur der künstlichen Befruchtung. Sie werden ohne viel Aufhebens als „Qualitätskontrollen“ durchgeführt mit dem Ziel, weniger Befruchtungsversuche durchführen zu müssen, bis es zur angestrebten Schwangerschaft kommt.

Das PID-Urteil des Bundesgerichtshofs hat für Klarheit gesorgt und dafür neue Unklarheiten in Kauf genommen. Auch ein Fortpflanzungsmedizingesetz, das nun dringend erarbeitet werden muss, wird die unmögliche Unterscheidung zwischen lebenswert und lebensunwert nicht vermeiden können.

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Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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