Genehmes Genom

Putins Töchter sollen die Wissenschaft retten

Von Kerstin Holm
15.06.2020
, 16:19
Talentierter Nachwuchs: der junge Wladimir Putin mit seiner Frau Ljudmila und den Töchtern Maria (rechts) und Katerina (links)
Das Prinzip Dynastie: Um die Wissenschaft in Russland steht es, auch wegen Präsident Putins Politik, nicht zum besten. Dem sollen Putins Töchter entgegenwirken. Dafür erhalten sie Dollarmillionen von Vertrauten ihres Vaters.
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Russlands Präsident Wladimir Putin herrscht mit seinen Geheimdienstgünstlingen und Sportsfreunden immer mehr wie ein Zar. Dass die neuen Feudalherren ihre Dynastien gründen, wird durchaus begrüßt. Der Sohn von Rosneft-Chef Igor Setschin, der einunddreißigjährige Iwan Setschin, der im Ölkonzern seines Vaters nach neuen Vorkommen in der Arktis sucht, wurde dafür schon wegen seiner Verdienste ums Vaterland ausgezeichnet.

Die neue Verfassung, die die Schlüsselvollmachten des Präsidenten von parlamentarischer Kontrolle weiter entkoppelt, macht Putin nun auch den Weg für weitere zwei Amtsperioden frei. Von seinen zwei Töchtern, die aus Sicherheitsgründen, aber auch um der größeren Unabhängigkeit willen andere Namen angenommen haben, erhofft er offenbar, dass sie trotz der nicht zuletzt durch seine Politik verursachten Flucht von intellektuellem Kapital russische Technologien an die Weltspitze bringen. Dafür lässt er sie mit grandiosen finanziellen und infrastrukturellen Mitteln ausstatten.

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Russische Gentechnologie soll Weltspitze werden

Putins Erstgeborene ist die fünfunddreißigjährige Biomedizinerin Maria Woronzowa, Miteigentümerin der Firma Nomeko, die bei Sankt Petersburg eine Forschungsklinik baut, wo neue Gentechnologien und kernmedizinische Methoden umgesetzt werden sollen. Voriges Jahr wurde Woronzowa per Präsidenten-Ukas in den föderalen Rat des staatlichen Wissenschaftsprogramms für Gentechnologie aufgenommen, der gemeinsam mit dem Kurtschatow-Institut für Physik und Atomtechnik ein neues Forschungsinstitut für Gentechnologie errichten will. Das Projekt, in das Igor Setschins Rosneft zweihundert Millionen Dollar jährlich investieren wird, soll nach dem erklärten Willen der Regierung die russische Gentechnologie bis zum Jahr 2027 an die Weltspitze führen und die Abhängigkeit von ausländischen Gen-Datenbanken verringern.

Wladimir Putin hat die Gentechnologie als Zukunftswissenschaft bezeichnet, die so wichtig werde, wie es die Atom- oder Raumfahrttechnik im zwanzigsten Jahrhundert gewesen seien. Seine Tochter gilt manchen als Autorität in Fragen der Bioethik. Vorigen Herbst diskutierte sie mit Wissenschaftlern und Gesundheitspolitikern über die Experimente des Genetikers Denis Rebrikow, der behauptet, Embryos genetisch manipulieren zu können. Die staatlich finanzierte Woronzowa soll dabei erklärt haben, der wissenschaftliche Fortschritt sei zwar nicht aufzuhalten, doch Eingriffe in das menschliche Erbgut dürften nie privaten Akteuren erlaubt werden, sondern müssten unter staatlicher Kontrolle stattfinden.

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Das Genom der Russen

Ein Hauptvorhaben, das unter der Ägide des neuen Instituts noch in diesem Jahr starten soll, ist die Untersuchung des „Genoms der Russen“ auf spezifische pathogene Schwachstellen, die sich möglicherweise therapeutisch manipulieren lassen. Zu dem Zweck soll genetisches Material von hunderttausend Personen gesammelt werden, vor allem von Rosneft-Mitarbeitern. Die Genforscherin der erbärmlich unterfinanzierten Akademie der Wissenschaften, Swetlana Borinskaja, kritisiert die nebulöse Aufgabenstellung und merkt an, eine genetische Datenbank sei ohne internationale Kooperation und Sachimporte nicht einzurichten, auch sei das militärisch ausgerichtete Kurtschatow-Institut als Partner ungeeignet.

Das zweite Kind des Präsidenten, die dreiunddreißig Jahre alte Katerina Tichonowa, hat einen Abschluss in angewandter Mathematik und wird an ihrer Alma Mater, der Moskauer Staatsuniversität MGU, das Institut für Künstliche Intelligenz leiten, das dort noch in diesem Jahr eröffnet werden soll. Vor allem aber leitet sie Innopraktika, das Entwicklungsinstitut der MGU, das einen Technologie-Campus konzipiert. Innopraktika organisiert Konferenzen und hat sich die Vernetzung russischer technischer Innovationen mit der Wirtschaft sowie das Wachstum des nationalen intellektuellen Kapitals auf die Fahnen geschrieben.

Dafür bekommt es jährlich Millionenbeträge von den Staatskonzernen Rosneft, Transneft und Rosatom, für die es sich auch als Dienstleister betätigt, sowie aus anonymen Quellen. Nach acht Jahren Arbeit kann es jedoch keine identifizierbaren Ergebnisse vorweisen. Der Korruptionsbekämpfer Alexej Navalnyj vergleicht Innopraktika von Katerina Tichonowa deswegen mit dem Moskauer Innovationszentrum Skolkowo, das zum Milliardengrab wurde, und sagt das gleiche Schicksal auch dem Genetik-Institut von Maria Woronzowa voraus. Eine blühende Entwicklung wird vielleicht nur das genetische Erbe von Wladimir Putin erleben.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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