RAF-Debatte

Gnade und Gerechtigkeit

Von Andreas Platthaus
19.04.2007
, 10:34
Gewährt Gnade: Michael Buback
Zum ersten Mal plädiert ein Hinterbliebener der RAF-Opfer für Gnade im Fall Christian Klar. Die Kehrtwende Michael Bubacks, der neue Informationen über den Mord an seinem Vater erhielt, ist eine Sensation.
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An diesem Mittwoch soll sich im Bundespräsidialamt eine kleine Gruppe getroffen haben, um gemeinsam mit Horst Köhler zu beraten, ob er dem Gesuch des seit vierundzwanzig Jahren in Haft sitzenden RAF-Terroristen Christian Klar auf vorzeitige Begnadigung stattgeben solle. Nähere Auskünfte dazu verweigerte das Amt.

Zu einer solchen Runde geladen aber war Michael Buback, der Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Er hat sich in der „Süddeutschen Zeitung“ für eine Begnadigung Klars ausgesprochen. Nicht geladen waren Angehörige von anderen Terroropfern wie Hergard Rohwedder, die Witwe des 1992 erschossenen Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder, Traudl Herrhausen, die Witwe des 1989 ermordeten Deutsche-Bank-Sprechers Alfred Herrhausen, und Hanns-Eberhard oder Dirk Schleyer, die Söhne des 1977 entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Mit Ausnahme von Frau Herrhausen haben sich alle diese Hinterbliebenen explizit gegen eine Begnadigung Klars ausgesprochen.

Informationen aus dem Bereich der RAF

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Für Michael Buback galt bis jetzt das Gleiche. Noch bei der Freilassung Brigitte Mohnhaupts nach Verbüßung ihrer Mindesthaftdauer von vierundzwanzig Jahren vor zwei Wochen hatte der in Göttingen lehrende Chemiker auf einer Gedenkveranstaltung anlässlich des dreißigsten Jahrestags der Ermordung seines Vaters erklärt: „Wir müssen fragen, ob es wirklich richtig ist, dass Täter frühzeitig freigelassen werden, ohne dass sie sich zu ihrer Tat bekennen, ihren Tatbeitrag einräumen und sich von ihren Verbrechen distanzieren.“ Nichts davon hat Klar getan. In den neun Tagen seit seiner Äußerung aber hat Buback, wie er schreibt, „Informationen aus dem Bereich der RAF“ erhalten, die besagen, dass Klar weder auf Siegfried Buback und dessen beide Begleiter geschossen noch das Attentat geplant oder den Schützen ausgebildet habe. Bislang galt Klar neben Günter Sonnenberg und Knut Folkerts als Hauptverantwortlicher für den dreifachen Mord vom 7. April 1977.

Die Kehrtwende Michael Bubacks ist eine Sensation. Mit ihm plädiert zum ersten Mal ein Hinterbliebener für Gnade im Fall Klar. Buback begründet den Schwenk mit seinem Gerechtigkeitsgefühl: „Wenn die Schwere der Verbrechen von Christian Klar die der Morde anderer RAF-Mitglieder nicht deutlich übersteigt, kann man fragen, ob seine Haftstrafe länger als die von Frau Mohnhaupt andauern sollte.“ Klar ist 1985 zusammen mit Brigitte Mohnhaupt wegen gemeinschaftlicher Mitwirkung an den Morden an Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer verurteilt worden. 1997 wurde seine Mindesthaftdauer auf sechsundzwanzig Jahre festgelegt. Sie endet am 3. Januar 2009.

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Neue Informationen zum Schützen

Michael Buback nennt sein Plädoyer den „schwierigsten Text, den ich je geschrieben habe“. Das ist in vielerlei Hinsicht wahr. Die genaue Quelle aus dem RAF-Bereich will er nicht nennen, auch wenn die Bundesanwaltschaft mittlerweile bestätigt hat, dass es neue Informationen zum Schützen im Buback-Mord gebe. Laut Michael Buback aber werden durch seinen anonymen Informanten nunmehr auch Sonnenberg und Folkerts diesbezüglich entlastet. Natürlich soll mit diesen Informationen Klars Begnadigung befördert werden; zugleich jedoch werden die Umstände der Tat immer undurchsichtiger. Sollte damals jemand geschossen haben, den die Fahnder noch gar nicht im Visier hatten?

Das würde zu den unaufgeklärten Morden an Herrhausen und Rohwedder passen. Bislang gibt es in beiden Fällen noch keinen einzigen konkreten Tatverdächtigen - ein Armutszeugnis für die Ermittler, wie die Angehörigen immer wieder feststellen. Allerdings sind auch noch nicht alle Fakten veröffentlicht. So existiert offiziell kein Bekennerschreiben zum Rohwedder-Mord, doch neuerdings kursieren Auszüge aus einem entsprechenden Schreiben der RAF, die in ihrer obligatorischen Verdammung des Kapitalismus dieselbe Position erkennen lassen, die Christian Klar bei seinem Grußwort an die Berliner Rosa-Luxemburg-Konferenz vertrat.

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Klar im Bundespräsidialamt?

Damit glaubte man seine Begnadigung erledigt, doch nun forciert der Bundespräsident die Sache wieder. Seine Idee, nach dem Vorbild des Zellenbesuchs von Johannes Paul II. 1983 bei Mehmet Ali Agca, der zwei Jahr zuvor auf den Papst geschossen hatte, Klar in der Haft zu besuchen, um sich ein Bild von der Persönlichkeit des Terroristen zu machen, wurde dem Staatsoberhaupt wieder ausgeredet, wie jetzt zu erfahren ist. Aber Köhler, so wird gemutmaßt, könnte sich den Verurteilten im Bundespräsidialamt zu einem Gespräch vorführen lassen. Das allerdings würde wohl strikt geheim gehalten werden.

Michael Buback appelliert jedenfalls offen an Köhler, Klar zu begnadigen. Er vermutet „Druck und Beeinflussung innerhalb der RAF“ noch in den Gefängnissen, weil Klar die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nie abgestritten habe. An der misslungenen, im Mord endenden Entführung Pontos habe Klar teilgenommen, das sei auch von seiner ungenannten Quelle bestätigt worden, aber dieser Fehlschlag habe Klar innerhalb der RAF so in Misskredit gebracht, dass er nicht mehr in die Schleyer-Entführung einbezogen worden sein soll. Buback glaubt dieser Darstellung. Klars Schweigen wird so für ihn nicht mehr zum Hindernis für die Begnadigung - falls Bubacks Informant nicht ohnehin Klar selbst ist. Wofür das Bemühen der Quelle spricht, nicht nur Klar, sondern auch andere zu entlasten.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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