Rapperin aus Mexiko

Menschen, die Angst haben, organisieren sich nicht

Von Airen
01.07.2018
, 09:09
Sie ist Zapotekin, sie ist links, sie rappt: Die Mexikanerin Mare Advertencia Lirika im Gespräch über Katholizismus, Sexismus, Hip-Hop, das Trump-Amerika und die Zustände in ihrem Land, das an diesem Sonntag wählt.

Die mexikanische Musikerin Mare Advertencia Lirika rappt über Gleichstellung, Korruption und die Rechte der indigenen Minderheit in ihrem Land. Zuletzt erschien ihr Album „Siempre Viva“, auf dem die Zweiunddreißigjährige traditionelle Musikstile wie Mariachi und Huapango mit Reggae und Funk fusioniert. Zurück von einer Tour durch die Vereinigten Staaten und Lateinamerika, tritt die soziale Aktivistin in diesen Tagen in Mexiko auf, wo an diesem Sonntag ein neuer Präsident gewählt wird.

Viele Ihrer Songs handeln von der Unterdrückung der Frau in der mexikanischen Gesellschaft. Ist der vielbeschworene Latin Lover in Wahrheit ein gnadenloser Sexist?

Die Gesellschaft ist in Mexiko noch immer stark vom Katholizismus geprägt, eine komplett patriarchalischen Ideologie. Sexismus ist deswegen hierzulande leider noch tief verankert. Und der Latin Lover ist ein Hirngespinst. Kaum etwas hat uns Frauen so geschadet wie die Idee der romantischen Liebe. Die mexikanischen Telenovelas wiederholen dieses Märchen in Endlosschleife: Eine Frau soll heiraten und alles stumm ertragen, denn „er“ ist der Mann ihres Lebens – und sie wird ihn nur durch ihre Liebe ändern. Solange wir unsere Kinder mit Disney-Filmen erziehen und unsere Teenager mit Telenovelas füttern, wird das nichts mit der Emanzipation.

Kaum eine Musikrichtung aber spielt so stark mit Macho-Stereotypen wie der Hip–Hop. Sie sind Rapperin und Feministin. Wie bringen Sie diese Gegensätze unter einen Hut?

Hip-Hop ist chauvinistisch, klar, aber mal ehrlich: Welcher kulturelle Raum ist das nicht? Hätte ich mich für Tango oder Folklore entschieden, würde ich als Frau auf die gleichen Barrieren stoßen. Zugleich kann ich mich aber in keiner anderen Musikrichtung so frei ausdrücken wie im Rap. Er verleiht mir eine Stimme, lässt mich Dinge in Frage stellen. Eben weil Hip-Hop so oft frauenverachtend ist, ist es wichtig, dass wir Frauen ihn als Werkzeug zurückerobern. Feministischer Hip-Hop ist übrigens auf der ganzen Welt im Kommen, besonders in Lateinamerika.

Warum gerade dort?

Der Kampf für Frauenrechte ist hier nicht irgendeine Mode, sondern eine Notwendigkeit. Es beginnt mit dem Recht auf Leben: Jeden Tag werden in Mexiko acht Frauen ermordet – die meisten sind Opfer sexualisierter Gewalt. Es gibt ein eigenes Wort dafür: Feminizid – Mord an Frauen, nur weil sie Frauen sind. Über neunzig Prozent der Fälle bleiben straffrei, auch weil der Justizapparat die Straflosigkeit der Täter befördert. Zuletzt konnten wir erreichen, dass geschlechtsspezifische Tötungen in der Gesetzgebung auch so benannt werden. Trotzdem: Die unerklärlichen massenhaften Frauenmorde in der Grenzstadt Juárez, die Entführungen – Frauen sind in Mexiko Freiwild. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns organisieren, unsere Geschichte erzählen, kämpfen.

Immerhin regelt in Mexiko seit 2006 ein Gesetz die Gleichstellung von Mann und Frau.

Das nützt wenig, wenn die Justiz kein Recht spricht. Das ganze System basiert doch auf der Vormachtstellung des Mannes. Ein Beispiel: Bei den Kommunahlwahlen in meiner Heimatprovinz Oaxaca haben sich kürzlich neunzehn Männer als Transgender ausgegeben, um die staatlich vorgegebenen Frauenquoten zu erfüllen – die Mehrheit von ihnen verheiratete Familienväter. Die rechtliche Anerkennung von Transgender-Menschen und die Einrichtung einer Frauenquote haben uns Jahre des politischen Kampfs gekostet – im Alltag wird das Gleichstellungsgesetz aber noch immer kaum umgesetzt.

Unter dem Twitter-Hashtag #MeToo sind auf der ganzen Welt Opfer sexueller Gewalt an die Öffentlichkeit gegangen. In Mexiko war das Echo verhalten.

Das mag auch am Unterschied zwischen Erster und Dritter Welt liegen. Kampagnen, die sich im Netz abspielen, entwickeln in Mexiko noch nicht die gleiche Wirkung wie etwa in den Vereinigten Staaten. Hier funktionieren noch immer Aktionen im Alltag – Demonstrationen, Besetzungen. Ganz ähnlich in Chile, wo wir gerade einen „Feministischen Frühling“ erleben. Im ganzen Land besetzen dort Frauen Universitäten, um den sexuellen Missbrauch anzuprangern, der hinter ihren Mauern stattfindet. Dazu gibt es Massenproteste, der chilenische Präsident sah sich nun angesichts des Drucks von der Straße gezwungen, eine „Frauenagenda“ aufzusetzen.

Ihre Songs drehen sich auch um die Situation der indigenen Minderheit in ihrem Land: Sie selbst gehören zur Volksgruppe der Zapoteken. Spielt die Stammeszugehörigkeit in Mexiko heute noch eine Rolle?

Dass in Mexiko heute noch sechsundachtzig indigene Volksstämme existieren, mit einer lebendigen Kultur, mit ihrer eigenen Sprache, liegt daran, dass wir uns fünf Jahrhunderte lang der Kolonialisierung widersetzt haben. Die Politik war immer an einer Mestizierung des Landes interessiert. Man behauptete, wir sollten stolz sein, das Ergebnis der Vermischung zweier Rassen zu sein. Die Literatur verklärte das gern romantisierend als die „bronzefarbene Rasse“. Dabei verleiht uns der Staat lediglich eine Pseudo-Anerkennung. Nach außen schmückt er sich gern mit der Kultur der Ureinwohner. Die Folklore, die Farbenpracht, das macht sich alles schick in den Tourismuskampagnen der Regierung. Die Realität sieht anders aus: Auch fünfhundert Jahre nach der Kolonialisierung sehen sich die indigenen Völker gezwungen, ihr Territorium zu verteidigen – gegen die Begehrlichkeiten der Regierung und der Konzerne, die sich ihrer Ressourcen bemächtigen wollen. Es heißt, wir indigenen Völker seien Feinde des Fortschritts, weil wir uns nicht anpassen, nicht Teil des kapitalistischen Gesellschaftsmodells sein wollen. Aber dieser Fortschritt spricht uns das Lebensrecht ab, er stellt sich gegen unsere traditionellen Organisationsweisen und das Zusammenleben mit der Natur.

In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl liegt der Linkspopulist López Obrador weit vorn. Er verspricht, sich insbesondere für die Rechte der Indigenen einzusetzen.

Ich glaube nicht an die repräsentative Demokratie – und ich werde auch nicht wählen gehen. Denn ich glaube nicht daran, dass ein neuer Präsident meinen Alltag verändern kann. Was wir brauchen ist, kein Regierungs-, sondern ein Systemwechsel. Die Gesellschaft muss sich von unten organiseren, jeder Einzelne muss Verantwortung übernehmen und fragen: Was trage ich zu meiner Gemeinschaft bei? Wie beeinflusse ich ihr Fortkommen?

Das bedeutet Revolution.

Dafür ist Mexiko zu groß, zu heterogen. Im Süden, in den Agrarstaaten Oaxaca, Chiapas und Guerrero, gab es immer wieder Aufstände, dort leben die meisten indigenen Volksgruppen, dort verzeichnet man auch die stärkste Abwanderung in die Vereinigten Staaten. Im Norden ist die Industrie, dort leben die Nachkommen der Kolonisatoren, eine überwiegend weiße Bevölkerung, die über mehr Geld und bessere Bildung verfügt. Und dann ist da die Grenze zu den Vereinigten Staaten, an der entlang das organisierte Verbrechen stark präsent ist. Die Kartelle kämpfen um die Kontrolle über die Grenzübergänge, es gibt das Problem der Migranten. Die Lebensumstände der Menschen sind zu verschieden, als dass sich ein Aufstand im ganzen Land durchführen ließe.

Sie rappen für ein gerechteres Mexiko.

Der politische Kampf besteht eben nicht nur aus Kommuniqués und Demonstrationen. Alle sozialen Bewegungen haben auch eine kulturelle Komponente. Zum Glück ist Rap in Mexiko noch keine Straftat wie in Spanien, wo gerade ein Rapper wegen Majestätsbeleidigung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Hier existiert immer noch Kunstfreiheit. Andere Gruppen sehen sich da einer stärkeren Verfolgung ausgesetzt, Journalisten etwa, soziale Aktivisten, Naturschützer oder Politiker die nicht mit den Kartellen kooperieren wollen. In diesem Wahlkampf wurden mehr als hundertzwanzig Politiker ermordet – in jedem anderen Land der Welt wäre das ein unglaublicher Skandal!

Gerade kommen Sie zurück von einer Tour durch die Vereinigten Staaten. Eine mexikanische Aktivistin mit indigenen Wurzeln, links und feministisch – wie fühlt man sich da im neuen Trump-Amerika?

Ich merke es schon bei der Einreise. Seit Trump an der Macht ist, dauert meine Kontrolle länger, die Befragung ist jedes Mal eindringlicher, ich werde genauer untersucht. Unter den Latinos wächst die Angst, die Menschen fürchten die Kriminalisierung, die Deportation. Rassismus tritt offener zutage, er ist mittlerweile eine gesellschaftlich akzeptierte Haltung. Und er ist auch ein Machtinstrument: Menschen, die Angst haben, organisieren sich nicht, sie lassen sich einfacher kontrollieren.

Sie treten nicht nur als Hip-Hop-Künstlerin auf, sondern organisieren Workshops mit Jugendlichen. Was bringen Sie denen bei?

Wenn ich auf der Bühne stehe, läuft die Kommunikation immer nur in eine Richtung, da ist kein wirklicher Dialog zwischen dem Publikum und mir. In meinen Kursen versuche ich, den Kindern Spaß am Rappen zu vermitteln, aber auch kritisches Denken. An den Schulen wird immer vertikal unterrichtet, von oben nach unten. Der Hip-Hop sagt dagegen: Du hast deine eigene Erfahrung, deine eigene Sicht auf die Welt. Und jetzt hast du eine Stimme.

Quelle: F.A.S.
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