FAZ plus ArtikelRede zum Börne-Preis

Die Geschichten der Anderen

Von Souad Mekhennet
Aktualisiert am 27.05.2018
 - 14:32
Souad Mekhennet bei ihrer Preisrede an diesem Sonntag in der Frankfurter Paulskirche
Die Wahrheit hat mehr als eine Seite. Davon zu berichten, von Opfern wie Tätern, ist Aufgabe des Journalismus, der für eine offene Gesellschaft eintritt. Dankesrede zum an diesem Sonntag verliehenen Börne-Preis.

Die Wunden der Freiheit sind in Europa allgegenwärtig: im Musikklub Bataclan, in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, auf dem Strandboulevard von Nizza und dem Berliner Breitscheidplatz, in den U-Bahn-Tunneln von Brüssel, London und Madrid, in Bautzen, Hoyerswerda und Mölln, auf der norwegischen Insel Utöya, im Olympia-Einkaufszentrum in München und an vielen anderen Orten.

Menschen wurden getötet, weil sie anders waren als die, die über sie richteten. Europa hat sich an diesen Orten verändert. Nicht nur, weil unzähligen Menschen unbeschreibliches Leid zugefügt worden ist. Sondern auch, weil neben den sichtbaren Verwundungen entsetzliche Vernarbungen entstanden sind. Ich spreche von Wunden der Freiheit, die sich in der Tiefe entzünden; von Wunden, die den Eiter des Misstrauens, des Hasses und der Zerstörung absondern, der sich in das Projekt Europa ätzt. Die blinde Wut der Verletzten begegnet mir bei meinen journalistischen Recherchen genauso wie das Gefühl der Ohnmacht der Überlebenden: Eltern, die sich fragen, warum ausgerechnet ihre Kinder getötet wurden. Mütter und Väter, für die eine Welt zusammenbricht, weil ihre Tochter oder ihr Sohn zum Mörder wurde.

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Quelle: F.A.Z.
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