Russischer Kampf ums Gedenken

Schießstand auf dem Massengrab

Von Kerstin Holm, Jekaterinburg
10.01.2021
, 13:09
Im Kugelhagel: Die „Trauermaske“ von Ernst Neiswestnyj an der Gedenkstätte für die Opfer des Stalinterrors in Jekaterinburg.
Gedächtnis im Fadenkreuz: In Sankt Petersburg, Tarussa und Jekaterinburg wehrt sich die russische Zivilgesellschaft gegen das Vergessen der Opfer des Stalinismus.
ANZEIGE

Auch wenn Russlands staatliche Geschichtspolitik das stalinistische Gewaltregime schleichend rehabilitiert, wehrt sich die Zivilgesellschaft durch demonstratives Opfergedenken, und das immer wieder erfolgreich. So in Sankt Petersburg, wo im vergangenen Herbst von dem Wohnhaus an der Rubinsteinstraße 23 sechzehn Gedenkplaketten für ermordete Bewohner, die die Stiftung „Letzte Adresse“ (Posledni adres) erst 2016 dort angebracht hatte, demontiert wurden, auf Verlangen dreier Mitbewohner. Der Fall wurde zum Skandal, der Petersburger Historiker Lew Lurie und der liberale Abgeordnete Boris Wischnewski erregten sich über die „ethische Taubheit“ und die „pathologische Empathielosigkeit“ der drei Aktivisten und ihrer Gesinnungsgenossen, die in den sozialen Medien mäkeln, mit den vielen Plaketten erinnere das Haus an einen Friedhof, außerdem sei der Stalinopfer schon genug gedacht worden, und die Stadt habe dringendere Probleme. Die Wortführerin der Plakettengegner, eine Petersburgerin namens Dina, die zu einem Telefongespräch bereit ist, klagt, die Befestigung der Tafeln sei mit den Hausbewohnern nicht abgesprochen worden. Dina, anscheinend eine Stalinistin, sagt, auch in ihrer Familie habe es Terroropfer gegeben, die zuvor verleumdet worden seien. Doch sie verstehe die Auswahlkriterien der „Letzten Adresse“ nicht; ohne Grund, so Dina, sei damals niemand verhaftet worden.

ANZEIGE

Doch die Stiftung, die nach dem Vorbild der deutschen Stolpersteine schon mehr als tausend Plaketten an Häusern in Russland, aber auch der Ukraine, Belarus, Georgien, Tschechien, sogar in Deutschland angebracht hat, legt Wert darauf, nur Personen zu würdigen, die förmlich rehabilitiert, also vom Staat als Unrechtsopfer anerkannt wurden. Die von Bürgern finanzierten Tafeln erinnern an gewöhnliche, nicht an prominente Leute. Am Haus an der Rubinsteinstraße wurde sechzehn Männern gedacht – Ingenieuren, Ökonomen, aber auch eines Musikers, eines Militärs und eines Geheimdienstlers – die Ende der dreißiger Jahre verhaftet und hingerichtet wurden. Aber eine Befragung und Abstimmung unter den Bewohnern, wie sie das Gesetz vorschreibt, wurde tatsächlich versäumt, darin habe Dina recht, erklärt der Stadtbezirksabgeordnete Vitali Bovar, den wir in seinem Büro erreichen. Das werde man in den kommenden Wochen nachholen, sagt Bovar. Die meisten Hausbewohner begrüßten die Gedenktafeln, die erforderliche Mehrheit von zwei Dritteln komme leicht zusammen, versichert er und prophezeit, schon bald kämen die Plaketten an die Fassade zurück.

Die Leninstraße ist abgeschafft

Eine salomonische Lösung zeichnet sich auch im moskaunahen Städtchen Tarussa ab, wo ebenfalls vorigen Herbst sechzehn Straßen im Zentrum ihre vorrevolutionären Namen zurückbekamen. Die Umbenennung wurde vom Stadtrat Ruslan Smolenski ohne öffentliche Diskussion beschlossen, nachdem der monarchistische Oligarch Konstantin Malofejew, der wegen seiner Unterstützung für die Separatisten in der Ostukraine auf westlichen Sanktionslisten steht, ihn dazu gedrängt und versprochen hatte, anfallende Kosten zu tragen. Im idyllischen Tarussa leben viele Moskauer Intellektuelle, die die Wiederherstellung der historischen Toponyme eigentlich begrüßen, beispielsweise der klassische Philologe Boris Nikolski und der Unternehmer Viktor Woitow, die aber zugleich beide die arrogant-antidemokratische Form kritisieren. Im Unterschied etwa zum Schriftsteller Maxim Ossipow, der, heilfroh, dass die zentrale Kalugaer Straße endlich nicht mehr nach dem Massenmörder Lenin heißt, angesichts dieses Ergebnisses die Stilfrage nebensächlich findet.

Doch es gibt prominente Gegenstimmen. Etwa die des altlinken deutschen Journalisten Gunnar Jütte, wohnhaft an der Wolodarski-Straße, die nach dem zaristischen Marinekapitän und Arktisforscher Wassili Protschischtschew (1702 bis 1736) umbenannt wurde. An Jüttes Haus prangt die Aufschrift, die Bewohner seien gegen den Namenswechsel. Als sozialistischer Demokrat wolle er auf gar keinen Fall mit Radikalmonarchisten wie Malofejew gemeinsame Sache machen, sagt Jütte. Der Tarussaer Unternehmer Ismail Achmetow, der sich als Sozialist versteht und ebenfalls die Umbenennung ablehnt, glaubt sogar, Malofejew, den er ebenfalls hochgefährlich findet, positioniere sich schon für die Putin-Nachfolge. Wer in diesen Tagen durch Tarussa fährt, den irritiert, dass die Straßenschilder die alten geblieben sind, während der Navigator automatisch die neuen angibt. Doch kurz vor dem Jahreswechsel gab der Stadtrat bekannt, die offizielle Umbenennung werde um ein Jahr verschoben – um mit den Einwohnern darüber zu diskutieren.

ANZEIGE

Trommelfeuer im Wald

Schwieriger liegen die Dinge in der Uralmetropole Jekaterinburg, wo auf dem Gelände eines Massengrabs aus der Stalinzeit moderne Schießstände gebaut werden. Im Waldgebiet am 12. Kilometer der Fernstraße Richtung Moskau, damals einer Sperrzone des NKWD, wurden in den dreißiger bis fünfziger Jahren insgesamt mehr als 20 000 Menschen, die man auch aus anderen Regionen herbeischaffte, erschossen und verscharrt. Als Straßenbauarbeiter in den sechziger Jahren menschliche Gebeine fanden, wurde das vertuscht, erst in der Perestroika wurde der Ort offiziell zur Terroropfergedenkstätte. Inzwischen verzeichnen Steintafeln die Namen der Ermordeten, seit 2017 steht hier auch eine „Trauermaske“ von Ernst Neiswestnyj, doch die geplante Flächenbestimmung des Gräberfeldes blieb aus.

Stattdessen entstehen auf dem Gelände, das dem Sportverein des Innenministeriums gehört, immer neue Schießstände des patriotischen Schützenklubs „Erzengel Michael“, einer Struktur des frommen Kupferoligarchen Igor Altuschkin, dessen Megakirchenbauprojekt die Jekaterinburger vor zwei Jahren durch wochenlange Demonstrationen verhindern konnten. Zu bestimmten Zeiten werden Besucher der Gedenkstätte durch Geschützhagel aus dem Wald beschallt. Seit vorigem Herbst verlaufen zwischen der Stromtrasse und der neuen Luxusschießanlage zudem frische Gräben durch den Wald, offenbar für künftige Kabel. Er habe nichts gegen Schießstände, sagt Anatoli Swetschnikow von der Jekaterinburger Filiale der Historischen Gesellschaft „Memorial“. Aber die müssten jenseits der Gräber errichtet werden, deren Radius deswegen endlich zu erforschen sei, wie es das russische Gesetz auch verlange. Seit Jahren schickt „Memorial“ deswegen entsprechende Gesuche an die Stadtverwaltung, die Duma, die Staatssicherheit, die Staatsanwaltschaft, konnte jedoch nichts erreichen. Wahrscheinlich hätten nur Anfragen aus anderen Ländern noch eine Chance, erhört zu werden, glaubt Swetschnikow, für die bestehe freilich Grund genug. Denn unter den Terroropfern, die im Waldstück an der 12. Kilometermarke begraben liegen, seien zahlreiche Polen, Esten, Finnen, Chinesen, Koreaner und auch Deutsche.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE