Schriftstellerin Raja Alem

Unterdrückung und Mord sind ein Verrat am Islam

17.12.2014
, 14:01
Eine große Stimme aus der muslimischen Welt: Die mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete Autorin Raja Alem wurde 1970 in Mekka geboren
Sie lebt in Mekka, der verbotenen Stadt. Aber schon dieses Verständnis geißelt Raja Alem als Anmaßung: Die saudi-arabische Schriftstellerin sieht den Islam von Fanatikern missbraucht. Ein Gespräch.
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Raja Alem, Sie sind Schriftstellerin aus Mekka. Wenn ich Sie in Ihrem Zuhause besuchen wollte, ginge das nicht, oder?

Es ist durchaus möglich, nach Mekka zu reisen, auch wenn man kein Muslim ist. Im Koran steht übrigens, dass Mekka die verbotene Stadt für Ungläubige, nicht jedoch für Nicht-Muslime ist. Das ist ein Unterschied. Wenn ich zu entscheiden hätte, dürfte ohnehin jeder nach Mekka reisen. Und ich sage Ihnen: Wenn Sie wirklich kommen wollen, um mich zu besuchen, würde ich das möglich machen.

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Ihr preisgekrönter Roman „Das Halsband der Tauben“, der in der deutschen Übersetzung von Hartmut Fähndrich im Unionsverlag erschienen ist, handelt von den Straßen Mekkas. Wie sehen Sie aus, wenn Sie durch die Straßen Ihrer Heimatstadt laufen? Jetzt hier, im Frankfurter Hotel, tragen Sie Bluse und Hose, Ihr langes Haar ist offen, Sie sind geschminkt, tragen keinen Schleier ...

Das geht in Mekka natürlich nicht. Obwohl es Zeiten gab, in denen es Frauen durchaus möglich war, in bunten Kleidern und nur mit einem Schal um den Kopf in die Öffentlichkeit zu gehen. Aber das ist vorbei, leider. Die schwarze Verhüllung für Frauen wurde in den sechziger Jahren eingeführt, obwohl das niemals Teil des Islam war, sondern einer Tradition, auch das ist ein Unterschied. Heute müssen alle Frauen die Abaya, den schwarzen Umhang, tragen und den schwarzen Schleier. Mich vollständig zu verhüllen, auch mein Gesicht, damit bin ich aufgewachsen in Mekka. Ich kannte es gar nicht anders. Wenn ich als Kind zur Schule rannte, sagten die Leute: Schau, da läuft der schwarze Schwan. Es gibt diese Beschreibung der saudischen Gesellschaft als schwarzweißes Bild – weil die Frauen alle schwarz und die Männer alle weiß tragen. Aber unter unserer Verhüllung sind wir alle bunt und ganz verschieden.

Tut Ihnen leid, dass Sie sich nicht zeigen können, wie Sie möchten?

Als ich zum ersten Mal ins Ausland ging, nach Paris, da fühlte es sich seltsam an, den Umhang nicht zu tragen. Ich fühlte mich verletzbar und angreifbar. Aber nach einer Woche war das vorbei, und jetzt, da ich einige Zeit in Paris gelebt habe, vergesse ist manchmal sogar, dass man bei uns den Umhang tragen muss.

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Hatten Sie je Probleme, als Schriftstellerin aus Mekka zu schreiben?

Nein, meine Bücher werden ja im Ausland verlegt, in Beirut. Mit siebzehn Jahren schickte ich einem Verleger dort mein erstes Manuskript. Er schrieb zurück: „Sehr geehrter Herr Alem, es ist uns eine Ehre, Ihr Buch zu veröffentlichen.“ Als er herausfand, dass ich eine junge Frau bin, hat es ihn trotzdem nicht abgehalten, und seither publiziere ich im Libanon, das gibt mir große Freiheit. Obwohl jetzt die meisten meiner Bücher auch in Saudi-Arabien veröffentlicht sind. Das war aber früher nicht so.

Haben Sie darüber nachgedacht, unter Pseudonym zu schreiben?

Es gibt Kolleginnen, die das gemacht haben, ich habe niemals auch nur daran gedacht. Ich habe auch meine Familie nie um Erlaubnis gefragt. Mein Vater hat von Anfang an akzeptiert, dass ich schreibe, und nicht versucht, das zu verhindern. Das rechne ich ihm hoch an, denn in anderen Familien hätte das einen Skandal ausgelöst: eine Tochter, die plötzlich glaubt, Bücher schreiben zu müssen. Und dann auch noch Romane wie meine, in denen Sex und Religion und überhaupt Fragen an die Gesellschaft vorkommen.

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Sie erwähnen Ihren Vater. Aus was für einer Familie stammen Sie?

Ich komme aus einer alteingesessenen Familie, die seit Generationen in Mekka das Amt von Pilgerführern innehat. Man nennt uns die Ahl al-Ilm, das bedeutet so etwas wie „Diejenigen, die das Wissen weitertragen“. Mein Ururgroßvater war ein berühmter Sufi in Mekka, ich wuchs in einem spirituellen Haus auf. Aber neben der tiefen Beziehung zu Religion und Glauben wurde bei uns immer auch gesungen und aus alten Schriften Poesie gelesen. Diese Mischung aus Glaube und Kunst hat mich von kleinauf geprägt.

Und wie hat Mekka Sie beeinflusst?

In Mekka aufzuwachsen heißt vor allem, von Fremden umgeben zu sein. Sie müssen sich vorstellen: Die Stadt ist in die Wüste gebaut, da wachsen keine Pflanze und kein Baum von allein, und dann kommen jedes Jahr mehr als zwei Millionen Pilger. Viele können sich gar kein Hotel leisten, deshalb öffnen alle, die in Mekka leben, ihre Häuser für sie. Auch unser Haus war immer voller Gäste aus der ganzen Welt, aus Indien, Ägypten, aus der Türkei. So bin ich einerseits in einer verbotenen Stadt aufgewachsen, dort aber in einer internationalen Umgebung. Das war faszinierend, die verschiedenen Sprachen, Kulturen, die Kleider und Sitten so hautnah zu erleben. Mekka ist eine sehr kleine Stadt, mit lauten engen Gassen, die während der Hadsch mit Menschen überfüllt sind. Wenn Sie in der Pilgerzeit Ihr Haus verlassen, können Sie praktisch nicht gehen, sondern werden vom Strom der Menschen mitgerissen. Von diesem Fluss auf den Straßen von Mekka handelt mein Buch.

Über alle bedeutenden Städte der arabischen Welt gibt es viel Literatur, über Kairo, Alexandria oder Beirut. Über Mekka aber kaum. Warum nicht?

Weil es die verbotene Stadt ist. Über Mekka darf nicht gesprochen werden. Ich habe mich dem widersetzt. Weil ich mich tatsächlich als so etwas wie die Erbin dieser Stadt begreife. Es klingt komisch, aber manchmal denke ich sogar, Mekka besitzt mich, um durch mich Geschichten zu erzählen. Ich fühle mich wie ein Medium, tatsächlich befinde ich mich beim Schreiben in einer Art Trance. Deshalb ist eine zentrale Protagonistin meines Romans, die selbst das Wort ergreift, eine Straße. Und wenn mir jemand erzählt, er wolle über Mekka schreiben, denke ich, das geht nicht, Mekka gehört mir! (lacht.)

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Wie stehen Sie zu den Extremisten des „Islamischen Staats“, die mit ihrem Terror die Welt in Angst versetzen?

Das hat mit Mekka nichts zu tun. Das hat mit dem Islam nichts zu tun. Das sind Verbrecher, die in Dörfer gehen und Menschen umbringen, Alte, Frauen und Kinder. Das ist verboten. „Kämpfe gegen Armeen, aber nicht gegen Wehrlose“ – so steht es sogar im Koran. Dass die Terroristen sich auf den Islam berufen, ist eine Farce. Das hat so wenig mit dem Islam zu tun wie die Unterdrückung der Frau.

Wie meinen Sie das?

Die steht auch nicht im Koran. Im Gegenteil. Der Prophet trug seine Frau Aisha in Mekka auf den Schultern, damit sie besser sehen konnte. Das ist ein starkes Bild: das Bild eines großen Liebespaares, das sich gegenseitig stützt. Mohammed hat Aisha als Mufti bezeichnet, also als Autorität. Das ist der Islam, den ich kenne und schätze. Die Extremisten wollen von all dem nichts wissen, sie leugnen und bekämpfen das. Mit dem Glauben aber hat das nichts zu tun.

Sondern womit?

Hinter diesen zerstörerischen Kräften, ob sie sich nun Al Qaida oder „Islamischer Staat“ nennen, stehen Industrien, das darf man nicht vergessen. Die benutzen Waffen, die in Fabriken hergestellt werden, und sie zerstören Städte, die wieder aufgebaut werden müssen. Ich bin entsetzt darüber, dass dabei die Rede vom „Islamischen Staat“ ist. Denn in dieser Bezeichnung liegt das Versprechen auf eine bessere Welt, gerade für Menschen, die in Armut leben. Ich habe viele junge Saudis erlebt, die wütend waren und enttäuscht und die eines Tages einfach verschwunden sind. Sie hatten sich den IS-Kämpfern angeschlossen, in der irrigen Annahme, dass es in diesem Utopiestaat Gleichheit und Gerechtigkeit geben würde. Erst dort entdeckten sie, in was für eine Katastrophe sie geraten waren.

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Glauben Sie, dass es einen Weg gibt, sie von diesem Weg wieder abzubringen?

Nein. Die haben sich zu sehr auf diese Sicht der Welt eingelassen. Wissen Sie, die Menschheit hat ja mit einem großen Krieg begonnen. Jeder kennt die Geschichte von Kain und Abel, der eine Bruder tötete den andern. Das heißt, die eine Hälfte der Menschheit wurde von der anderen Hälfte umgebracht, ein wahres Massaker.

Die Fragen stellte Sandra Kegel.

Quelle: F.A.Z.
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