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Streitfall Schweiz

Die bestorganisierte Anarchie des Abendlandes

Von Roger Köppel
 - 14:53

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss irrt. Die Schweiz ist kein Land des „Wahnsinns“. Sie wird auch nicht von „Zwergen“ bevölkert. Es ist hochmütiger Unfug zu behaupten, dass in dieser jahrhundertealten Demokratie, die seit fünfhundert Jahren keinen Krieg mehr angefangen hat, ein „frecher Populismus“ den Ton angibt, der „mit Nazisymbolen Werbung macht“. Würde Bärfuss seine eigenen Unterstellungen glauben, nähme er von diesem finsteren Staat kaum Subventionen an.

Die Schweiz ist ein interessantes Land: Von Natur aus arm, ohne Bodenschätze, hat sie sich im Lauf der Jahrhunderte einen bemerkenswerten Wohlstand erarbeitet. Noch Friedrich Engels glaubte im vorletzten Jahrhundert, ähnlich wie Bärfuss, die Alpendemokratie werde als ökonomische und geistige Wüste enden. Nachhaltig traumatisiert von „Hornmännern“ und „Klauenmännern“, die der Fabrikantensohn 1847 bei einem Besuch im Bergler-Kanton Uri anlässlich eines Dorffests erblickte, war Engels außerstande, die Qualitäten der Eidgenossenschaft zu erkennen. Wie man weiß, blieb es nicht das einzige Fehlurteil in der Laufbahn des berühmten Kommunisten.

Die Schweiz ist die bestorganisierte Anarchie des Abendlandes. Sie hat ein politisches System, das die wenigsten verstehen. Vor allem im benachbarten Ausland geistern merkwürdige Vorstellungen herum. Pointe und Perle unserer Staatsform ist der Umstand, dass am Ende die Bürgerinnen und Bürger in der direkten Demokratie das Sagen haben. Die Politik entzieht sich der von oben gesteuerten Planung angeblich erleuchteter Eliten.

In der Wirtschaft ist der Kunde König. In der direkten Demokratie ist der Bürger der Chef. Direkte Demokratie heißt: Die Politiker müssen immer mit dem Misstrauen des Souveräns rechnen. Die vermeintlich genialen Ideen der Obrigkeit können stets am Einspruch durch die Basis scheitern. Dieses System unmittelbarer Entscheidungsgewalt bringt den Bürgern Freiheit und Macht, für die Politiker ist es ein Gefängnis. Sie werden mit Referenden und Initiativen an der kurzen Leine gehalten. Kein Wunder, dass auch in der Schweiz von oben gelegentlich der Ruf nach einer Einschränkung der Volksrechte erschallt. Die Politiker wollen sich den mühsamen Chef vom Leib halten.

Konkretheit der Staatsform löst Gefühle der Beengung aus

Unter Schweizer Intellektuellen und Schriftstellern ist das „Unbehagen am Kleinstaat“ (Karl Schmid) besonders ausgeprägt. Der Intellektuelle, wer will es ihm verargen, ist naturgemäß fasziniert von großen Ideen und großen Theorien. Der Geistesmensch pflegt als deren Urheber ein erotisches Verhältnis zu geistigen Konstrukten. Seine Empfänglichkeit für Ideologien und hochtrabende Programme hat hier ihren Grund.

Diese Haltung freilich kollidiert in der Schweiz regelmäßig mit dem Hartbeton der Wirklichkeit. Die Schweizerinnen und Schweizer sind in ihrer Eigenschaft als Stimmbürger ausgesprochen bodenständig, neudeutsch: pragmatisch, also visionsskeptisch. Sie wittern hinter großen Würfen große Anmaßungen. Staatliche Macht ist ihnen unheimlich. Sie muss daher direktdemokratisch stets aufs Neue gehegt, gezähmt, zertrümmert werden.

An diesen Sachverhalten leidet Lukas Bärfuss. Die poesiefreie Konkretheit ihrer Staatsform löst bei ihm Gefühle der Beengung aus. Er möchte eine Schweiz, die auf den internationalen Bühnen „wieder mehr zu sagen“ habe. „Gefühle der Ohnmacht“ befallen den Dichter, weil seine Schweiz nicht mittanzt im Konzert der Großen. Am meisten aber irritiert ihn, dass die Mehrzahl seiner Landsleute politisch anders tickt als er.

Andersdenkende treten als Hinterwäldler auf

Bärfuss will die Schweiz mit dem Überstaat EU verschmelzen. Die nationale Selbstauflösung soll den Weg zu einer höheren humanistischen Gesinnung ebnen. Er ist für die schrankenlose Aufnahme von Migranten aus der Dritten Welt. In der sozialen Schweizer Marktwirtschaft sieht er Kräfte der Ausbeutung am Werk. Die direkte Demokratie ist ihm Brutstätte eines immer frecheren Populismus, dem das von Milliardären ferngesteuerte Zwergenvolk in dumpfer politischer „Umnachtung“ huldigt.

Es so zu sehen ist sein gutes Recht; aber die überwiegende Mehrheit der Schweizer sieht es eben anders. Sie fühlen sich wohl in ihrem Staat. Sie schätzen die direkte Demokratie als bürgerfreundliches Instrument der Selbstbestimmung. Ein Beitritt ist kein Thema, gute Zusammenarbeit mit der EU hingegen sehr. Nach Umfragen der Zürcher ETH stand die Schweiz bei den Schweizern nie höher im Kurs als heute.

Noch scheint beim zornigen Dichter die Einsicht nicht gereift zu sein, dass es in Demokratien nun mal unterschiedliche Auffassungen über die richtige Lebensführung geben kann. Meinungsvielfalt ist seine Sache nicht. Politisch Andersdenkende treten bei Bärfuss vornehmlich als Psychotiker und Hinterwäldler auf, eben als „Zwerge“, die unter „Wahnvorstellungen“ und „Halluzinationen“ leiden.

Moralischer Dünkel füllt die Hohlräume des Denkens

Richtigerweise allerdings erkennt in seinem Aufsatz der Empörte, dass sich über solchen Unsinn in der Schweiz niemand empören mag – außer Bärfuss, was diesen natürlich umso mehr empört. Die Tatsache, dass sich der intellektuelle Geisterfahrer auf einer höheren Bewusstseinsstufe wähnt als die Mehrheit seiner Landsleute, entlastet ihn von der Aufgabe, es mit den Fakten besonders genau zu nehmen.

Die Schweiz zum Beispiel hat seit 1990 nicht „das geringste Wirtschaftswachstum aller OECD-Länder“, wie Bärfuss schreibt. Im Gegenteil: Die Schweiz erzielte nach Angaben des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse zwischen 2003 und 2013 das dritthöchste Wirtschaftswachstum aller OECD-Staaten hinter Schweden und Deutschland, vor Amerika und Großbritannien. Die Steuereinnahmen blieben nicht „auf der Strecke“, wie der Hobbyökonom behauptet, sondern sie erreichten bundesweit Rekordhöchststände. Die jährliche Nettozuwanderung pro Kopf verzeichnet weltweit Spitzenwerte.

Moralischer Dünkel füllt die Hohlräume des Denkens. Beleidigungen ersetzen Argumente. Die wählerstärkste Partei der Schweiz, die SVP, gehört nicht in die Nazi-Ecke, sondern ist solide verwurzelt im freiheitlichen Rechtsstaat seit 1848. Dass sie pointiert für die Unabhängigkeit dieses liberalen Rechtsstaats und gegen den von Bärfuss herbeigesehnten EU-Beitritt kämpft, trägt ihr die raunenden Schmähungen des Schriftstellers ein.

Anbetung der EU wirkt überholt

Bärfussens Anbetung der politischen Großraumstruktur EU wirkt vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen überholt. Die Schweiz mag Schwächen und Fehler haben, aber angesichts von Euro-Krise, Griechenland-Chaos und Migrationsdebakel an den Außengrenzen schneidet sie im Quervergleich doch immer noch solide ab. Viele Europäer dürften die EU inzwischen kritischer sehen als der Ferndiagnostiker aus der Schweiz.

Der französische Soziologe André Siegfried beschrieb die Schweiz einst treffend als das „gleichzeitig nationalste und internationalste Land der Welt“. Es ist genau diese Eigenheit, die in Bärfussens „linker Edelsekte“ (Eugen Sorg) nicht verstanden werden will. Die Schweiz ist eben kein abgeschottetes Jammertal, sondern ein verwundbarer Kleinstaat, der sich dank politischer Selbstbestimmung und wirtschaftlicher Weltoffenheit erstaunlich friedlich und erfolgreich durch die Geschichte manövrierte.

Mehr noch: Die klar umgrenzte Schweiz mit ihrer direkten Demokratie und Bürgernähe gewinnt in der aktuellen europäischen Unübersichtlichkeit einen neuen Reiz. Sie bestätigt die Vermutung, dass das historisch Gewachsene und praktisch Bewährte dem Konstruierten und Künstlichen oft überlegen ist. Die Schweiz bleibt interessant: als Verwirklichung von Demokratie, Freiheit und Fortschritt, die in der Welt ziemlich einzigartig, aber immer noch zukunftsweisend ist.

Roger Köppel ist Verleger der Zürcher „Weltwoche“. Er kandidiert an diesem Wochenende für die SVP als Nationalrat im Berner Parlament.

Quelle: F.A.Z.
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