Erinnerung an Susan Sontag

Sie diktierte von ihrem Bett aus

Von Miryam Schellbach
07.10.2020
, 19:49
Die amerikanische Intellektuelle und Schriftstellerin Susan Sontag (1933–2004), hier in der Akademie der Künste in Berlin im Jahr 1976
Sigrid Nunez arbeitete für Susan Sontag, wurde die Freundin von Sontags Sohn David Rieff und zog bei den beiden ein – blieb aber nicht lange. Ein Gespräch.
ANZEIGE

Frau Nunez, Sie haben Susan Sontag zum ersten Mal 1976 getroffen, da waren Sie selbst 25 Jahre alt und Susan Sontag 43. Sie kamen zu ihr in ihre Wohnung am Riverside Drive 340, in der sie zu der Zeit mit ihrem Sohn David Rieff lebte. Sie hatten gerade ihr Studium abgeschlossen, wollten Schriftstellerin werden und jobbten nebenbei als Assistentin bei der „New York Review of Books“, der wohl einflussreichsten Zeitschrift für Literaturkritiken und Essays. Sie wussten also genau, wen Sie da trafen. Wie war es, bei Susan Sontag am Küchentisch zu sitzen?

ANZEIGE

Ich hatte Susan Sontag vorher schon ein paarmal in der Redaktion der „New York Review“ und wohl auch ab und an auf einer Lesung getroffen. Aber das hier war etwas ganz anderes. Sie hatte gerade ihre Brustoperation gehabt und versuchte, allmählich wieder auf die Füße zu kommen. Zu Hause erwarteten sie stapelweise unbeantwortete Briefe, und sie brauchte jemanden, der an ihrem Tisch saß und tippte, was sie, auf dem Bett liegend, diktierte. Wir haben also in ihrem Schlafzimmer gearbeitet. Ich erinnere mich auch heute, so viele Jahre später, noch genau daran, wie extrem aufgeregt ich war. Aus meiner damaligen Perspektive kam sie mir unglaublich alt vor. Das lag daran, dass sie schon so erfolgreich und bekannt war, sie hatte einen Ruf, sie galt als absolute Ausnahmeerscheinung.

Etwas später lernten Sie David Rieff kennen, sie verliebten sich ineinander, und als Sie ein Paar wurden, zogen Sie bei den beiden ein. Für mich klingt das wie eine unmögliche Konstellation, mit dem Freund und dessen Mutter zusammenzuleben.

Es hat von Anfang an nicht funktioniert. Ihre Krebsdiagnose war sehr schlecht, sie musste damit rechnen, dass ihr Leben nicht mehr lange dauern würde. Zudem war sie eine wirklich anspruchsvolle Mutter. David sollte eine Art Lebensbegleiter für sie sein. Sie wollte, dass er sie niemals verlässt. Nach etwas mehr als einem Jahr war die Situation zu unerträglich geworden, ich zog aus. David und ich versuchten es noch eine Weile, trennten uns aber bald endgültig. Wir hätten uns auch ohne Susan getrennt.

Eine meiner Lieblingsanekdoten in Ihrem Buch liefert ein schönes Bild für diese Dreiecksbeziehung. Eines Abends kommt Sontag spät von einer Party nach Hause, stürzt in das Zimmer, in dem Sie und David schon im Bett liegen, setzt sich auf das Sofa, zündet sich eine Zigarette an und beginnt, den Abend im Detail nachzuerzählen. Damals fühlten Sie sich nur gestört. Aber Sie schreiben auch, dass Sie es heute bereuen, all die Geschichten Sontags nicht stärker geschätzt zu haben.

ANZEIGE

Wir hatten einen klassischen Interessenkonflikt. Ich habe es immer sehr genossen, Zeit mit ihr zu verbringen, denn das hieß bei Susan Sontag auch immer, unglaublich viel zu lernen. Das Problem war, dass sie es nicht aushielt, allein zu sein. Es genügte nicht, dass wir in der gleichen Wohnung waren, wir mussten auch im gleichen Zimmer sein. Ich musste damals viel jobben, hatte nicht viel Zeit und wollte in jeder freien Minute schreiben. Sie stand ständig an meiner Tür und sagte: Lass uns ins Kino gehen, lass uns reden. Außerdem ging in ihrer Wohnung die New Yorker Intelligenzija ein und aus. Joseph Brodsky, mit dem Susan zu dieser Zeit liiert war, war ständig da, der Regisseur Mike Nichols, Edward Said, die Literaturkritikerin Elizabeth Hardwick, die Schriftstellerin Renata Adler, Donald Barthelme oder Paul Thek, dieser wundervolle Künstler, der später an Aids starb, alle waren sie da. Um arbeiten zu können, versteckte ich mich in meinem Zimmer, was Sontag mir später oft vorwarf. Sie fragte immerzu: Bist du denn gar nicht neugierig auf diese Leute?

Sigrid Nunez und Susan Sontag 1977
Sigrid Nunez und Susan Sontag 1977 Bild: Sigrid Nunez

Während der Zeit, in der Sie zusammenlebten, veröffentlichte Sontag einen ihrer berühmtesten Texte, „Krankheit als Metapher“. Gleichzeitig scheint es Sontag sehr geärgert zu haben, dass sie besonders für ihre Essays berühmt wurde. Sie beschreiben, dass sie nicht aufhören konnte zu weinen, als ihr 2000 endlich der Preis für den National Book Award verliehen wurde. Wollte sie lieber als Schriftstellerin wahrgenommen werden?

ANZEIGE

Sie hat immer darauf bestanden, dass sie in erster Linie Schriftstellerin und nur in zweiter Essayistin sei. Ich habe ihr das nie geglaubt, das war pure Einbildung. Sie hat wahnsinnig viel Arbeit in ihre nichtliterarischen Texte investiert. Ihre Essays sind unglaublich gut und reich an Ideen, die unsere gesamte Kultur verändert haben. Und ihre Literatur war übrigens besonders gelungen, wenn sie nahe an diesen essayistischen Ton herangekommen ist. „Die Liebhaber des Vulkans“ zum Beispiel, ein Buch, das ich absolut liebe und für das sie eigentlich den National Book Award hätte gewinnen müssen, ist eine hybride Form, ein Essay-Roman. Hätte sie länger gelebt, wäre sie mit ihrer Literatur vermutlich mehr in diese Richtung gegangen. Außerdem gibt es da ja noch eine ganze Menge wirklich wundervoller Erzählungen, die mich tief beeindruckt haben, weil sie, obwohl Sontag das Autobiographische ja eigentlich verachtete, extrem persönlich sind. „Projekt einer Reise nach China“ gehört dazu und auch „Wie wir jetzt leben“, eine Geschichte über die Aids-Krise.

In einem Tagebucheintrag im Jahr 1979 behauptet Sontag, es gebe nur so wenig Romane – damit meint sie wohl gute Romane –, weil es keine interessanten Theorien zum Verhältnis vom Individuum zur Gesellschaft mehr gibt. Was würde Sontag wohl über die Gegenwartsliteratur sagen?

Ich glaube, sie hätte diese ganze moderne Autofiktion von Knausgård zum Beispiel, Ben Lerner, Sheila Heti oder Rachel Cusk bewundert, auch wenn das ganz und gar nicht ihrem Ideal von Literatur entspricht. Was ihr damals jedenfalls überhaupt nicht gefallen hat, war traditionell realistisch erzählte Literatur. John Updike war nicht ihre Sache, Philip Roth auch nicht. Sie war viel mehr hingezogen zu dem, was man die europäische Tradition des Erzählens nennt.

Die Schriftstellerin Sigrid Nunez
Die Schriftstellerin Sigrid Nunez Bild: Marion Ettlinger/Aufbau Verlag

Knausgårds Maskulinismus hätte sie nicht gestört?

ANZEIGE

Nein, absolut nicht. Sie vergötterte W. G. Sebald, und diese Form von Autofiktion ist ja von ihm beeinflusst. Ohne Zweifel hätte sie das literarische Experiment dem konventionellen Realismus vorgezogen. Vermutlich hätte sie eine große Abneigung gegen das gehabt, was man Frauenliteratur nennt, Frauen, die über das Leben von Frauen schreiben. Ein Fan von Elena Ferrante wäre sie sicherlich nicht gewesen.

Sie beschreiben, dass Sontag die besondere Fähigkeit hatte, sich für fast alles zu interessieren.

Das inspirierte mich damals sehr. Ihre Liebe fürs Lesen, für Musik, für Kunst in einem sehr grundsätzlichen Sinn. Man durfte niemals etwas verpassen. Sie umgab sich mit lauter jungen Leuten, die die gleiche Ernsthaftigkeit hatten, und sie mochte alle, die diszipliniert waren. Sie hat uns immer das Gefühl gegeben, dass wir alles schaffen konnten, wenn wir nur hart genug arbeiteten. In diesem Sinne war sie vielleicht eine typische Amerikanerin. Sie hatte auch eine besondere Art, mit Nichtwissen umzugehen. Sie sagte: „Du hast dieses Gemälde noch nicht gesehen oder jenes Buch nicht gelesen? Dann kannst du dich aber noch auf etwas freuen.“

War das nicht auch ein Schulterschluss von Frau zu Frau? In „Sempre Susan“ erzählen Sie von einem inzwischen legendären Abend in der Upper East Side bei ihrem Verleger Roger Straus von Farrar, Straus & Giroux. Dort trennte sich die Gesellschaft nach dem Essen traditionell, die Frauen gingen in den einen, die Männer in den anderen Raum. Nach dem Dessert nahm Susan Sontag ihre Zigaretten und marschierte erhobenen Hauptes in den Männerraum.

ANZEIGE

Das Besondere an der Geschichte ist, wie sie weitergeht. Dorothea Straus, die Frau des Verlegers, erzählte später, dass Susan die traditionelle Trennung damit beendet hat. An keinem der folgenden Dinnerabende im Hause Straus gingen Frauen und Männer jemals wieder in getrennte Räume. Aber Susan war es egal, ob die anderen Frauen mitzogen. Es ging ihr nur darum, dass sie selbst lieber in der Männerrunde sitzen wollte. Wenn man es so betrachtet, kann man fast sagen, dass es eine antifeministische Anekdote ist. Sie kritisierte den damaligen Feminismus übrigens häufig.

Was bleibt von Sontag heute?

Ihre Essays sind nicht gealtert, sie sagen uns viel über unsere heutige Zeit. Aber auch ihre Person, die Leidenschaft, mit der sie sich dem Denken hingab, ist heute noch Vorbild. Ich habe im Laufe der Jahre so viele junge Studenten und Studentinnen getroffen, die schreiben wollten, weil sie Sontag gelesen hatten. Wir leben in einer chaotischen Zeit, und Susan Sontags Antwort darauf, „alles zählt“, ist aktueller denn je.

Sigrid Nunez: „Sempre Susan – Erinnerungen an Susan Sontag“. Aus dem Englischen von Anette Grube. Aufbau Verlag, 141 Seiten, 18 Euro.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE