Simon Wiesenthal Center

Die Jagd nach den letzten Kriegsverbrechern

Aktualisiert am 10.07.2007
 - 15:21
Gesucht: Efraim Zuroff zeigt ein Bild des NS-Kriegsverbrechers Aribert Heimzur Bildergalerie
Immer noch leben berüchtigte Nationalsozialisten in Freiheit: Ein Gespräch mit Efraim Zuroff, dem Leiter des Wiesenthal Centers, über die Fälle Brunner, Heim und Jensen, über den Amtsschimmel und Täter aus ganz Europa.

Efraim Zuroff ist Direktor des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem. Er wurde 1948 in Brooklyn geboren, studierte Geschichte und promovierte über den Holocaust. Anschließend arbeitete er für das amerikanische Justizministerium an der Aufklärung von Kriegsverbrechen. Seit 1978 ist er für das Wiesenthal Center tätig. Zuroff rief die „Operation Last Chance“ ins Leben, eine Fahndungsaktion, die die letzten noch lebenden NS-Verbrecher finden und vor Gericht bringen soll. Seit Januar 2001 wurden weltweit achtundvierzig NS-Verbrecher verurteilt, darunter drei in Deutschland.

Das Simon Wiesenthal Center hat eine Liste der meistgesuchten Nazis erstellt. Nummer eins ist Alois Brunner, der Assistent von Adolf Eichmann, verantwortlich für den Massenmord an den Wiener Juden. Er wäre heute fünfundneunzig Jahre alt. Glauben Sie, er lebt noch?

Wir wissen es nicht. Zuletzt wurde er 2001 von französischen Fahndern im Hotel Meridian in Damaskus gesehen, danach verliert sich seine Spur.

Nummer zwei ist Aribert Heim, Arzt im KZ Mauthausen. Was wissen Sie über ihn?

Wir glauben, dass er noch lebt. Letzte Woche hatte er seinen dreiundneunzigsten Geburtstag. Wir nehmen an, dass er sich in Spanien oder Chile aufhält.

Weiß man, wie er heute aussieht?

Heim ist sehr groß. 1,90 Meter, Schuhgröße 47. Er hat eine Narbe auf der rechten Wange. Er ist viel leichter zu finden als der Durchschnittsnazi, der, sagen wir, 1,78 Meter groß ist und keine Narbe hat.

Heim entnahm gesunden Häftlingen bei vollem Bewusstsein Organe, ließ Lampenschirme aus der Haut von Juden anfertigen. Nach dem Krieg arbeitete er unbehelligt weiter, bis 1962 hatte er in Baden-Baden eine gynäkologische Praxis. Wie kam es, dass er nie vor ein deutsches Gericht gestellt wurde?

Das sollte er ja. Aber jemand warnte ihn. Er entkam in der Nacht vor seiner geplanten Verhaftung. Es sind ein paar sehr seltsame Dinge geschehen im Fall Heim. Nach dem Krieg wurde er von den Amerikanern verhaftet, aber er wurde im Mauthausen-Prozess nicht angeklagt. Vielleicht war er dem amerikanischen Geheimdienst von Nutzen.

Im Juni wurde der Norweger Fredrik Jensen, ein ehemaliges SS-Mitglied, gefasst. Er wohnte im exklusiven Royal Nordic Club in Marbella. Eigentlich hatten die Fahnder gehofft, dort Heim zu finden.

Moment. Jensen wurde nicht gefasst, er wurde lediglich entdeckt.

Wurde er nicht verhaftet?

Nein, daran arbeiten wir noch. Dieser Fall spiegelt all das wider, womit wir es zu tun haben. Jensen war der am höchsten ausgezeichnete norwegische Nazi, einer der wenigen Ausländer, die von Hitler persönlich einen Orden bekamen. Aber es gibt drei Probleme. Erstens: Er ist Norweger. Norwegen ist neben Schweden das einzige Land, in dem Genozid, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren. Zweitens: Er wurde in Norwegen bereits bestraft, saß zehn Monate im Gefängnis, danach verließ er das Land. Wir versuchen gerade herauszufinden, wofür er die Haft verbüßt hat. Drittens: Er wohnt in Spanien, einem Land, das sich nicht darum schert, ob jemand Kriegsverbrecher ist. Und ein viertes Problem: Jensen hat für drei Einheiten der Waffen-SS gearbeitet, „Der Führer“, „Das Reich“ und „Wiking“. Alle Einheiten haben Kriegsverbrechen begangen. Wir klären gerade, ob Jensen zur betreffenden Zeit jeweils dort war.

Wie alt ist er?

Er ist jung, sechsundachtzig, in prima Verfassung. Spielt Tennis und Golf.

Glauben Sie, er hat Kontakt zu Heim?

Der Verdacht besteht. Ein norwegischer Dokumentarfilmer ist sich sicher, dass Jensen wisse, wo Heim ist. Wir versuchen gerade, diese Information zu überprüfen. Das ist unsere Hauptarbeit. Wir werden überflutet mit Informationen, 95 Prozent davon sind vollkommen nutzlos. Aber alles muss überprüft werden.

Existiert „Odessa“ noch, die Organisation ehemaliger SS-Angehöriger, mit deren Hilfe Alois Brunner wohl jahrzehntelang in Syrien untertauchen konnte?

Ich glaube nicht. Aber Nazis helfen sich untereinander. Es gibt die Organisation „Stille Hilfe“, geleitet von Gudrun Burwitz, Himmlers Tochter. Sie lebt in der Nähe von München. Sie hilft Nazis, besorgt ihnen Rechtsanwälte.

Es ist bekannt, dass Heim mit einem Künstlerpaar in Spanien befreundet ist - oder war. Sie haben Namen und Adresse. Welche Handhabe haben Sie? Lassen Sie deren Telefone abhören?

Wir sind eine nichtstaatliche Organisation. Wir sind nicht die Polizei. Die Polizei kann Telefone abhören, wir haben diese Befugnis nicht. Aber die deutsche Polizei hat eine Spezialeinheit zur Ergreifung Heims gebildet. Die tut, was in ihrer Macht steht, um ihn zu finden.

Lebt Martin Bormann noch, Hitlers Privatsekretär? Es ist immer wieder zu lesen, er werde noch gesucht.

Ich bin mir sicher, dass er tot ist.

Arbeiten Sie mit dem Mossad, dem israelischen Geheimdienst, zusammen?

Schön wär's. Nein, der Mossad ist nicht länger an diesem Thema interessiert. Er hat dringendere Themen, um die man sich momentan in Israel kümmern muss.

Bezahlen Sie Detektive, die Leuten in Chile oder Spanien Fotos der Gesuchten zeigen?

Nein, so läuft das nicht. Wir beschäftigen bisweilen Detektive, um beispielsweise zu beweisen, dass ein enttarnter NS-Verbrecher gesundheitlich stabil genug ist, um einen Prozess durchzustehen. Wir beschäftigen aber keine Detektive, um nach den Gesuchten zu fahnden.

Arbeiten Sie mit digitalisierten Fotos, die zeigen, wie die Gesuchten heute aussehen könnten?

Wir haben das nur einmal gemacht, im Fall von Heim. Weil wir gegen die Zeit arbeiten, widmen wir uns nur Fällen, in denen wir konkrete Indizien dafür haben, dass die Person lebt. Wir wachen nicht morgens auf und denken: Ach, Himmlers Gehilfe wurde ja nie gefunden - lasst uns den mal suchen, vielleicht lebt er noch. Für solche Spielchen ist keine Zeit.

Es sollte sich also niemand bei Ihnen melden und fragen, was denn aus einem bestimmten KZ-Aufseher geworden ist.

Solchen Leuten sagen wir: Finden Sie ihn, dann übernehmen wir. Unsere Arbeit ist das Gegenteil von kriminalistischer Ermittlung. Die ist verbrechensbezogen: Ein Verbrechen fand statt - wer hat es begangen? Wir brauchen einen Verdächtigen. Dann fragen wir uns, wie wir beweisen können, dass er etwas getan hat.

Ich habe mir das Büro eines Nazijägers voller Landkarten und Fotos von Kriegsverbrechern vorgestellt. Stattdessen stehen hier Regale mit Aktenordnern.

Die Arbeit besteht aus drei Bestandteilen: Recherche in Archiven, Detektivarbeit, politische Lobbyarbeit, leider vor allem aus Letzterer. Das größte Problem, mit dem wir es heute zu tun haben, ist der fehlende politische Willen, NS-Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen.

Ein Beispiel: Milivoj Asner soll 1941 und 1942 als Leiter der faschistischen Ustascha-Polizei in Kroatien an der Deportation von Juden und Serben beteiligt gewesen sein. Sie wissen, wo er wohnt.

In Klagenfurt, in der Paulitschgasse.

Warum ist er frei?

Die Österreicher sagen, er sei nicht gesund genug für einen Prozess, und weigern sich, ihn nach Kroatien auszuliefern. Wir sind anderer Meinung. Enttarnt haben wir ihn am 30. Juni 2004. Da lebte er noch in Kroatien. Einen Tag später war er verschwunden. Das war unser Fehler: Wir nahmen damals an, dass ein über Neunzigjähriger nicht mehr fliehen würde.

Wie macht sich Deutschland bei der Jagd auf alte Nationalsozialisten?

Da wird viel getrödelt. Man sollte meinen, wo uns doch so wenig Zeit bleibt, um die letzten zu fassen, würde das Ganze als Eilsache behandelt. Aber die deutschen Behörden benehmen sich, als wollten sie die hundertsten Geburtstage abwarten.

Dabei rennt die Zeit, wie der Fall Lajos Polgar zeigt. Er war ein Führungsmitglied der Pfeilkreuzler in Budapest, der ungarischen Rechtsextremisten, die Zehntausende von Juden an den Ufern der Donau erschossen haben. Sie machten ihn 2005 in Australien ausfindig. Polgar starb aber im Juli 2006, bevor ihm der Prozess gemacht werden konnte.

Sein Sohn beschuldigt mich, ihn umgebracht zu haben. Polgar starb an einem Herzinfarkt. Ich hätte ihn lieber vor Gericht gesehen.

Glauben Sie, diese Männer führen ein friedliches Leben?

Heim jedenfalls nicht, das ist sicher. Er ist seit 2004 ständig in den Medien, jeder Schritt seiner Verwandten wird beobachtet, er hat sicher keine Ruhe - es sei denn, er läge irgendwo im Koma. Aber ich weiß von Leuten, die ein schönes Leben hatten, nachdem sie Tausende Juden, Zigeuner, Unschuldige umgebracht hatten. Kepiro zum Beispiel. Haben Sie von ihm gehört?

Nein.

Sándor Kepiro war Offizier der ungarischen Gendarmerie und aktiv am Massenmord an Zivilisten vom 23. Januar 1942 in Novi Sad beteiligt. Mindestens 1300 Menschen starben an diesem Tag. Kepiro wurde noch während des Krieges in Ungarn für dieses Verbrechen verurteilt, aber kurz nach dem Prozess besetzten die Nazis Ungarn und ließen ihn wieder frei.

Wie haben Sie ihn gefunden?

Im Februar 2005 ging eine Mail beim Wiesenthal Center Los Angeles ein. Darin schrieb jemand, er lebe in Schottland, habe eine ungarische Freundin und deshalb an einem Treffen von in Schottland lebenden Ungarn teilgenommen. Dort sei ein alter Ungar gewesen, der sich seiner Rolle bei der Deportation von Juden nach Auschwitz rühmte. Diese Mail wurde an mich weitergeleitet, ich kontaktierte den Absender, bat ihn um den vollen Namen und die Adresse dieses Ungarn. Wenig später saß ein Journalist in meinem Auftrag im Wohnzimmer des alten Mannes und gab vor, an einer Geschichte über Exilungarn zu arbeiten. Der Alte stellte sich als kleiner Fisch heraus. In seinem Wohnzimmer aber hing ein Foto, das einen anderen Ungarn in Uniform zeigte. Das sei Sándor Kepiro, sagte der alte Mann, ein viel höherer Offizier als er, mit dem er heute noch Kontakt habe. Der Name sagte mir nichts. Ich sprach mit einem Experten für den Holocaust in Ungarn. Seine Reaktion: „Wie bitte, der Bastard lebt noch?“ Bingo. Wir hatten einen Fall. Es fehlte nur ein wichtiges Detail.

Wo lebte Sándor Kepiro?

Genau. Wir fanden heraus, dass er in Budapest lebt - er steht bis heute unter seinem richtigen Namen im Telefonbuch.

Er ist frei?

Kepiro ist ein pensionierter Rechtsanwalt, beliebter Nachbar und lebt ironischerweise genau gegenüber einer Synagoge. Eigentlich dachten wir, der Fall sei klar: Er war ja schon verurteilt. Wir wollten, dass seine Verurteilung rechtskräftig wird. Aber das gestaltete sich schwierig. Um das Ganze zu beschleunigen, entschied ich, den Fall publik zu machen. Wir hielten eine Pressekonferenz in der Synagoge bei ihm gegenüber ab. Und am Ende, als alle wissen wollten, wo der Gesuchte denn nun sei, sagte ich: „Schauen Sie aus dem Fenster, dort wohnt er.“ Die Journalisten klingelten bei ihm, er beantwortete ihre Fragen. Er sagte: „Ja, das war alles schrecklich, aber ich habe nichts damit zu tun.“ Im März entschied die ungarische Regierung, ihn seine Haftstrafe nicht verbüßen zu lassen, weil sie 1944 annulliert worden sei. Es ist frustrierend.

Simon Wiesenthal hat sich als „Kriminalisten“ bezeichnet. Wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben?

Als Kämpfer für die Wahrheit. Die Versuche, die Geschichte des Holocaust zu verfälschen, machen mir Sorge.

Was meinen Sie damit?

Der Holocaust war nicht: Deutsche gegen die Juden. Er war: Europa gegen die Juden. In jedem europäischen Land haben die Nazis Helfer gefunden. Aber in den westlichen, südlichen und nördlichen Ländern hörte die Kollaboration an den Bahnhöfen auf. Die Juden wurden nicht von holländischen Polizisten ermordet, sie wurden von ihnen nur in den Zug gesetzt. Umgebracht hat man sie im Osten.

Weil die Deutschen die Konzentrationslager im Osten errichtet hatten.

Nicht nur. In Litauen wurden 98 Prozent der Juden in ihren Heimatdörfern ermordet. Es gab nur einen einzigen Transport nach Auschwitz. In Estland, Kroation oder der Ukraine fanden die Deutschen sehr viele Menschen, die bereitwillig gemordet haben. Das will natürlich in diesen Ländern niemand hören. Ich kämpfe für die historische Wahrheit. Ich glaube, die Täter heute noch zur Verantwortung zu ziehen ist die beste Geschichtslektion, die man erteilen kann.

Glauben Sie an Rache?

Nein. Ich halte manchmal Vorträge vor Schülern. Die fragen mich: „Sie wissen, wo die Nazis sind. Warum bringen Sie die nicht um?“ Ich sage: „Glaubt ihr, wenn ich das tue, steht am nächsten Tag in der Zeitung: ,Abscheulicher Kriegsverbrecher kriegt endlich, was er verdient?' Nein, da würde stehen: ,Rachsüchtige Juden foltern armen Neunzigjährigen.'“ Anders ausgedrückt: Was hilft dabei, dass so etwas nie wieder geschieht? Kein Mord aus Rache, sondern ein Gerichtsverfahren.

Was werden Sie tun, wenn der letzte alte Nationalsozialist tot ist?

Es gibt einen natürlichen Übergang von meiner jetzigen Tätigkeit zum Kampf gegen Antisemitismus.

Das Gespräch führte Johanna Adorján.

Quelle: F.A.Z., 10.07.2007, Nr. 157 / Seite 33
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot