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Rainbow Looms

Die neue Regenbogengeneration

Von Harald Staun
 - 11:28
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Das Ende des Trends wurde schon vor Monaten verkündet, als sich endlich auch die amtlichen Promis mit bunten Gummiarmbändern fotografieren ließen, Miley Cyrus, die Windsor-Kinder und so weiter, das scheint ein sicheres Zeichen dafür zu sein, dass man sich damit auf dem Schulhof nicht mehr blicken lassen kann. Ich dagegen bin noch immer dabei, herauszufinden, wie das korrekte Verb für das, was man mit den „Rainbow Loom“-Gummis macht, auf Anglizistisch heißt, ich fürchte: „Loomen“. Meinen Kindern sind Harry und Kate nämlich zurzeit ziemlich wurscht, ihr Star heißt Papst Franziskus, der trägt jetzt auch Gummi.

Während sich Erwachsene wie ich also Gedanken machen, was man in Zukunft alles nicht mehr selber machen muss, weil es per Drohne aus irgendeiner vollautomatischen Fabrik ins Haus flattert oder vom 3-D-Drucker ausgespuckt wird, hat die nachfolgende Generation offenbar eher das Problem, wie man die Zeit totschlägt, die man sich in einer solchen Fertigwelt spart. Die Möglichkeiten moderner Handarbeit scheinen ähnlich grenzenlos zu sein: Armbänder und Halsketten sind was für Vierjährige, Experten knüpfen die bunten Gummis zu lustigen Figuren, Flip-Flops oder Taschen zusammen.

Der amerikanische Fernsehmoderator Jimmy Kimmel trat vor kurzem mit einem Anzug auf, der aus geloomten Loomketten zusammengeloomt war, die ihm seine Fans geschickt hatten. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis die ersten gewebten Kleinwagen vorgestellt werden. Wenn ich mir den Eifer der Regenbogengeneration anschaue, halte ich aber auch ganz andere Dinge für möglich, Friedensbänder von Spitzbergen bis Punta Arenas vielleicht oder eine Verfassung für das neue Großbritannien.

Diese Gummis sind ein Segen - zumindest nachts

Wie immer, wenn man Zeuge derart bahnbrechender Erfindungen ist, stellt man sich bald die Frage: Ist das gut oder schlecht? Wir haben hier traditionell keinen Platz, um die kleinkarierten Fragen zu erörtern (Wohin mit all den Gummis? Sieht das nicht scheußlich aus? Und darf ich das meinem Kind auch so sagen?), sondern müssen uns auf die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen konzentrieren, die Frage also, ob Loomen hilft, die Probleme dieser Welt zu lösen, oder ob sich nicht doch eine perfide Ideologie dahinter verbirgt. Ob wir damit, Gummi für Gummi, eine freie und bunte Gesellschaft zusammenknüpfen können; oder ob auch dieser Sozialtechnik ein reaktionäres Strickmuster eingewebt ist.

So offensichtlich auf den ersten Blick die Gemeinsamkeiten mit dem Kapitalismus sind (in unserer Wohnung jedenfalls sieht es zur Zeit aus wie in Manchester zur Zeit der industriellen Revolution, ohne Rauch, aber inklusive Kinderarbeit), so entscheidend sind unter Umständen die Unterschiede: Es sind ja die Arbeiter, die über die Produktionsmittel verfügen (die Investitionskosten sind wirklich ein Taschengeld). Und andererseits bin ich mir nicht ganz sicher, ob es nicht doch eher der Amerikanische Traum ist, den sie beim Loomen verinnerlichen. Weniger wegen der Tellerwäscher-Geschichte des Erfinders Cheong Choon Ng, einem Maschinenbauer chinesischer Herkunft aus Michigan. Sondern vor allem, weil die Idee, man könne alles aus sich machen, gewissermaßen auch das Produkt ist, das er verkauft. Von Solidarität jedenfalls ist oft wenig zu spüren („Das sind meine Gummis!“).

Die Diskussion ist nicht ganz neu, sie wurde umfassend auch schon geführt, als vor ein paar Monaten der Lego-Film in die Kinos kam, ein 90-minütiger Werbespot mit antikapitalistischem Plot (kleiner Arbeiter kämpft gegen bösen Boss namens Lord Business). Schon damals ließ sich die Frage nach den kommunistischen (Steine als Produktionsmittel) beziehungsweise fordistischen (austauschbare Teile) Effekten des Baukasten-Prinzips naturgemäß nicht abschließend beantworten. Aber eins steht fest: Im Vergleich zu Lego ist Rainbow Loom ein nicht für möglich gehaltener Segen für die Menschheit. Wer gelegentlich nachts barfuß im Kinderzimmer unterwegs ist, weiß, was ich meine.

Quelle: F.A.S.
Harald Staun
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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