FAZ plus ArtikelOstslawische Sprachen im Konflikt

Wie der Krieg die Worte zerstört

Von Claudia Dathe, Olga Radetzkaja und Thomas Weiler
24.05.2022
, 18:34
Kampfplatz Sprache: Nach der Eroberung von Mariupol wird das ukrainisch-englische Ortsschild durch ein russisches ersetzt.
Die ostslawischen Sprachen Russisch, Ukrainisch und Belarussisch suchen ein neues Verhältnis zueinander. Zwei Übersetzerinnen und ein Übersetzer berichten von den Herausforderungen, vor denen sie stehen.
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Der Krieg verändert die Farben. Plötzlich ist die Welt schwarz-weiß, streng konturiert. Und auch die Sprache ist für viele plötzlich schwarz-weiß“, schreibt Serhij Zhadan in seinem Essay „Kaplane und Atheisten“. Wenn die Sprache ihre Schattierungen verliert, wird sie zerstört. Als Literaturübersetzer – wir übersetzen aus dem Ukrainischen, Russischen und Belarussischen – haben wir mit dieser Zerstörung unmittelbar zu tun. Wir beobachten, wie der Gebrauch der Sprachen sich verändert, wie sich Bedeutungen verschieben, wie die lesenden und schreibenden Gemeinschaften auf diese Veränderungen reagieren, wie Wörter oder Wendungen unbenutzbar werden.

Begriffe wie „Faschismus“ und „Nazis“ etwa werden von der russländischen Propaganda seit Jahren systematisch ausgehöhlt. In der Sprache des Staatsfernsehens bezeichnen diese Begriffe nicht ein politisches System und dessen historische Vertreter, sondern schlicht alle, die sich „uns in den Weg stellen“. Gleichzeitig behält die Vokabel dank des Kults um den Sieg im Zweiten Weltkrieg, der in Russland unter Wladimir Putin eine toxische Konzentration erreicht hat, ihre emotionale Aufladung: Faschisten sind demnach unter allen Umständen niederzuringen, und der Lohn ist nicht nur die Stärkung der nationalen Einheit daheim, sondern der Status einer Weltmacht.

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Claudia Dathe übersetzt aus dem Ukrainischen, Olga Radetzkaja aus dem Russischen und Thomas Weiler aus dem Belarussischen.

Quelle: F.A.Z.
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