FAZ plus ArtikelSoziale Kontakte europaweit

Bleibt in der Familie

Von Karen Krüger, Mailand
18.11.2020
, 10:54
Corona stellt die Frage nach den Nächsten. Wie unterschiedlich der Wert der Familie in Europa definiert wird, hat die Pandemie eindrucksvoll deutlich gemacht.

Europäisch einheitlich geregelt ist bei dieser Pandemie so gut wie nichts, vor allem nicht der Radius der möglichen sozialen Kontakte, über die kurz vor Weihnachten überall gestritten wird. In Italien wird das Fest voraussichtlich sehr einsam werden. Weihnachten bestehe nicht nur aus Einkaufen und Geschenken, sagte Ministerpräsident Conte bei dem hilflosen Versuch, die Menschen darauf einzustimmen. Es sei vielmehr eine Zeit der spirituellen Einkehr, und die gelinge am besten allein. Im Klartext bedeutet das: Weihnachten soll ohne die Großeltern stattfinden, ohne Besuche aus anderen Landesteilen, ohne Essen mit vielen Gästen am Tisch. Nur die „engste Kernfamilie“ ist zugelassen, also Eltern- und Kindergeneration, vorausgesetzt, sie leben unter einem Dach.

Kleben wir wirklich noch immer an dieser traditionellen Definition von Familie? Das fragen sich nun viele Italiener. Holt uns ausgerechnet jetzt wieder die berüchtigte Verwandtschaft ein, von deren erdrückender Liebe oder grenzenlosem Hass man sich dank wachsender sozialer Mobilität selbst in Italien immer mehr befreit? Ehepaare, die jahrelang kein Wort miteinander geredet haben, werden unterm Christbaum gemeinsam schweigen, prophezeit der „Corriere“. Wer sich ohne Trauschein oder gemeinsame Wohnung füreinander entschieden habe, müsse am Fest der Liebe dagegen zum Gesetzesbrecher werden. Den Menschen wird etwas abverlangt, das sich an bürokratischen Festlegungen bemisst, nicht an Leidenschaften oder Realitäten. Neidisch geht der Blick deshalb in Länder, wo man von Anfang an weitaus fortschrittlicher bei der Gestaltung der sozialen Kontaktbeschränkungen war.

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Karen Krüger
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