FAZ plus ArtikelDiskussion über Sprachverfall

Als ginge es um ein Killersystem

Von Peter Eisenberg
Aktualisiert am 15.01.2020
 - 15:05
Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg
Unsere Sprache verändert sich ständig. Warum nur wird das meistens als Verfall wahrgenommen? Gastbeitrag eines Sprachwissenschaftlers.

Sprachen verfallen. Sie verfallen jetzt, und sie verfallen, seit man sich über sie Gedanken macht. So häufig das behauptet wurde, so selten sagt jemand, wann eine Sprache in einem guten oder sogar im besten Zustand ihrer uns bekannten Geschichte war, mit dem ein Verfall beginnen konnte. Einige der seltenen Ausnahmen: Das Englische in der Periode zwischen dem Regierungsbeginn von Elisabeth I. (1558) und dem Bürgerkrieg (1642), wie Jonathan Swift behauptete. Die Feststellung, das Französische habe nach der Akademiegründung (1635) mit seiner Rolle als Staatssprache und Lingua franca des Adels wie der Gebildeten in Europa während des siebzehnten und Teilen des achtzehnten Jahrhunderts seine Blütezeit erlebt, gehört bis heute zum festen Bestandteil des Bildungswissens. Das Deutsche, sagt unsere Sprachgeschichtsschreibung meistens, habe bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts Autonomie, Eigenständigkeit und universelle Ausdruckskraft erreicht und in der Weimarer Klassik zur Blüte entfaltet.

Werfen wir einen Blick auf die entwickelte Ausdruckskraft des Deutschen zur Zeit der Weimarer Klassik, in der die Syntax des Deutschen im wesentlichen den Stand von heute erreicht haben soll. Allerdings wissen wir auch, dass zahlreiche Konstruktionstypen in den vergangenen zweihundert Jahren ausgebaut im Sinn von „differenziert“ wurden und sich so etwa bei Prosavirtuosen von Theodor Fontane bis Thomas Mann, von Franz Werfel bis Anna Seghers, Christa Wolf, Günter Grass und anderen finden.

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