FAZ plus ArtikelSprechverbote

Der Fluch der bösen Wörter

Von Christoph Türcke
17.06.2021
, 06:33
Wo statt der Dinge die Wörter für das Schlechte verantwortlich gemacht werden, lässt sich das Übel nicht mehr bekämpfen. Über die neue Sprachmagie und ihre Tabuzonen.

Worte können sehr böse sein und tief verletzen, aber das tun sie vornehmlich, wenn sie in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise gezielt auf bestimmte Gruppen oder Individuen gerichtet werden. Seit das lateinische Wort für „schwarz“ (neger) nicht nur mit dunkler Hautfarbe, sondern nahezu automatisch auch mit Wildheit, Tierähnlichkeit, Zähmungsbedürftigkeit assoziiert wird, ist der Brauch, bestimmte Menschen mit diesem Wort anzureden, als menschenfeindlich zu meiden und anzuprangern.

Anprangern freilich kann man nichts, ohne es auch zu benennen. Daran zeigt sich: Worte sind nicht identisch mit ihrem jeweiligen Gebrauch. Man kann sie auch anders gebrauchen. Sie können abgrundböse sein, aber auch Abgrundböses brandmarken. Wer sie zu absoluter Eindeutigkeit zwingen will, verheddert sich. Das Wort „Mord“ ist nicht die Mordtat, es bezeichnet sie lediglich. Es kann zu ihr auffordern, wenn weitere Worte bejahend hinzutreten. Aber es deswegen aus der Sprache zu tilgen wäre absurd. Wie soll man Mord ahnden, wenn man ihn nicht benennen kann?

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