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Denkmalstreit in Düsseldorf

Wie durchkreuzt man den Militarismus?

EIN KOMMENTAR Von Patrick Bahners
Aktualisiert am 01.07.2020
 - 20:20
„Those who have crossed“ nennen die Künstler von Ultrastudio ihre Arbeit mit einem Zitat aus „The Hollow Men“ von T. S. Eliot. Bild: dpa
In der gegenwärtigen Denkmaldebatte wird oft das Konzept des Gegendenkmals propagiert. Kann künstlerische Umgestaltung historische Einordnung ersetzen? Ein Düsseldorfer Beispielfall.

Auch Hitlers letzte Hoffnung blieb egomanische Illusion. Die am 10. April 1945 aufgestellte 12. Armee unter dem Kommando des Panzergenerals Walther Wenck ging als „Geisterarmee“ in die Geschichte ein. So endete alles, wie es begonnen hatte. Von Anfang an hatte Hitler Gespenster zu den Hakenkreuzfahnen gerufen. Er mobilisierte die Toten des Weltkriegs, um für dessen Wiederholung zu werben.

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Im Juli 1939 wurde in Düsseldorf ein Kriegerdenkmal eingeweiht, das „Die 39er“ ehrt. Gemeint sind die Gefallenen des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39, aber man könnte die Inschrift auch auf die ersten Toten des neuen Krieges beziehen, den Hitler wenige Wochen später entfesselte. Denn die Füsiliere ziehen wieder in die Schlacht, verlassen als Relief die durch eine Toröffnung in der schmucklosen Wand markierte Gruft. Der Bildgedanke des von Rudolf Klaphaus, Artur Tachill und Richard Kuöhl entworfenen Werkes säkularisiert in barbarischer Weise die christliche Verheißung der Auferstehung. Der Totenkult wird zum Todeskult, erstes und letztes Aufgebot sind identisch.

Der Reeser Platz nahe dem Rheinufer in Düsseldorf-Golzheim ist heute meist menschenleer. Die Nationalsozialisten hatten hier eine Mustersiedlung angelegt, die den Volksgenossen 1937 im Rahmen der „Reichsausstellung Schaffendes Volk“ präsentiert wurde. Der neue Stadtteil erhielt den Namen Schlageterstadt, benannt nach Albert Leo Schlageter, einem Weltkriegsveteran und Freikorpskämpfer, der 1923 im Alter von 28 Jahren wegen Sabotagehandlungen gegen die französische Ruhrbesetzung auf der Golzheimer Heide hingerichtet worden war. Die Nationalsozialisten verklärten ihn zum „ersten Soldaten des Dritten Reiches“.

Umbau gewünscht bei bestehendem Denkmalschutz

Seit 2002 steht das Denkmal, das die nationalsozialistische Weltsicht mit der Bündigkeit jungklassizistischer Abstraktion zu gruselig perfektem Ausdruck bringt, unter Denkmalschutz. In Düsseldorf möchte man es nicht für sich sprechen lassen. Die Kunstkommission, die für die fachliche Vorbereitung städtischer Entscheidungen über Kunst im öffentlichen Raum zuständig ist, schrieb einen Wettbewerb für Ideen einer künstlerischen Umgestaltung aus. Gewünscht war ein Gegendenkmal – ein Konzept, das in der Denkmaldebatte der vergangenen Wochen oft empfohlen worden ist.

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Den ersten Preis erhielt das Kölner Büro Ultrastudio: Lars Breuer, Sebastian Freytag, Christian Heuchel, Guido Münch und Jürgen Wiener. Sie wollen eine Brücke aus rostendem Stahl schräg über die Wand mit dem Relief legen, um das Denkmal durchzustreichen und den Betrachtern einen Blick von oben zu ermöglichen. Der Stadtrat hat jetzt vor der Entscheidung über die Vergabe des Auftrags eine weitere Runde Bürgerbeteiligung beschlossen. Er reagierte darauf, dass ein Offener Brief sehr prominenter Künstler einen Tag vor der Ratssitzung massive Kritik am Siegerentwurf vorbrachte. Ulrich Erben, Jochen Gerz, Gerhard Richter, Thomas Ruff, Gregor Schneider, Klaus Staeck und Günther Uecker unterzeichneten den von der Schriftstellerin Ingrid Bachér, der Ehefrau Erbens, aufgesetzten Aufruf. Pathetisch heißt es dort: „Und siehe da, unterschwellig genährt von der Vergangenheit, war sie wieder da, die Hybris der Dominanz, die kämpferische Gebärde, das versehentliche Stahlgewitter, nein Pardon, die Stahlrampe.“

Auch das bestehende Denkmal ist das Ergebnis eines Wettbewerbs. Er wurde 1932 ausgelobt, im Jahr vor der Berufung des „Gefreiten“ Hitler zum Reichskanzler, als im Park um die heutige Tonhalle schon ein Denkmal für die 39er stand. Jupp Rübsam hatte es entworfen, der selbst ein Veteran des Regiments war und 1928 den ersten Wettbewerb zum Thema gewann. Das Denkmal, das heute auf dem Reeser Platz steht, war also selbst schon ein Gegendenkmal. Etlichen Kameraden war Rübsams expressionistische Diktion zu modern. 1933 wurde Rübsams Gruppe aus zwei Soldaten, einem Stahlhelmträger und einem Verwundeten mit Kopfverband, sogleich beseitigt. In der Schleifung von Denkmälern manifestierte sich der revolutionäre Anspruch des neuen Regimes.

Unterschriftensammlung einst und jetzt

Es ist eine Besonderheit der Düsseldorfer Kunstkommission, dass Künstler in ihr die Mehrheit bilden. Hier zeigt sich die Kunststadt als Künstlerstadt. Die namhaften Unterschriftenlieferanten, die selbst keine Ideen zum Wettbewerb beisteuerten, ziehen also den Sachverstand eines Gremiums von Kollegen in Zweifel. Als Erich Ludendorff 1928 seine Teilnahme an der Einweihung des Rübsam-Denkmals absagte und die völkische Presse gegen Rübsams Darstellung der 39er als einer Notgemeinschaft der Versehrten hetzte, richtete die Künstlergruppe „Das Junge Rheinland“ eine Eingabe an die Stadtregierung, von der sie verlangte, das von rechts unter Beschuss genommene Kunstwerk zu verteidigen. Mehr als 400 Künstler unterschrieben. Die heutigen Nachfolger der Petenten fordern das Gegenteil: Den Erstplatzierten soll die Chance genommen werden, ihre Idee zu verwirklichen.

Der Brief fasst die Sache nicht von der fachlichen Seite an, geht auf die Anforderungen der Aufgabe gar nicht ein. Das Urteil des Epigonalen wird nicht mit ästhetischen Argumenten begründet, sondern mit den moralischen Losungen der frühen Nachkriegszeit motiviert. „Nicht wieder der Aufguss von gestern, nicht wieder das, was stark erscheint und uns schwach macht.“ Man denunziert die jungen Wettbewerbssieger als Organe eines kollektiven Unbewussten, in dem der alte Herrschaftswille auf die Chance zum Durchbruch warte. Wäre diese triviale Volkspsychologie wahr, wäre historische Aufklärung sinnlos. Jean Améry schrieb in den „Anmerkungen zu Anmerkungen“, seiner Auseinandersetzung mit Sebastian Haffner: „Die Geisterarmee Wenck bestand: ihre zerlumpten, aber im Sinne ­Goebbels’ ’fana­tischen’ Soldaten, die den ’totalen Krieg’ de facto führten, waren die deutschen Menschen.“ Der Offene Brief möchte glauben machen, dass dieser Spuk noch nicht vorbei ist.

Das Monumentale, an dem Anstoß genommen wird, ist aber durch die Dimension der Anlage vorgegeben. Den zweiten Preis erhielt Gabriele Horndasch für die Idee, das Denkmal unter einem Grashügel zu begraben. Wir merken uns: Ein Gegendenkmal kann nicht unauffälliger sein als das Original.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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