FAZ plus ArtikelHannah Arendt und Israel

Falsche Alternativen

Von Patrick Bahners
22.07.2021
, 08:06
Aus der Geschichte der Juden in Deutschland hatte Arendt in den dreißiger Jahren die Lehre gezogen, dass es strikt auf rechtliche/politische Gleichheit ankam, nicht auf die Abschaffung von Unterscheidungen und Vorurteilen.
Die Philosophin Susan Neiman meint, in Deutschland würden israelkritische Stimmen unterdrückt. Sie beruft sich auf Hannah Arendts Kritik des Eichmann-Prozesses. Das ist ein Missverständnis.

Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, ist eine der Protagonistinnen der Initiative Art. 5 GG Weltoffenheit, die gegen den BDS-Beschluss des Bundestags gerichtet ist. In einem Artikel in der Berliner Zeitung hat sie jetzt ihre Beschwerde erneuert, dass man sich in der deutschen Öffentlichkeit keine Vorstellung davon mache, wie breit das Spektrum jüdischer Meinungen zum Staat Israel sei, in der Diaspora wie in Israel selbst. Anlass des Artikels ist der Besuch des deutschen Bundespräsidenten in Israel. Neiman lobt Frank-Walter Steinmeier dafür, dass er dort auch mit drei Intellektuellen sprach, die Kritik an der israelischen Regierungspolitik mehr oder weniger eindeutig zu Zweifeln an der zionistischen Staatsräson zuspitzen: David Grossman, Eva Illouz und Omri Boehm.

Wie bei früheren Gelegenheiten beschwört Neiman als Repräsentantin einer heute in Deutschland angeblich von Diskriminierung bedrohten israelkritischen Denkungsart die 1975 verstorbene Hannah Arendt. „In ihrem großen, umstrittenen Werk ,Eichmann in Jerusalem‘ warf Hannah Arendt dem Gericht einen schwerwiegenden Fehler vor. Statt Eichmann wegen ,Verbrechen gegen das jüdische Volk‘ anzuklagen, hätte die Anklage ,Verbrechen gegen die Menschheit‘ lauten sollen.“

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Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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