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Berliner Museum

Bahnhof verstehen

Von Niklas Maak
Aktualisiert am 01.07.2020
 - 17:46
Aktuell ist im Hamburger Bahnhof Katharina Grosses Installation „It wasn’t us“ zu sehen.
Das Museum im „Hamburger Bahnhof“ macht Kummer: Das Gebäude gehört noch immer nicht der Stadt und enthält eine Sammlung, die bald auszieht. Was wird aus der international beachteten Institution?

Berlins neuer Kummer ist der „Hamburger Bahnhof“, das „Museum für Gegenwart“, das in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert moderne Kunst von 1960 bis heute zeigt. Die Geschichte dieses Museums war von Anfang an abenteuerlich. Nachdem der Bauunternehmer Erich Marx in den achtziger Jahren der Stadt Berlin angeboten hatte, ihr seine Kunstsammlung, die bedeutende Werke von Beuys, Twombly und Künstlern der Pop-Art enthält, „zur Verfügung zu stellen“, ließ Berlin mit Staatsgeldern den Bahnhofsbau zum Museum umbauen. Dieses „Museum für Gegenwart“ zeigt seit 1996 Marx’ Sammlung zusammen mit Werken der Neuen Nationalgalerie; die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übernahm Trägerschaft und laufende Kosten.

Als aus dem Museum heraus Werke der Sammlung Marx mit dem wertsteigernden Etikett „Staatliche Museen zu Berlin“ verkauft wurden, wollte unter anderem diese Zeitung die Leihverträge mit Marx einsehen, dem man mit Steuergeld ein großes Museum gebaut hatte und unterhielt. Doch wie sich herausstellte, gab es keine Verträge. Erst spät machte man einen Vertrag mit Marx. Während einige fragten, ob es sinnvoll ist, mit Staatsmitteln riesige Häuser um qualitativ durchwachsene Privatsammlungen zu errichten, statt aus Privatsammlungen die besten Stücke für öffentliche Häuser zu erbitten, sammelte man in Berlin auf der Suche nach Weltgeltung durch Materialakkumulation weiter Privatkollektionen: 2004 holte man die Sammlung Flick nach Berlin, die Rieckhallen wurden für sie als Erweiterung des Hamburger Bahnhofs errichtet.

Kunst ist wie eine Wursttheke

Was damals keiner wusste oder wissen wollte oder beunruhigend fand: Der Hamburger Bahnhof, in den die öffentliche Hand Hunderte Millionen von Mark investierte, gehörte nicht der Stiftung oder Berlin, sondern der Bahn, weil die sowjetische Besatzungsmacht das Bauwerk, das schon vor dem Krieg als Museum diente, nach 1945 für einen im Betrieb befindlichen Bahnhof hielt und ihn, wie die „Welt“ jüngst nachwies, daher dem Bahnvermögen zuschlug. Nach der Privatisierung der Bahn 1994 wurden alle Immobilien „ohne Bahnbezug“, zu denen auch der Hamburger Bahnhof gehört, ausgelagert.

So führte die Privatisierung der Bahn auf bizarren Umwegen zu einer Museumskrise: Fortan kümmerte sich die Vivico Real Estate GmbH um das alte Bahnareal hinter dem Museum, auf dem die Developer ein stadtähnliches Anlageobjekt namens „Europa City“ entwarfen. Man gab sich kunstfreundlich: Wilhelm Brandt, Pressesprecher des Immobilienentwicklers Vivico, erklärte damals, die Museen hätten nichts zu fürchten, denn mit Kunst sei es „wie bei einer Wursttheke: je größer die Auswahl, desto besser“. Die zu begehrenswerten Würstchen erklärten Berliner Kulturpolitiker machten sich keine Sorgen und auch keinen Gebrauch von ihrem Vorkaufsrecht für das Baudenkmal Hamburger Bahnhof. Als 2007 die Aktiengesellschaft CA Immo die Vivico übernimmt, fällt deshalb auch das Museum in ihre Hände. Für die Vollendung der Europa City sollen nun die Rieckhallen abgerissen werden, weswegen Flick erbost aus Berlin abzieht.

Jüngere Gegenwart im Bahnhof

Die Sammlung Marx soll ab 2026 ins als „Scheune“ bekannte neue „Museum der Moderne“ am Kulturforum umziehen – ein weiteres im Kern um drei Privatsammlungen herumgebautes staatliches Museum, das schon vor Baubeginn eine überall außer in Berlin als „empfindlich“ empfundene Preissteigerung auf 450 Millionen Euro Baukosten erfuhr, die man in Berlin mit Verweis auf die Weltgeltung der dort gezeigten Kunst auf den Tisch legt. Es ist das zweite Museum, das mit Steuergeldern unter anderem für Marx errichtet wird, während keine seriösen Ankaufs- und Personaletats für die bestehenden öffentlichen Häuser zur Verfügung stehen.

Um den Museumsbau, in den bereits Hunderte Millionen von Euro flossen und der auch dank der von Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann ermöglichten Ausstellungen von Künstlern wie Anne Imhof, Tomás Saraceno, Carsten Höller international beachtet wird, nicht zu verlieren, verhandeln nun Kulturstaatsministerin Grütters und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben über einen Kauf des Hamburger Bahnhofs. Nach dem Abzug der Kunst seit 1960 ans Kulturforum und nach einer kostspieligen Sanierung soll dort später die jüngere und unmittelbare Gegenwart gezeigt werden, für die Berlin eigentlich bekannt ist. Sollte der Plan schiefgehen, wird die sichtbare „Gegenwart“ in Berlin vor allem das sein, was die Immobilienwirtschaft mit der Stadt macht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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