Neues Video von Pussy Riot

„Gehorche, dann kannst du Leute umlegen“

Von Kerstin Holm
05.02.2016
, 14:13
Frau Staatsanwältin tanzt: Nadeshda Tolokonnikowa in ihrem Video „Tschaika“, das sie dem mafiösen Justizsystem widmet.
Die Band Pussy Riot hat in Russland mit ihrer Kritik für Aufsehen gesorgt. Zwei Jahre saß die Bandleaderin im Gefängnis. Nun ist die Gruppe mit einem Lied zurück, das Putins Mafiasystem zentral angreift.
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Die russische Punkerinnen-Gruppe Pussy Riot ist wieder da. Sie hat ein neues Video ins Netz gestellt, das die Generalstaatsanwaltschaft als obersten Gefängniswächter in einem faschistoiden Foltersystem darstellt. Der Clip mit dem Titel „Tschaika“ – nach dem Familiennamen des Staatsanwalts Juri Tschaika, eines engen Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin – zeigt die Bandleaderin Nadeschda Tolokonnikowa in der Uniform einer Fahnderin der Staatsanwaltschaft, wie sie vor einem ganzen Fahnderinnenensemble tanzend und frech gestikulierend die Regeln ihres Jobs als Rap intoniert: „Sei demütig, vergiss das Materielle! Gehorche, dann kannst du ungestraft Leute umlegen! Wir haben unsere Geschäftstraditionen: Sie werden verhört, an die Fische verfüttert, wir lassen es wie einen Unfall aussehen. Aber Familie und Freunde sind heilig, an denen bleibt keine Klage hängen!“

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Dazu sieht man, wie uniformierte Frauen in schummrigen Kellern Gefängnisinsassen malträtieren und ermorden, vor einem faschistoiden Möwenemblem – Tschaika heißt übersetzt „Möwe“ – nordkoreanische Tänze hinlegen und sich auf Banketten vollstopfen, während die Menschen im Land hungern.

Lasziv vor Putin räkeln

Das teils in Los Angeles, teils in Moskau produzierte Video vergegenwärtigt die kriminellen Aktivitäten des obersten Verbrecherjägers von Russland und seiner beiden Söhne, wie der Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalnyj sie in einer Filmdokumentation nachweisen konnte, mit einer Mischung aus faschistischer und Pop-Ästhetik. „Mein Sohn wollte keinen Tannenbaum zu Weihnachten, sondern eine Salzmine!“, deklamiert Nadeschda Tolokonnikowas Fahnderin und räkelt sich, stellvertretend für ihren Chef, in lasziver Pose vor einem Porträt von Präsident Putin.

Explizit ist von dem sibirischen Flussschifffahrtschef die Rede, den Tschaika junior offenbar ermorden ließ, und von verurteilten Mafiabossen im südrussischen Krasnodar, mit denen er Geschäfte macht. Als Symbol für die Gier der Elite und ihr Bemühen, ihre Verbrechen mit Luxus zu kaschieren, dient ihr ein vergoldeter Brotlaib – er sieht aus wie jener, der in der Villa des geflohenen ukrainischen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch gefunden wurde –, den ihre Heldin zärtlich umarmt.

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Von mafiösen Chefs entsorgt

Das Video „Tschaika“ führt auch vor Augen, wie Russland seit Putins Comeback im Jahr 2012 einem großen Gefängnis immer ähnlicher wird. „Ob Russland heute expandieren, einmarschieren soll? Aber je mehr Russland es gibt, desto mehr können wir melken!“, heißt es an einer Stelle des Videos, an dem die Kamera aus der Vogelperspektive zeigt, wie Sträflinge über einen verschneiten Gefängnishof gescheucht werden.

Nadeschda Tolokonnikowa, die wegen des Pussy Riot-Auftritts in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale fast zwei Jahre im Gefängnis zubrachte, begegnete dort auch ehrlichen Fahnderinnen, die von mafiösen Kollegen und Chefs „entsorgt“ wurden. Dass sie bei den Vorbereitungen zu „Tschaika“ herausfand, dass die kleinste Uniform für Staatsanwältinnen sechs Nummern zu groß für sie waren, findet sie bezeichnend. Die Künstlerin verlangt sofortige Ermittlungen gegen Juri Tschaika, der, wie sie weiß, für viele Russen die kriminellen Strukturen ihres Staates exemplarisch verkörpert. Was Anlass für den nächsten Auftritt von Pussy Riot sein könnte, weiß die Sängerin noch nicht. Das könne allein, versichert sie, der russische Geheimdienst sagen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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