Kolumne „Import Export“

Bei X,Q,W ins Gefängnis

Von Ronya Othmann
08.08.2021
, 16:44
Menschen demonstrieren am 31. Juli 2021 in Istanbul gegen Rassismus, nachdem sieben Mitglieder einer kurdischen Familie in Konya erschossen worden waren.
In der Türkei wurde die kurdische Kultur seit der Staatsgründung mit Gewalt unterdrückt. Die Folgen sind bis heute zu spüren – auch in Deutschland.
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Es gibt eine Türkei fernab von Sandstränden, All-Inclusive, von den malerischen Straßen Istanbuls und der viel gelobten Gastfreundschaft. In dieser Türkei waren die Buchstaben X, Q, W von 1928 bis 2013 verboten, weil sie im kurdischen, nicht aber im türkischen Alphabet vorkommen. In dieser Türkei konnte man für einen Buchstaben ins Gefängnis kommen. Die kurdische Sprache wurde so brutal verfolgt, dass Frauen, die unter Geburtswehen ihre kurdische Muttersprache sprachen, aus dem Kreißsaal geworfen wurden. In dieser Türkei genügte es, unbedacht grüne, gelbe, rote Wäsche (die kurdischen Farben) auf die Leine zu hängen, um verhaftet zu werden. Ebenso war die traditionelle kurdische Kleidung verboten. In dieser Türkei wurden in den Neunzigern Tausende Zivilisten getötet; viele verschwanden in Foltergefängnissen oder wurden auf offener Straße erschossen. Das Militär zerstörte Tausende kurdische Dörfer. In dieser Türkei suchen Menschen bis heute die Knochen ihrer Angehörigen.

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Diese Türkei gab es schon, bevor Sultan-2.0 Erdogan seinen Palast bezog. Der antikurdische Rassismus wurde schon bei der Republikgründung angelegt: „Eine Nation, eine Flagge, eine Sprache“ lautete fortan die Doktrin. Aus Kurden wurden „Bergtürken“, später „Osttürken“. Die Idee von einem homogenen türkischen Nationalstaat sollte durch Gewalt und kulturelle Vernichtung Wirklichkeit werden. Diese Gewalt setzt sich bis heute fort. Vor einigen Tagen wurden in Konya sieben Mitglieder einer kurdischen Familie getötet und ihr Haus angezündet. Im Mai war sie von türkischen Nachbarn angegriffen und schwer verletzt worden. Man habe ihr gesagt, man werde dort keine Kurden wohnen lassen. Weder die Polizei noch die Justiz unternahmen etwas. Es war ein rassistischer Lynchmord und beileibe nicht der einzige.

Antikurdischen Rassismus gibt es auch in Deutschland: Da sind etwa die Grauen Wölfe, mit mindestens 18 000 Anhängern die zahlenmäßig größte rechtsextreme Organisation in Deutschland. Sie organisieren sich in Fußball- und „Kultur“-Vereinen, in der ATIB, einem Mitgliedsverein des Zentralrats der Muslime. Die Grauen Wölfe träumen von einem Großtürkischen Reich vom Balkan bis nach China. Sie propagieren die Überlegenheit der „türkischen Rasse“. Sie sind homofeindlich, antisemitisch und rassistisch gegenüber Armeniern, Griechen, Aleviten, Ezîden, Kurden. In Dortmund wurde 2020 Ibrahim Demir, ein kleinwüchsiger Kurde, von einem Anhänger der Grauen Wölfe zu Tode getreten.

In den Achtzigerjahren entwickelte sich die türkisch-islamische Synthese zur offiziellen Staatsdoktrin der Türkei: Islamismus und Nationalismus in einen Topf, gut verrührt. 2018 ging die islamistische Erdogan-Partei AKP mit der rechtsextremen MHP ein Wahlbündnis ein. Für die Identifizierung mit dem Türkentum und dem Islam, dafür macht sich das staatliche Amt für Auslandstürken stark. „Werde Deutscher, bleibe Türke“, heißt es unter türkischen Rechten. Antikurdischer Rassismus ist nicht nur bei den Grauen Wölfen, sondern auch in weiten Teilen der (deutsch-)türkischen Gesellschaft fest verankert. Auf deutschen Schulhöfen benutzen türkische Schüler „Kurde“ als Schimpfwort. Auch zu meiner Schulzeit hieß es, Kurden seien „Verbrecher“, „dreckig“ und sie würden sich „nie waschen“. „Je weiter man in den Osten der Türkei geht, desto dümmer werden die Leute“, hörte ich noch als Erwachsene.

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Die antikurdische Politik des türkischen Staates fand einen Niederschlag bis in deutsche Behörden. Bestimmte Regeln wurden einfach übernommen, da man die deutsch-türkischen Beziehungen nicht gefährden wollte. So war es kurdischen Eltern lange nahezu unmöglich, ihren Kindern kurdische Vornamen zu geben. Die deutschen Standesämter gestatteten nur Namen, die im Herkunftsland gebräuchlich waren – in der Türkei waren kurdische Namen aber verboten. Als ein Verwandter von mir vor Gericht einen Übersetzer brauchte, wurde ein türkischsprachiger engagiert. Auf den Hinweis, man brauche einen kurdischen, sagte der Richter: „Wieso Kurdisch – ihr seid doch sowieso alle Bergtürken.“ Schätzungen sprechen von bis zu 1,5 Millionen Kurden, die in Deutschland leben. Die Corona-Informationen des Bundes wurde in 20 Sprachen übersetzt – Kurdisch kam erst durch öffentlichen Druck hinzu. Antikurdischer Rassismus ist also mitnichten ein Problem „unter Ausländern“. Er ist Teil deutscher Realität.

In Initiativen, die sich Antirassismus auf die Fahnen schreiben, spielt antikurdischer Rassismus selten eine Rolle. Er passt nicht in den Dualismus von einer rassistischen weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft und den von Rassismus betroffenen People of Color. Wer darüber spricht, wird schnell als Spalter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Es heißt, für einen Neonazi seien wir alle gleich. Doch einfache Dualismen werden uns nicht weiterbringen. Es gibt nicht nur den einen Rassismus. Für manche mag es wie brand new information klingen: Ein türkischer Nazi kann von einem deutschen Nazi angegriffen werden und bleibt doch immer noch ein Rassist. Und jeder Rassismus tötet, genauso hier wie in Konya: Yaşar Dedeoğlu, Barış Dedeoğlu, Serpil Dedeoğlu, Serap Dedeoğlu, İpek Dedeoğlu, Metin Dedeoğlu, Sibel Dedeoğlu.

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Quelle: F.A.S.
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