Überwachung

Selbstporträt mit Drohne

Von Lea Beiermann
08.10.2014
, 18:21
Unter dem Titel „Truman Reloaded“ wurde in Frankfurt über die bizarre Lust am Überwachtwerden diskutiert. Die hochkarätigen Gäste sind sich einig: Überwachung ist ein harmloses Vergnügen.

Truman schläft. So heißt das Stück aus dem Soundtrack des Films, das die etwa fünfzehn Gäste in der Evangelischen Akademie in Frankfurt begrüßt. Sie füllen die ohnehin spärlichen Stuhlreihen nur zur Hälfte. Weil ja schließlich auch Buchmesse sei, wird geraunt, und viele der Anwesenden, hört man sagen, wussten bisher gar nichts von den Veranstaltungen der Akademie. Dabei ist es schön hier, googlelig-familiär, sicher auch, wenn mehr Leute da sind. Eine große Glasfront öffnet den Raum Richtung Nikolaikirche. Er ist mehr Loft als Saal, das dezente Leder-Mobiliar sorgt für einen Touch Yuppieness. „Truman Reloaded“ heißt die Veranstaltung, bei der es um das ambivalente Verhältnis von digitaler Selbstinszenierung und Überwachung im Netz geht. Etwa darum also, ob wir inzwischen alle Regisseure unserer eigenen Reality-Show sind.

Von einer digitalen Kränkung der Menschheit habe Sascha Lobo gesprochen, als die Netzüberwachung durch Edward Snowden bekannt wurde. So beginnt Ralph Fischer, Studienleiter für Kultur und Medien der Akademie, und so Freudianisch bleibt es den ganzen Abend. Die Veranstalter präsentieren eine Gästeliste, die sich mit Fernsehtalkshows messen kann: Marina Weisband, die Piraten-Parteilerin, ist als Referentin eingeladen, an diesem Abend wirkt sie im folkloristischen Rock optisch beinahe unauffällig.

Neben ihr sitzen Birgit Richard, Medienwissenschaftlerin an der Frankfurter Goethe Universität, und Christian Heller – der Blogger, der sein ganzes Leben minutiös und öffentlich im Internet aufzeichnet. Seine Anreise zur Veranstaltung konnte man mitverfolgen, genau wie jeden Döner, den er isst, und jede Flasche Shampoo, die er kauft. Außerdem ist Martin Altmeyer gekommen, Psychologe und Publizist mit dem Schwerpunkt Mediengesellschaft. Einer der schwarzen Sessel, vorgesehen für Vinzenz Hediger, wie Birgit Richard ebenfalls Medienwissenschaftler in Frankfurt, bleibt unbesetzt.

Staaten als Datenkraken

Altmeyer macht den Anfang und ergänzt die digitale Kränkung zunächst um eine „ödipale Dimension“: Sie sei im Grunde ein Generationenkonflikt, denn die „Gegenwartskritik“ am Digitalen bedeute eine indirekte „Verklärung der Vergangenheit“. Altmeyer präsentiert vier Thesen, und sein Vortrag klingt zu Beginn fast wie einer der im digitalen Raum allgegenwärtigen Listen-Artikel: „Vier Dinge, die uns die Netzkultur erklären“.

Von Ödipus einmal abgesehen, bleiben diese drei: Den vermeintlich typischen Netz-Narzissmus, der sich in Internetphänomenen wie dem Selfie äußert, hat es immer schon gegeben, das Internet sorgt für eine „Verflüssigung der Innenwelt“, in der Es, Ich und Über-Ich flexibel und friedlich nebeneinander leben, und die Sorge um eine Überwachung des Menschen ist nur der Beweis für ein unzutreffendes Bild dieser Menschen – es sind keine hölzernen „Marionetten“ an den Händen von „Datenkraken“, wie uns die Feuilletons immer weismachen wollen. Wozu also die Aufregung, scheint Altmeyer zu sagen, wenn man sein Professoren-Deutsch entschlüsselt.

Wozu also die Aufregung – das ist auch die Meinung der anderen Referenten. Marina Weisband beginnt gleich damit, dass sie es gar nicht gewohnt sei, einmal nicht die militante Rolle des linken Nerds einnehmen zu müssen, um ihre Thesen gegen eine Phalanx konservativer Silberrücken zu verteidigen. Sie ergänzt Altmeyers Rede dahingehend, dass auch Staaten „Datenkraken“ sein können, und zwar solche „die dir, im Gegensatz zu den Konzernen, auch ganz real die Haustür eintreten können.“ Und alle nicken. Marina Weisband spricht völlig frei und die meiste Zeit funktioniert das gut. Nur kleine Widersprüche entstehen – etwa wenn sie sagt, dass wir „alle ehrlicher zueinander sein müssen“ und im nächsten Satz Twitter preist, weil es erlaubt, jede mögliche Identität anzunehmen.

Lässige Silberrücken

Birgit Richard präsentiert dagegen multimediale Forschungseinblicke, Ausschnitte ihres Jugendkulturarchivs: Selfies und Ego-Clips oder das recht junge Phänomen des „Drohnies“ – ein Selbstporträt per Drohnenkamera. All diese Aufnahmen, sagt sie, würden sich durch ihren artistischen Charakter auszeichnen und eine „magische Beschwörung der eigenen Existenz“. Birgit Richards eigener Auftritt wirkt artistisch – ihre Analyse der Phänomene bleibt hinter der boulevardesken Selfie-Schau zurück. Die allerdings ist großartig, eine Revue der letzten Jahre Netzkultur.

Christian Heller begnügt sich mit einer Beschreibung seines Lebensstils, der durch „open-privacy“ geprägt ist. Er ist der Meinung, Daten ließen sich ohnehin nicht vollständig schützen und deshalb könne man sie gleich veröffentlichen – und besser jetzt, so lange man über die Veröffentlichung noch selbst bestimmen kann, als später, wenn es vielleicht andere übernehmen. Deshalb gibt es jetzt also Einkaufslisten in seinem „Plom-Wiki“, außerdem seinen Terminkalender und Notizen – für jeden einsehbar.

Nach den Vorträgen ist Zeit zur Diskussion, das Publikum darf Fragen stellen. Klar ist aber schon jetzt: Auf dem freien Sessel hätte ein Kritiker sitzen müssen, einer jener Ewiggestrigen, die das Internet für eine Mode mit der Dauer einer Herbstkollektion halten und die schon gegen den Zensus als Instrument der Volksüberwachung demonstrierten. Das Publikum will diese Rolle nicht übernehmen. Vor allem die Generation Fünfzig-Plus ist gekommen und erstaunlich ist, dass sie jetzt über Netzphänomene mit einer Lässigkeit redet wie noch in der Pause darüber, dass der Dornfelder die letzten Jahre immer besser geworden sei.

Neugier aufs Digitale

Kaum ein Digital Native sitzt im Publikum, und doch auch kein einziger Kritiker. Zugeschnittene Werbung sei doch praktisch, und soziale Überwachung gebe es schließlich in jedem Dorf. Fast scheint es, als sei Überwachung eine willkommene Antwort auf die moderne Entfremdung des Menschen. Wer will denn bitte anonym und einsam unterwegs sein? Die Fünzig-Plusser haben sich außerdem eine Neugier aufs Digitale bewahrt – vielleicht gerade weil sie damit nicht aufgewachsen sind. Ihr laisser-faire ist der etwas jüngeren, aufgeklärten Generation längst abhanden gekommen. Die fragt sich eher, wie denn verhindert werden kann, dass ein Staat hergeht und „die Haustür eintritt“. Eine Antwort darauf erhält sie hier bis zum Ende nicht.

„Und falls wir uns nicht mehr sehen“, schließt Ralph Fischer mit einem Zitat aus der Truman Show und übt sich im Lanzschen Lächeln, „Guten Tag, guten Abend und gute Nacht“. Und das ist „Truman Reloaded“, knapp zusammengefasst: Herzlich willkommen, schön dass Sie da sind – gut, dass wir geredet haben und dass wir uns alle so einig sind. Auf Wiedersehen. Beim nächsten Mal hoffentlich mit mehr als fünfzehn Zuschauern – das hat die Reihe mit ihrer hochkarätigen Besetzung verdient – und mit einer Handvoll kritischer Stimmen.

Die Evangelische Akademie Frankfurt präsentiert mit Login Cultures eine Reihe von Vorträgen über die Kultur des Digitalen. Auf „Truman Reloaded“ folgt am 14.10. „Emotionalität im Netz“, am 21.10. „Kunst und Literatur im digitalen Zeitalter“.

Quelle: FAZ.NET
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