Apple gegen das FBI

Das Selbst im Smartphone

Von Constanze Kurz
22.02.2016
, 21:50
Handydaten sollen den Ermittlern bei der Aufklärung des Terroranschlags von San Bernardino helfen - hier Trauerbekundungen am Tatort.
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Soll Apple das eigene Produkt hacken? Das verlangt die amerikanische Regierung von dem IT-Giganten. Es hätte fatale Folgen.
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Es ist bemerkenswert, wie eine nur von wenigen Menschen verstandene mathematische Technik erneut zum Politikum geworden ist: Die kryptographischen Sicherungen, die von der Firma Apple in ihren mobilen Computern verwendet werden, und die Wege, wie die Polizei drumherum kommt, haben es weltweit in die Zeitungen geschafft. Das amerikanische Justizministerium hatte Apple aufgefordert, technische Hilfestellung dabei zu leisten, an die Daten aus dem iPhone eines Verbrechers zu gelangen. Der Chef des Konzerns, Tim Cook, lehnte in der vergangenen Woche im Wege eines offenen Briefs ab: Man erachte einen solchen Präzedenzfall als gefährlich. Denn in der Folge könne die Regierung der Vereinigten Staaten verlangen, dass Apple auch heimliche Überwachungssoftware für ihre Zwecke einbaut. Sowohl Apple-Chef Tim Cook als auch FBI-Chef James Comey sollen jetzt vor dem Kongress ihre Haltung zur Verschlüsselung erklären.

Man denkt an die Zeiten, als kryptographische Hard- und Software und ihr Quellcode in den Vereinigten Staaten als Waffen eingestuft waren und ihr Export nach den „U.S. Defense Trade Regulations“ verboten war. Hätten diese Regelungen Bestand gehabt, wären all die amerikanischen Konzerne, die heute unser Netzleben dominieren, lokale Anbieter geblieben. Der Apple-Fall wäre eine innenpolitische Angelegenheit. Das Problem für das FBI und für Konzerne wie Apple ist also nicht nur, dass Hintertüren und Krypto-Deals mit Herstellern in der Post-Snowden-Zeit sehr viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit finden, sondern auch, dass diese Öffentlichkeit international geworden ist. Dass der Behörde zu trauen wäre, eine einmal eingerichtete Hintertür nur selten zu nutzen und befreundeten Diensten nicht weiterzugeben, hat sich seit Snowden gründlich zerschlagen.

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Wie es die Pflicht von Apple ist, hatte die Firma dem FBI bereits Daten von dem umstrittenen iPhone überlassen. Denn der Besitzer hatte den Back-up-Service von Apple genutzt, weswegen Datenkopien vorlagen und auch herausgegeben wurden. Allzu aktuell waren die hinterlegten Kopien jedoch nicht. Man bot daher auch andere Hilfe an, erklärte den Ermittlern die verwendete Technik und ihre Grenzen. Weswegen man dennoch nicht an die gewünschten Daten gelangen konnte, lag an einem Fehler eines Ermittlers, wie das FBI einräumen musste. Der hatte fälschlicherweise ein Rücksetzen des Back-up-Passwortes in Gang gesetzt.

Macht und Ohnmacht der Kryptographie

Deswegen übt man nun auf Apple Druck aus, das eigene Produkt zu hacken. Cook beklagt in seinem Brief, dass „dieselben Ingenieure, die starke Verschlüsselung zum Schutz der Nutzer einbauen“, nun paradoxerweise gezwungen werden sollen, diese Sicherungen zu schwächen. Wer die Snowden-Erkenntnisse mitbekommen hat, der wird wissen, dass von behördlicher Zurückhaltung beim Überwachen und beim Brechen von Verschlüsselung keine Rede sein kann. Die systematische Sabotage kryptographischer Werkzeuge ist Kernaufgabe der NSA als technischer Dienstleister. Apple, aber auch Google, Facebook und andere haben in der Folge der Snowden-Veröffentlichungen daher ihre Verschlüsselungsmaßnahmen ausgebaut, im Sinne ihrer vielen Millionen Nutzer, die in der Zeitung lesen mussten, dass Geheimdienste auf ihre Kontaktdaten, Dokumente, E-Mails und Fotos Zugriff nehmen.

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Sowohl die Kryptographie als auch die Kryptoanalyse sind Wissenschaften, wer aber darin arbeitet, sollte auch das Handwerk der guten Programmierung verstehen und die Benutzbarkeit im Blick haben. Obwohl hier noch vieles zu bemängeln bleibt, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zumindest die Benutzbarkeit sehr viel angenehmer geworden. Zudem sind kryptographische Sicherungen allgegenwärtig, ob es der Nutzer weiß oder nicht. Die aktuelle Diskussion dürfte vielen auch die eigene Ohnmacht vor Augen führen, ihre Angewiesenheit auf sichere und benutzbare Verschlüsselungswerkzeuge der Hersteller, die ihre digitalen Lebensbegleiter absichern und eben nicht ungewollt zu geschwätzigen Datenschleudern machen.

Angriff auf die Intimsphäre

Auch aus anderen Gründen ist die jetzige Diskussion etwas anders gelagert als vorherige zur Massenüberwachung oder zum offensiven Hacking der Geheimdienste. Denn Daten auf dem Mobiltelefon berühren sehr leicht das, was in Deutschland in Juristensprache als „Kernbereich privater Lebensgestaltung“ bezeichnet wird: die Intimsphäre von Menschen. Beispiele dafür, an die man durch die verschiedenen Datenskandale wohl zuerst denkt, wären unbekleidete Foto- oder Filmaufnahmen von sich selbst oder von Partnern. Aber ein typisches Smartphone kann sehr viel mehr Daten höchstpersönlicher Natur etwa über Liebesbeziehungen oder Krankheiten enthalten, die der Intimsphäre eines Menschen zuzuordnen sind. Am Ende kann die Verschlüsselung auch Teile des Selbst des Menschen schützen, etwa aufgezeichnete Gedanken und Gefühle oder Sensordaten über die Person.

Mag die dahinterliegende Kryptographie schon komplex sein – die Fragen, die sich aufdrängen, sind nicht einfacher. Denn wir sind längst so sehr mit den praktischen Geräten verschmolzen, wir vertrauen ihnen so vieles an, sie zeichnen multiple Aspekte unseres Lebens auf, dass die Diskussion um absichtliche Hintertüren in den Computertelefonen zu einem Schlagabtausch um Grundsätzliches wird. Denn die Gedanken sind frei, und nicht nur in den Vereinigten Staaten gibt es das Recht „to hold opinions without interference“. Dass sie – statt nur im Kopf – heute auf Geräten abgespeichert werden, verändert nicht ihre Natur. Und nur weil höchstpersönliche Gedanken und Meinungen digital festgehalten werden, sind sie ja nicht weniger schützenswert.

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Man kann Apple den Kampf gegen Hintertüren und für starke und zugleich sichere Verschlüsselung als politische Erklärung abnehmen oder sie bloß für eine verkaufsunterstützende Maßnahme halten. Die grundsätzliche Frage aber, wie wir es halten wollen mit den digitalen Geräten, die Teil unseres Lebens und sogar unseres Selbst sind, darf nicht als ein juristisches Scharmützel eines Konzerns gegen eine nationale Behörde enden.

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Quelle: F.A.Z.
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