Ein Überwachungsselbstversuch

Mein digitaler Verrat

Von Ranga Yogeshwar
28.10.2013
, 17:31
Wenn das Handy zum Spion wird, verrät es weit mehr als Telefonate. Es verändert alles. In der Logik digitaler Systeme sind wir immerzu verdächtig. Ein Selbstversuch.

Das Frühjahr hat sich im Herbst verirrt. Obwohl wir fast November haben, herrschen Temperaturen wie im Mai. Föhnwetter in München. Die Biergärten haben noch auf, Menschen sitzen draußen, bunte Dirndl, T-Shirts, Radfahrer in kurzen Hosen.

An diesem Wochenende besuchen meine Frau und ich unsere älteste Tochter. Sie hat gerade ihr Studium aufgenommen: neue Stadt, eigene Wohnung, große Universität, eigene Verantwortung. Unsere Tochter macht ihre ersten Gehversuche in einem neuen Lebensabschnitt, und meine Frau und ich lernen die schwere Lektion des Loslassens: Kinder werden groß.

Ein ganz normales Handy mit winziger Zusatzsoftware

„Ihr Paket ist angekommen.“ Der Hotelportier händigt mir einen Karton aus. Absender: Syss GmbH Tübingen. Das Experiment kann beginnen. Am Sonntag wollen wir in einer Sendung aufzeigen, was mit dem Abhören eines Handys so alles möglich ist. Die Redaktionsmitarbeiter der ARD-Talkshow „Günter Jauch“ haben mich gebeten mitzumachen, und ich habe, nach einer längeren Abwägung mit meiner Frau, zugesagt. Wir erleben das Wochenende also mit einer gespaltenen Haltung: Der eigentlich geplante familiäre Besuch bei meiner Tochter gerät kurzfristig zu einem Selbstversuch mit einem „infizierten“ Handy.

Das Gerät der Firma Huawei ist ein ganz normales Handy, nur dieses Modell enthält einen Trojaner, eine winzige Zusatzsoftware, mit der sich Daten von außen abgreifen lassen: Ortsangabe, Gespräche, Telefonate, SMS-Nachrichten und sogar alle Fotos, die ich mache. Die Zusatzsoftware könnte schon durch das unachtsame Öffnen eines Mail-Anhangs installiert werden. Ab dann lassen sich damit sogar Gespräche belauschen, denn das Mikrofon des Mobiltelefons kann aus der Ferne eingeschaltet werden, ohne dass der Nutzer es bemerkt.

„Mir ist das etwas unheimlich“, meint meine Frau

Gemeinsam mit der Redaktion und der Syss GmbH habe ich ein klares Prozedere bei meinem Selbstversuch verabredet: Wir alle sind uns einig, dass es hier lediglich um eine Demonstration des technisch Möglichen geht; die Privatsphäre meiner Familie darf nicht verletzt werden.

Ich schalte das Gerät ein, tippe den mitgelieferten Pincode ein, und das Gerät antwortet sogleich mit einem leichten Vibrieren. Auf dem bunten Bildschirm finden sich die üblichen Logos für SMS, Mail oder Kamera. Smartphones sind digitale Alleskönner, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Wie verabredet, rufe ich eine Mitarbeiterin der Firma Syss an. Sie wird gemeinsam mit einem Techniker während des Versuchs die Daten aus der Ferne abgreifen und so ein Profil meiner Aktivitäten erstellen. Es ist wie ein Spiel: Ich werde bestimmte Dinge unternehmen, und die andere Seite muss herausfinden, wohin ich mich bewege oder was ich gerade tue.

„Mir ist das etwas unheimlich“, meint meine Frau. „Die können also jetzt genau hören, was wir hier reden?“ - „Ja, können Sie, jedoch haben wir klar vereinbart, dass du und die Kinder herausgehalten werdet.“ Wir müssen der anderen Seite vertrauen, dass sie sich an die Spielregeln halten. Auf den Internetseiten von Syss findet man einen Ethikkodex, dem sich das Unternehmen verpflichtet hat, und dennoch ist uns beiden nicht wohl dabei. Auch bei diesem Smartphone lässt sich der Akku nicht entfernen, und so kann ich nie sicher sein, ob es wirklich ausgeschaltet ist. Unsere Unterhaltung wird einsilbiger als sonst, meine Frau schweigt.

Wir verlassen unser Hotel und machen uns auf den Weg zu unserer Tochter. Ihre Studentenbude liegt mitten in Schwabing, und die kleine Schwester, die mit uns angereist ist, hat gleich bei der großen Schwester übernachtet.

Die Kamera ist überklebt

Unterwegs gehen wir in eine Bäckerei. Während meine Frau einkauft, denke ich an das Spionagehandy in meiner Tasche. Mit den GPS-Koordinaten ist es ein Leichtes, unseren Weg zu verfolgen, und per Mikro könnte die andere Seite vielleicht herausbekommen, was wir denn gleich frühstücken werden. „Zwei Semmeln, zwei Vollkornbrötchen und ein Schokocroissant macht ...“ Die Verkäuferin lächelt, und mich beschleicht ein erstes Gefühl von Schuld: Ab jetzt müsste ich jedem in meiner Umgebung sagen „Vorsicht - die andere Seite hört mit.“ Wir nehmen die U-Bahn und fahren nach Schwabing. Bei der Auswertung wird mir später eine minutengenaue Bewegungsliste ausgehändigt werden. „... Trackpunkt am Bahnhof, Fahrt 2 Stationen mit der U3, 11 Minuten Fahrt ...

Unsere Töchter liegen noch im Bett. „Na, wie war die Nacht ...? Übrigens hier ist das Handy, von dem ich euch erzählt habe; darf ich es aufladen, denn der Akku zeigt nur vierzig Prozent an.“ Während wir das Frühstück in der engen Küche zubereiten, ziehen sich unsere Töchter an.

„Die können womöglich mit schauen ..!“ Mit dem Fuß schiebt meine Tochter das Gerät mitsamt Ladekabel unter die Kommode. Wir sitzen am Frühstückstisch und unsere Töchter sprudeln: „... Schokocreme, willst du noch etwas Orangensaft, kannst du mir die Butter reichen ...“ Das Handy liegt unter der Kommode - wir sitzen am Frühstückstisch, aber sind wir wirklich allein?

Mein Blick fällt auf den Laptop meiner Tochter. Sie hat die Kamera auf dem Bildschirm überklebt. Junge Leute sind wohl skeptischer, als wir denken ...

Das war noch Wertarbeit

Nach dem Frühstück wollen wir Wolfgang treffen. Er ist Physikprofessor an der TU München, ein bayrisches Unikum mit einer besonderen Leidenschaft fürs Basteln und Reparieren.

Natürlich habe ich ihm von meinem Handyexperiment erzählt und davon, dass die anderen uns belauschen werden. Als er uns an der Bahnstation abholt, hat er eine Schale mit Erdbeeren in der Hand. Seine bayrische Herzlichkeit ist ansteckend - Wolfgang verkörpert für mich die Essenz von „Laptop und Lederhosen“.

Zu Fuß gehen wir vorbei an der Zenith-Kulturhalle zum großen Flohmarkt. Meine Töchter und meine Frau schauen uns beide etwas befremdet an. Wolfgang ist hier bestens bekannt, wird immer wieder herzlich von den Händlern begrüßt. In einer großen Halle stehen alte Möbel, Nachlässe und Kisten voller Sammelsurium. Alte Radios, Toaster, Zahnarztbesteck ... In einem Regal stößt Wolfgang auf ein altes tragbares Tonbandgerät aus den sechziger Jahren. Das Batteriefach ist zwar etwas lose, doch das Gerät lässt sich bestimmt wieder in Gang bringen. „Das war noch Wertarbeit, so etwas hält. Heut kauft’s nur noch billigen Schmarrn!“ Natürlich nimmt Wolfgang das Gerät mit. Meine Frau blinzelt mir zu: „Untersteh dich!“

Durchs Bild identifiziert

Während wir von Stand zu Stand flanieren, wird im entfernten Tübingen alles von den Mitarbeitern der Syss GmbH erfasst: unsere Gespräche, Bilder, der genaue Ort. Im späteren Protokoll dieses Vormittags heißt es dann lapidar: „ Durch Bilder erkennen wir Begleitperson als Prof. Dr. Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums München.“ Aus meinem Freund „Wolferl“ ist plötzlich eine „Begleitperson“ geworden, und ich werde reduziert auf „R.Y.“ Das liest sich dann so:

„Gespräch zwischen 12.36 Uhr - 13.06 Uhr (Audiomitschnitt)

Kernpunkte der Unterhaltung:
R.Y. sucht Augen
Händler hat nichts Passendes, deswegen bietet er an, bei Eintreffen passender Waren der Begleitperson, Herrn Prof. Dr. Wolfgang Heckl, etwas zur Abholung zu hinterlegen ..........“

Die Handy-Fotos tauchen wieder auf

Als ich mir später das gesamte Protokoll durchlese, komme ich mir vor wie ein Krimineller: Die Akribie der Zeitprotokolle und die Auflistung der genauen Positionsdaten unserer Bewegungsprofile benutzen das Vokabular von Fahndern, die nach „verdächtigen Zielpersonen“ suchen. Ein harmloser morgendlicher Flohmarktbesuch verwandelt sich in dieser Sprache zu einer subversiven Tätigkeit. Alles wirkt verdächtig, man spürt ein kaltes Misstrauen. Was ich suche, sind nicht Drogen oder Waffen, sondern lediglich alte Puppenaugen aus Glas, die ich für ein Kunstwerk benötige!

Selbst die Fotos, die ich an diesem Vormittag mit dem Handy knipse, tauchen im Protokoll wieder auf - Beweismaterial nennt man das wohl ... Die Genauigkeit ist unmenschlich, denn im Protokoll lese ich Gesprächspassagen, die ich selbst inzwischen vergessen habe. In der digitalen Welt des Abhörens gibt es eben kein Vergessen. Jede Handlung, jede Bewegung, jedes Gespräch wird gespeichert und kann uns Jahre später vorgehalten werden.

„Wir haben genug“

Später an diesem Vormittag wird uns Wolfgang zu sich nach Hause einladen. Er wird meinen Töchtern seine Sammlung alter Schellackplatten zeigen, eine alte restaurierte Spieldose vorführen und mit Stolz ein greises Röhrenradio einschalten, das er mit viel Liebe wieder repariert hat. Wir genießen selbstgebackenen Kuchen, lachen viel, und mein Handy in der Hosentasche ist immer dabei ...

Mein Selbstversuch ist beendet. „Wir haben genug“, meint Kim, die Mitarbeiterin der Syss am Telefon. Als ich das Spionagehandy ausschalte, wird mir bewusst, dass mein eigenes Smartphone noch immer eingeschaltet ist und wohl ebenfalls mithört. Ausschließen kann ich das nicht, und in diesem Fall weiß ich auch nicht, ob und wer „die anderen“ sind.

Wir vergessen, dass sie speichern, analysieren und auswerten

Für mich ist der Selbstversuch mit dem Handy eine Offenbarung. Ich habe nichts zu verbergen, und doch lebt mein „Ich“ von meiner Privatheit und meinen kleinen Geheimnissen. Doch diese Wunderwerke moderner Technik sind zu Verrätern verkommen, die wir ständig bei uns tragen, am eigenen Körper. Auch wenn ich rational wusste, was auf mich zukommt, bin ich erstaunt über die emotionale Dimension, die dieses Abhörexperiment in mir auslöst. Ich fühle mich wie ein digitaler Judas, ein Verräter, der eindringt in die Privatheit meiner Freunde und damit den „anderen“ Zugang verschafft. Das Vertrauen meiner Freunde wird missbraucht, weil ich ein Handy bei mir trage, weil ich E-Mails versende oder in meinem elektronischen Adressbuch die Namen meiner Liebsten führe. Das Bewusstsein, dass im Kern jeder von uns eine anonyme Datenmaschinerie füttert, die zunehmend mehr weiß über jeden Einzelnen von uns, über unsere Vorlieben und Intimitäten, ist eine neue nie dagewesene Qualität.

Die digitale Revolution ist in vollem Gange, und das Neue beschränkt sich nicht nur auf verbesserte Apparate und praktische Apps. Wir selbst drohen dabei von der Revolution überrollt zu werden. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis wir unser Verhalten ändern und uns nicht mehr trauen, bestimmte Gedanken aussprechen, nur weil wir dadurch ein bestimmtes Profil erfüllen? Die Computer haben damit begonnen, uns zu programmieren, unser Verhalten und unser Denken, und wir merken nicht, wie wir uns den Maschinen unterwerfen: Wir schreiben unsere SMS-Nachrichten mit dem Daumen, klicken auf Wörter und wischen auf Schirmen, so wie es die Maschine vorgibt. Wir umfahren Staus, weil wir unseren Navigationsgeräten folgen, nehmen den Regenschirm mit, weil die App schlechtes Wetter vorhersagt, und gratulieren unseren Freunden zum Geburtstag, wenn unsere Handys uns daran erinnern. Wir googeln unsere neuen Bekanntschaften im falschen Vertrauen, dass die elektronischen Profile uns die Wahrheit sagen. Unsere E-Books wissen, was wir lesen und bei welchen Gedanken sich die Pupillen unserer Augen weiten. Das moderne Buch verrät seinen Leser. Per Sprachsteuerung sprechen wir Texte in unsere Handys und vergessen dabei, dass die Handys unsere Worte und Gedanken speichern, analysieren und auswerten. Die „anderen“ verstehen uns dank ausgefeilter Algorithmen und leistungsfähiger Software.

Vielleicht ist es schon zu spät

Ja, die Dienste sind zu weit gegangen in ihrer Sammelwut, doch der Kern des Problems liegt tiefer. Geheimdienste waren seit jeher erpicht auf das Abhören und die Informationsbeschaffung, doch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte konnten sie auf einen solch potenten technischen Apparat zurückgreifen wie heute. Und auch in den Kategorien des ökonomischen Denkens erleben wir diesen historischen Phasenübergang: Wir selbst, unser ganz persönliches Leben ist zum Produkt geworden, zum lukrativen Businessmodell, und unser digitales Abbild bestimmt zunehmend unser Sein. Es kennt unsere Vorlieben und Kaufmuster, versteht unsere Tagesabläufe und dringt in unsere Freundeskreise ein. Das digitale Alter Ego kennt uns besser, als wir es tun, erinnert sich noch an das, was wir schon längst vergessen haben. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis kalte Algorithmen uns den Spiegel unserer eigenen Zukunft vorhalten? Wie lange wird es brauchen, bis wir den digitalen Porträts mehr vertrauen als den Menschen aus Fleisch und Blut, wie lange, bis die Mündigkeit des Bürgers von der Maschine aufgelöst wird?

Ist es schon zu spät? Vielleicht ... Wenn wir bei aller Bequemlichkeit des Neuen verharren, werden wir zu entmündigten Usern werden und vergessen, wofür die Generationen unserer Vorfahren gekämpft haben. Worte wie „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“ werden dann ihren Inhalt verlieren, und bald werden wir uns womöglich unfrei fühlen, wenn unsere Handys keinen Empfang haben!

Quelle: F.A.Z.
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