Gesichtserkennungstechnologie

Die Überwachungskamera weiß jetzt, wer du bist

Von Fridtjof Küchemann
23.06.2015
, 14:43
Überwachungskameras und Gesichtserkennung
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Gesichtserkennung breitet sich aus, und keiner merkt es. Im Internet, von Behörden und im Supermarkt werden wir gescannt. Den Trend setzen amerikanische Konzerne. Hält Europa dem etwas entgegen?
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Sechzehn Monate lang haben sie verhandelt. Der einen Seite geht es um ein Millionengeschäft, um die Möglichkeit, den öffentlichen Raum sicherer, die Strafverfolgung einfacher und die Erkennung von Kundenwünschen leichter zu machen. Der anderen darum, einem Überwachungsapparat Grenzen zu setzen, dem mit neuen technischen Entwicklungen ganz neue Möglichkeiten erwachsen sind: die der Identifikation von Menschen mit den Mitteln der Gesichtserkennung.

Unter Präsident Obama hatte sich die Telekommunikationsbehörde im amerikanischen Wirtschaftsministerium zum Ziel gesetzt, die Industrie davon zu überzeugen, sich freiwillig an Mindeststandards des Datenschutzes zu halten – an Standards, die nicht die Unternehmen festlegen, sondern die in einem Interessenausgleich gefunden werden sollten mit Bürgerrechtlern und Datenschützern. In der vergangenen Woche haben alle beteiligten Initiativen dieses Lagers die Verhandlungen abgebrochen, bis auf eine, maßgeblich von der Industrie geförderte Organisation. Die anderen, darunter die Electronic Frontier Foundation, das Center for Digital Democracy und die American Civil Liberties Union, sahen angesichts der Unbeweglichkeit ihrer Verhandlungspartner keine Möglichkeit mehr, die Interessen der Bürger zu wahren.

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Die Werbetafel weiß, was du letztes Mal gekauft hast

Was heißt das für Amerika, und was heißt das für uns? Immerhin kommen die großen technischen Neuerungen von dort nach Europa, sind industrielle Standards und Geschäftsmodelle bereits im routinierten Einsatz, wenn sie hier auf den Markt gebracht werden. Manchmal werden sie den bei uns geltenden Gesetzen angepasst, oder man probiert es aus und riskiert, juristisch in die Schranken gewiesen zu werden – der Taxi-Dienst Uber hat es gerade vorgemacht.

Und die Gesichtserkennung? Stephan G. Humer, Internetsoziologe an der Universität der Künste in Berlin, nennt Einsatzmöglichkeiten: „Von behördlicher Seite soll Biometrie zur Fahndung eingesetzt werden. Leute werden dann abfotografiert, um zu schauen, ob sie sich in irgendeiner Datenbank finden. Kommerziell könnte Gesichtserkennung zum Beispiel im Kaufhaus oder Supermarkt eingesetzt werden. Dabei muss man die Kunden nicht einmal namentlich identifizieren. Es reicht, wenn sie wiedererkannt werden, wenn sie in den Laden kommen. Ihr Kaufverhalten wird mit der Videokamera analysiert, und auf LED-Werbetafeln sehen sie als Empfehlung dann das eingeblendet, was sie das letzte Mal gekauft haben. Das ist personalisierte Werbung, die von meinem Gesicht abhängt. Ich habe überhaupt keine Einflussmöglichkeiten, ich kann ja nicht vermummt in den Supermarkt gehen. Das ist natürlich eine Entgrenzung. Algorithmen könnten auch den Gang von Leuten analysieren, um ihnen korrigierende Einlegesohlen zu empfehlen – was auch immer. Die Biometrie bietet unglaublich viele Möglichkeiten, und alle haben damit zu tun, dass die Industrie näher am Menschen sein will, ob der damit einverstanden ist oder nicht.“

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Keine Drohnen im Schlafzimmer

Peter Schaar, bis vor zwei Jahren Bundesbeauftragter für den Datenschutz, sieht Deutschland und Europa – anders als die Vereinigten Staaten – im Fall der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum rechtlich relativ gut aufgestellt. In Amerika gebe es keine gesetzlichen Vorgaben. Die amerikanischen Gerichte setzten voraus, die Bürger wüssten, dass sie überwacht werden. In der angestrebten Selbstregulierung sieht Schaar den Versuch zu ersetzen, was in Europa durch die EU-Richtlinie und in Deutschland durch das Bundesdatenschutzgesetz geregelt sei: „Wenn der Inhaber eines Einzelhandelsgeschäfts Gesichtserkennung einsetzt, um die Kunden zu identifizieren, ist das ohne ausdrückliche Einwilligung des Betroffenen unzulässig“, sagt Schaar. „Und wenn jemand mit seiner Drohne ins Schlafzimmer des Nachbarn hineinfilmt, ist das eindeutig strafbar.“ Das zentrale Problem sieht er nicht auf der rechtlichen Ebene: „Die Vorteile der Gesichtserkennung dort, wo es angebracht ist, zu nutzen, ohne den Überwachungsdruck zu erhöhen: Das ist die Herausforderung. Und das ist mitnichten erfüllt durch ein paar Paragraphen, die wir hier haben.“

Stephan G. Humer hingegen hält die Gefahr, dass amerikanische Modelle auch in Europa angewendet werden, für groß: „Ich habe mich immer gefragt, was nach der NSA-Geschichte noch geschehen muss, bis wir in Deutschland aufwachen und begreifen, dass wir die Digitalisierung inhaltlich gestalten müssen.“ Mit dem ersten Produkt großer Firmen würden Fakten geschaffen, denen kaum beizukommen sei, wenn nichts Eigenes dagegengesetzt werde.

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Technische Revolution im Bereich der Videoüberwachung

Die Verhandlungen in Washington sind an der Haltung der Unternehmen gescheitert. Es sei schlicht nicht praktikabel, die biometrische Erfassung von der Einwilligung der Betroffenen abhängig zu machen, meinen sie. „Die Unternehmen befürchten offenbar“, sagt Peter Schaar, „dass nur wenige einwilligen werden, wenn die Gesichtserkennung den Betroffenen keine oder nur geringe Vorteile bringt, sondern sie nur noch überwachter macht.“ Ein solches Einverständnis müsse freiwillig und bewusst erfolgen. In Europa werde zudem daran gearbeitet, solche Einwilligungen nur gelten zu lassen, wenn kein starkes Machtungleichgewicht besteht zwischen demjenigen, der sie fordert, und demjenigen, der sie erteilt. „Man kann diese Einwilligungen auch mit elektronischen Signalen erteilen, man kann eine Art Privacy Protector mit sich führen oder eine App mit Privacy-Präferenzen auf dem Smartphone, bei der man einstellen kann, wer die Einwilligung bekommt und wer nicht, und die dann entsprechende Signale aussendet.“

Er sei davon überzeugt, sagt Peter Schaar, „dass den allermeisten Menschen überhaupt nicht klar ist, dass im Hintergrund eine technische Revolution im Bereich der Videoüberwachung stattfindet, hin zu einer Technik, die gezielt Objekte und Personen identifizieren und verfolgen kann. Das ist eine ganz neue Qualität, und man sieht es der Kamera nicht an, ob es sich um eine ,dumme‘ Videokamera oder um ein smartes Überwachungssystem handelt.“ „Die Software ist da, es fehlt nur noch die Massenverbreitung, die Algorithmen sind einsatzbereit, und verschiedene Nutzergruppen wollen und werden das einsetzen“, sagt Stephan G. Humer. „Die Bürger dürfen nicht denselben Fehler machen wie in der Vergangenheit bei vielen Services im Internet: Man muss sich jetzt damit auseinandersetzen. Es wird kommen.“

In der vergangenen Woche hat Facebook eine App vorgestellt, die selbständig die Fotos eines Smartphones nach Ereignissen sortieren und die abgebildeten Personen benennen können soll. Jetzt meldet die Forschungsabteilung für künstliche Intelligenz des Unternehmens, ein neuer Algorithmus könne mit einer Treffsicherheit von 83 Prozent Menschen auf Fotos sogar dann erkennen, wenn ihr Gesicht verdeckt sei – an ihrer Körperform, Haltung, Kleidung und Frisur.

Unterdessen soll in Washington weiter verhandelt werden, welche Grenzen für den Einsatz solcher biometrischen Programme gelten sollen. Dann eben ohne Beteiligung der Bürgerrechtler.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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