FAZ plus ArtikelOksana Lyniv im Interview

„Jetzt gerate ich zwischen die Räder“

Von Jan Brachmann
04.05.2022
, 06:16
Oksana Lyniv, geboren 1978  in Brody, war 2021 die erste Dirigentin bei den Bayreuther Festspielen und eröffnet jetzt die Festspiele Ludwigsburg.
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Die Dirigentin Oksana Lyniv ist die berühmteste ukrainische Musikerin der Welt. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen sollte sie Musik von Peter Tschaikowsky dirigieren. Es ist ihr unmöglich. Dahinter steht ein Grundsatzproblem von europäischer Tragweite.
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Anfang April konnten Sie in Bologna die Oper „Jolanta“ von Peter Tschaikowsky nicht dirigieren, weil Sie vom Krieg völlig erschöpft waren. Wie geht es Ihnen heute?

Seit langer Zeit habe ich jetzt wieder in Bologna dirigiert, wo ich ja Musikdirektorin des Opernhauses bin. Ich übernahm ein Konzert mit der Welturaufführung eines Auftragswerks von Matteo D’Amico zum hundertsten Geburtstag von Pier Paolo Pasolini, ein Werk für Sopran, Sprecher und Orchester. Nach der ersten Probe merkte ich wieder, wie anstrengend es ist, sechs Stunden am Stück zu dirigieren. Aber Sie haben recht: Anfang April hatte ich eine ziemlich komplizierte Pause. Es war der zweite Monat des Krieges. Ich hatte Vollzeit gearbeitet, alle Verträge mussten erfüllt werden: die Konzerte und Aufnahmen in Bologna, eine Produktion mit Ai Wei-Wei in Rom, wo ich in neun Tagen acht Vorstellungen von Puccinis „Turandot“ dirigiert habe. Parallel dazu habe ich die Rettung junger Musiker aus der Ukraine initiiert, ein Fundraising dafür organisiert und Benefizkonzerte für die Ukraine geplant, dazu noch eine Flut an internationalen Interviews gegeben. Ich habe Freunden und Bekannten helfen müssen, die jetzt als Flüchtlinge in vielen Ländern unterwegs sind, dazu musste ich meiner Familie beistehen, die ja noch in der Westukraine lebt. Dann brach eine scharfe Diskussion um Kultursanktionen los, und die Frage tauchte auf, ob ich überhaupt Tschaikowsky dirigieren sollte. Das zehrte an mir. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen, nicht arbeiten. Irgendwann war es zu viel.

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Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
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