Botschafter Melnyk im Gespräch

„Alle Russen sind gerade unsere Feinde“

Von Simon Strauß
05.04.2022
, 17:43
Kriegsdiplomat: Andrij Melnyk
Worte, die einem kalt den Rücken hinunterlaufen: Andrij Melnyk im Gespräch über das Butscha-Massaker, die falschen Friedensgesten des deutschen Bundespräsidenten und seine aktuelle Feindschaft zu „allen Russen“.
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Andrij Melnyk hat scharfe Kritik am Friedenskonzert des Bundespräsidenten für die Ukraine geübt. Unser Gespräch fand statt, noch bevor Frank-Walter Steinmeier auf Melnyks Vorwürfe reagierte.

Die Bilder von Butscha schockieren die westliche Weltöffentlichkeit. Wie schauen Sie diese Bilder an?

Nicht nur als Ukrainer, als Mensch, als jemand, der diese Gegend sehr gut kennt. Viele meiner Freunde haben Häuser dort und muss­ten fliehen. Es sind jetzt einige Tage vergangen, aber wir, auch meine Familie, können das menschlich nicht verstehen. Und wir hoffen, dass das, was man jetzt gesehen hat, auch in Deutschland endlich begriffen wird.

Was sehen Sie auf den Bildern? Ist das der Racheakt einer Truppe ohne Moral – oder ist das systematischer Terror gegen die Zivilbevölkerung?

Ich glaube, es ist beides, aber das zweite trifft eher zu. Putin führt einen Vernichtungskrieg. Nicht nur gegen den ukrainischen Staat, sondern auch gegen die Ukrainer, gegen die Zivilisten. Das Ausmaß der Gräueltaten von Butscha beweist, dass sie Teil von Putins perfider Kriegsführung sind. Putin handelt mit System, um die Ukrainer zu vernichten oder, wenn das nicht gelingt, sie zu vertreiben und einzuschüchtern. Denn man kann sich vorstellen, was sich die Menschen in Sumy, in Chernihiw, in Charkiw denken, wenn sie sehen, dass diese Mörder jetzt in Belarus in Richtung Ost­ukraine geschickt werden, um dort die Offensive zu verstärken. Ich glaube, dass die Weltöffentlichkeit jetzt aufwachen und uns nicht mehr dazu zwingen sollte, diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden, eine Waffenruhe einzuführen, ohne Abzug der russischen Truppen. Denn eine Waffenruhe würde bedeuten, dass Hunderte andere Städte und Dörfer, die seit mehr als vierzig Tagen besetzt sind, womöglich ein ähnlich schreckliches Schicksal erwartet.

Die „Washington Post“ hat aber auch berichtet, dass die ukrainische Armee Zivilisten ins Fadenkreuz rücke, indem sie Militärgerät absichtlich in Wohngebiete stellt. Könnte diese Strategie nicht die Bemühungen schwächen, Russland für Kriegsverbrechen haftbar zu machen?

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Ich bin kein Soldat oder Offizier. Ich bin nur ein Diplomat. Und natürlich müssen wir solche Berichte ernst nehmen, wenn sie stimmen. Ich hoffe, dass solche Hinweise auch in Kiew im Verteidigungsministerium gehört werden. Denn das darf nicht sein, auch wenn Kriegshandlungen zum großen Teil in Städten geführt werden. Für unsere Soldaten ist das humanitäre Völkerrecht ein Begriff. Es gab einen Vorfall – und er wurde nicht vertuscht –, wo gefangenen Soldaten auf die Beine geschossen wurde. Es wurde sofort eine Untersuchung eingeleitet. Es ist Krieg, da liegen die Nerven blank. Die Grausamkeit, die man Tag und Nacht sieht, ist etwas, das für eine normale menschliche Psyche verheerend wirkt. Man kann nicht verstehen, wie schlecht es uns gerade geht.

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Herr Botschafter, unlängst haben Sie die Teilnahme an einem Benefizkonzert des Bundespräsidenten abgesagt, weil dort russische Solisten auftraten. Ihre Begründung lautete, dass dieses Konzert – zu dem ja auch ein ukrainischer Komponist eingeladen war – ein freundschaftliches Signal Richtung Putin gewesen sei. Glauben Sie wirklich, dass ein Benefizkonzert so einen Effekt haben kann?

Jede Handlung, auch ein Konzert, hat ein bestimmtes Ziel und eine bestimmte Wirkung. Für mich als ukrainischen Botschafter ist immer noch nicht klar, wieso es erforderlich war, in dieser Situation eine Versöhnungsgeste zu versuchen, im Sinne von: Ukrainer und Russen sitzen zusammen, mu­si­zieren, beklatschen einander und genießen die Kultur. Für mich war das befremdlich, denn solange der Krieg Russlands in dieser Grausamkeit auf unserem Boden tobt, kann ich mir nicht vorstellen, dass man miteinander feiert. Natürlich kann man hoffen, dass die Versöhnung schnell vor sich geht, aber man muss realistisch bleiben: Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Jahrzehnte gedauert, bis zwischen Frankreich und Deutschland eine Partnerschaft entstanden ist. Und ich glaube, dass das in unserem Fall noch länger dauern wird. Deswegen war das Konzert im Schloss Bellevue voreilig. Dieses Konzert hat in der Ukraine sehr hohe Wellen geschlagen, und ich habe keine einzige Reaktion in meiner Heimat gehört, wo gesagt wurde: „Du hättest vielleicht doch lieber hingehen sollen.“

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Aber einer der Teilnehmer war doch der russische Pianist Jewgeni Kissin, der sich als einer der Ersten von Putins Angriffskrieg distanziert hat. Auch der andere russische Teilnehmer, der Bariton Rodion Pogossov, ist nur in Russland geboren, lebt aber schon lange in den USA. Schaden Sie mit einem solchen Boykott nicht dem potentiellen Widerstand, den es in der russischen Gesellschaft ja auch gibt?

Der Hintergrund der Beteiligten spielt keine Rolle. Denn der Bundespräsident hat das absichtlich als „Zeichen des Friedens“ organisiert. Er wollte, dass ein russischer Pianist und ein russischer Bariton auftreten und der ukrainische Botschafter dabeisitzt. Darin liegt eine Provokation, die Sie nicht verstehen können. Und das kann ich auch nachvollziehen, denn Sie erleben diesen Krieg nicht mit eigener Haut. Uns kann es jetzt nicht darum gehen, zwischen bösen Russen und guten Russen zu unterscheiden. Denn Russland führt einen Krieg gegen die Ukraine. Es ist nicht Putin, der Menschen in Butscha ermordet hat. Das waren konkrete Menschen aus verschiedenen Regionen Russlands. Sie haben ihre Verwandten, sie telefonieren nach Hause, sie plündern Häuser. Wir haben Tausende Telefonate, die wir aufgezeichnet haben als Beweisstücke für das Kriegstribunal. Ich sage es ganz klar: Russland ist ein Feindstaat für uns. Und alle Russen sind Feinde für die Ukraine im Moment. Das kann sich ändern. Aber im Moment ist es so, dass wir keine Zeit haben zu fragen: „Bist du gegen Putin oder für ihn – oder hast du vielleicht nur teilweise Verständnis ?“ Für mich wird es keine gemeinsamen Konzerte geben, solange Bomben auf ukrainische Städte fallen.

Haben Sie keine russischen Freunde?

Nein, nie gehabt. Aus einem einzigen Grund: weil das, was wir heute erleben, schon seit vielen Jahrzehnten geplant war. Und dieser Krieg wird getragen von Menschen, von Russen – manche werden in diesen Krieg geschickt, manche entscheiden sich aus freien Stücken dazu. Aus der Überzeugung, dass sie die Ukraine vernichten wollen. Und deswegen ist für mich klar, wahrscheinlich auch nach dem Krieg, dass Russland ein Feindstaat bleiben wird.

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Aber warum richtet sich Ihre Feindschaft auch gegen die russische Kultur?

Damit Sie mich richtig verstehen: Für uns, für meine Frau und mich, war der Höhepunkt des Jahres, als wir noch in Kiew gewohnt haben, immer am Nachmittag des 31. Dezember in die Staatsoper zu gehen, um den „Nussknacker“ von Peter Tschaikowsky zu hören, das heißt, es geht nicht um russische Komponisten, die wir lieben und lieben werden. Es geht darum, dass es im Moment einfach keinen Anlass gibt, russische Kultur mit Russen gemeinsam zu genießen.

Sie sagen, ich könne das nicht verstehen, auf der anderen Seite müssen Sie auch meine Erschütterung anerkennen, wenn Sie sagen „Alle Russen sind Feinde“, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass so ein Satz den Krieg beenden wird.

Schauen Sie, wir haben keine Illusionen, auch in Bezug auf die sogenannte russische Opposition. Denn auch von einem Herrn Nawalnyj, der jetzt leider im Gefängnis sitzen muss, können wir nichts Gutes erwarten. Egal ob an der Machtspitze oder in der Opposition: Die Ukraine war, ist und wird wahrscheinlich für lange Zeit ein Feind der russischen Gesellschaft bleiben. Das liegt daran, dass die russische Propaganda seit der Krimannexion auf Hochtouren gelaufen ist. Jeder, der sich mit Russland auskennt, weiß, dass es für die Propagandisten des Kremls auf allen Kanälen nur ein einziges Thema gab: die Ukraine als Erzfeind Nummer eins darzustellen.

Aber wie passt das zu den vielen Geschichten der Familien in der Ukraine, die enge Beziehungen zu Russland haben?

Ich kann Ihnen eine Geschichte aus meiner Familie erzählen. Von meiner Schwiegermutter, sie ist halb Russin, und ihrer Schwester, die seit vielen Jahrzehnten in Moskau lebt. Es gibt keinen anderen Menschen, der wichtiger gewesen wäre für meine Schwiegermutter. Am ersten Kriegstag hat die Schwester aus Moskau meine Schwiegermutter angerufen und gefragt: „Was ist los bei euch?“ Und meine Schwiegermutter hat ihr ein Video geschickt, mit dem Geheul der Sirenen, den Raketen, den Anschlägen. Aber ihre Schwester sagte: „Das ist alles Blödsinn, was erzählst du mir, das ist alles nachgestellt, das ist nicht wahr.“ Und meine Schwiegermutter hat geweint und hat gesagt: „Von diesem Tage an habe ich keine Schwester mehr.“ Putins Propaganda hat ganze Arbeit geleistet. Man kann nicht erwarten, dass bald wieder Frieden herrscht. Wir können nicht einfach zur Normalität zurückkehren. Das wird nicht geschehen.

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Das Gespräch führte Simon Strauß.

Eine Langfassung dieses Gesprächs hören Sie im F.A.Z.-Podcast für Deutschland.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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