Michael Krüger zum Urheberrecht

Telefonat mit einem griechischen Freund

Von Michael Krüger
08.05.2012
, 16:31
Wenn Buchhandlungen schon Vasen verkaufen müssen, ist etwas gründlich faul: Wie ich einmal versuchte, meinem griechischen Freund unsere Debatte um Urheberrechte zu erklären, die ich selbst kaum verstehe.

Anruf eines griechischen Freundes. Es tut gut, seine Stimme zu hören. Vor der Krise hat er mir immer Mails geschrieben, die häufig mit einer Entschuldigung endeten: Entschuldige, dass ich dir auf deinen handschriftlichen Brief mit schnöder elektronischer Post antworte! Was er zu berichten hat, konnte man ahnen, aber wie schlimm es um den Einzelnen und sein Eigenes steht, das übersteigt doch unser westeuropäisches Vorstellungsvermögen. Den Roman, an dem er seit einigen Jahren schreibt, hat er beiseitelegen müssen, jetzt verdient er als Aushilfslehrer sechshundert Euro im Monat, die für die kleine Familie nicht ausreichen.

Alle Fördermittel sind gestrichen, Stipendien können nicht mehr vergeben werden. Also muss er froh sein, mit einem Job als Hilfskellner in einem Hotel noch etwas dazuverdienen zu können, außerdem gibt es ein warmes Essen gratis. Die Menschheit wird wohl auf meinen Roman verzichten müssen, sagt er ironisch, und weil Griechen Schwierigkeiten mit dem „sch“ haben, sagt er „Mensheit“.

Europa ist zu müde

Nun haben sich die vereinten Europäer nie sonderlich für die griechische Kultur der Moderne interessiert. Die bedeutenden Dichter - Kavafis, Seferis, Elytis und Ritsos - gibt es in Übersetzungen, aber sie sind bereits Klassiker. Ihre Werke sind in der Diaspora oder im Exil entstanden, im Falle von Ritsos in griechischen Gefängnissen. Der einzige Romancier, der viel übersetzt wurde, hat in Genf gelebt: Nikos Kazantzakis. Er wird von den Touristen geschätzt, die in Griechenland Urlaub machen und am Strand einmal nicht amerikanische Schmöker verschlingen wollen.

Dass auch in Griechenland europäische Literatur geschrieben wird, weiß man nicht. Vielleicht nach der Krise... Trotzdem versprach ich meinem Freund, bei den deutschen Literaturhäusern und anderen kulturellen Institutionen nachzufragen, ob es Stipendien für griechische Autoren gibt, große Hoffnungen konnte ich ihm nicht machen. Europa ist zu müde, um sich mit den kleineren europäischen Literaturen zu beschäftigen, und schon gar nicht mit denen des Balkans. Das Telefonat wurde ungemütlich, auch weil ich mich bald schämte

Das Verschwinden des Autors

Und sonst? Über was wird in Deutschland geredet?, fragte er. Ich war gerade in Berlin, sagte ich, und habe mir die Biennale angeschaut. Eine der Kuratorinnen dieser hoch subventionierten Veranstaltung hat verkündet: „Alles, was keine Politik ist, ist keine Kunst, sondern nur eine tote Vogelscheuche, gefüllt mit Scheiße und Reflexion.“ Ein gut bezahltes Statement, weil es so widerlich ist.

Schweigen im Telefon. Und sonst? Hier wird, sagte ich schüchtern, gerade über das Verschwinden des Autors im Netz diskutiert. Eine kleine politische Gruppe, die sich Piraten nennt, hat der Gesellschaft eine Diskussion aufgezwungen, an der sich alle beteiligen müssen. Was im Netz steht, soll allen gehören, der Begriff „geistiges Eigentum“ wird abgeschafft, er sei „ekelhaft“.

Die neuen Spielregeln des Netzes

Mein griechischer Freund fühlte sich - nach langem Schweigen - an die Zeit erinnert, als er in Berlin Philosophie studierte und seine ersten Gedichte schrieb. Auch damals habe eine kleine politische Gruppe der gesamten Gesellschaft einen Diskurs aufgezwungen. Es ging um Revolution, die unmittelbar und sofort umgesetzt werden müsse, ohne Rücksicht. Also führen die Piraten einen Krieg gegen die Internetmogule, deren Umsatz größer ist als das griechische Bruttosozialprodukt?, fragte er nach. Nein, sagte ich kleinlaut, die bleiben ungeschoren, weil sie das Netz ja für alle zur Verfügung stellen. Sie sind die Guten! Und wer sind die Schurken? Die Schurken sind Verlage, die Bücher drucken, und Autoren, die sich einbilden, dafür ein Honorar verlangen zu dürfen. Wieder ein langes Schweigen.

Er: Also wirst du in Zukunft die von dir verlegten Bücher nicht mehr ins Netz stellen? Ich: Das geht leider nicht, weil wir und die Autoren auf das Geld für elektronische Bücher angewiesen sind. Und wenn wir die Bücher nicht ins Netz stellen, werden sie von Piraten ins Netz gestellt. Das Telefonat wurde langsam ungemütlich, auch weil ich mich zunehmend schämte, einem armen griechischen Schlucker die neuen Spielregeln des Netzes erklären zu müssen.

Ein Leben ohne Internet?

Im Internet ist ja alles gratis, auch unser Telefonat über Skype. Was sagen eigentlich die deutschen Buchhändler dazu?, kam es aus Athen. Ach, rief ich, die sind verzweifelt! Je mehr Menschen sich Texte herunterladen, desto heikler werden die Überlebenschancen für die Buchhandlungen. Manche behelfen sich schon mit Non-Book-Angeboten. Non-Book-Angebote?, kam es durch den Äther. Ja, Kerzenständer, Vasen, Geschenkartikel. Aber leider gibt es ja schon genügend Kerzen-, Vasen- und Geschenkeläden, deshalb ist das schwierig, und im Übrigen werden diese Sachen ja in der Hauptsache über das Netz eingekauft. Wer eine neue Vase braucht, bestellt sie im Netz, verstehst du? Auch der Kerzenständer wird gern im Netz geordert. Hundefutter, Batterien, Klamotten, Gardinen, alles Netzwerkkäufe. In zehn Jahren wird es keine Läden mehr geben, nur noch Netz.

Die Menschen, Piraten oder gemeine Bürger, lieben das Netz. Sie können sich ein Leben ohne Netz nicht mehr vorstellen. Wenn sie Kinder kriegen, werden sie sofort ins Netz gestellt, damit sie später eine Biographie haben. Und die alten Vasen, die du nicht mehr brauchst, stellst du auch ins Netz, dann sind sie sofort weg. Du glaubst gar nicht, wie viele alte Vasen im Netz herumschwirren! Das Netz kostet ja nichts.

Ein Gegenbild des Schönen und Freien

Unser Gespräch, das über Skype lief und deshalb nichts kostete, ging noch, wenn auch stockend, eine Weile weiter, bis mein griechischer Freund mich fragte: Wie kommt es, dass eine Gesellschaft sich in so kurzer Zeit so vollständig dem Netz ausliefert? Ohne Not und ohne Gegenwehr? Warum beschleunigt ihr einen anthropologischen Umbau, der alles auf den Kopf stellt? Das Netz ist stärker als wir, sagte ich, stärker offenbar als alle Institutionen zusammen, stärker als Kirche und Gewerkschaften, Parteien und Familie, stärker auch als das Kartellamt. Wir zappeln alle im Netz, auch die, die sich nicht daran beteiligen wollen.

Aber dann brauchen wir doch die Kunst, rief er zurück, um ein Gegenbild des Schönen und Freien außerhalb des Netzes zu entwerfen, um die Wahrheit nicht ganz aus den Augen zu verlieren? Ach, die Kunst! Gerade hat einer, statt zu schreien, den „Schrei“ von Munch für hundert Millionen Dollar gekauft. Er hatte aufgelegt. Ich lief in den Garten, legte meinen Kopf auf das frische Gras und weinte bitterlich.

Michael Krüger ist Dichter, Schriftsteller und leitet den Hanser-Verlag. Zuletzt ist von ihm der Gedichtband „Ins Reine“ erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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