Urheberrechtsdebatte

Künstler, Ihr seid nicht systemrelevant!

10.05.2012
, 08:01
Der „Aufruf gegen den Diebstahl im Internet“ findet immer breitere Zustimmung. Fast 4000 Künstler und Intellektuelle haben ihn bereits unterzeichnet. Die Reaktionen der Gegner radikalisieren sich und ein Gegenaufruf wurde gestartet.

In einem öffentlichen Aufruf setzen sich mittlerweile fast 4000 Künstler, aber auch Wissenschaftsautoren und Forscher gegen die Angriffe auf das Urheberrecht zur Wehr.

Wie der Koordinator des Appells, der Literaturagent Matthias Landwehr, dieser Zeitung mitteillte, schließen sich dem Protest in steigender Zahl auch Autoren aus Wissenschaft und Forschung an. Überdies enthalte die Liste der Unterzeichner nicht nur diie Namen hauptberuflicher Künstler, sondern auch von solchen, die von ihrer Arbeit (noch) nicht leben können. Unter ihnen findet man Musiker, Schriftsteller, Fotografen, Kinderbuch-Illustratoren, Drehbuchautoren, Regisseure und Vertreter vieler anderer Sparten.

Zu den ersten Unterzeichnern gehören unter anderen Jo Baier, Rotraut Susanne Berner, Helmut Dietl, Amelie Fried, Frank Goosen, Andreas Gursky, Michael Jürgs, Charlotte Link, Daniel Kehlmann, Ulla Meineke, Andreas Mühe, Nele Neuhaus, Boris Palmer, Rocco Schamoni, Ferdinand von Schirach, Burkhard Spinnen, Cora Stephan, Uwe Tellkamp, Martin Walser und auch Sven Regner, der mit einer heftigen Polemik im Radio den breiten künstlerischen Protest einleitete.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“, die den Protest in ihrer aktuellen Ausgabe dokumentiert, spricht von der größten Aktion von Schriftstellern und Künstlern gegen den Diebstahl geistigen Eigentums.

Der Appell versteht sich auch als Antwort auf zentrale Forderungen der Piratenpartei nach einer Aufweichung des Urheberrechts und einer Legalisierung des freien Kopierens. Die Autoren bezeichnen das Urheberrecht „als historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit“, das ihnen die Unabhängigkeit und die materielle Grundlage ihres künstlerischen Schaffens sichere. Sie wenden sich gegen das vielfach angeführte Argument, Autoren seien heute nicht mehr auf Zwischeninstanzen wie Verlage und Labels angewiesen, weil das Internet eine direkte Publikation ihrer Werke möglich mache. Vielmehr bezeichnen sie diese Instanzen als ihre legitimen Interessenvertreter, denen sie freiwillig ihre Verwertungsrechte abtreten. Der häufig behauptete Interessengegensatz zwischen Urhebern und Verwertern gehe an der Realität einer arbeitsteiligen Gesellschaft vorbei.

Die Unterzeichner wenden sich auch gegen das Argument, das Urheberrecht lasse sich im virtuellen Raum nur schwer durchsetzen und sei deshalb hinfällig. Sie fordern stattdessen seine Stärkung und Anpassung an die Bedingungen der einfachen Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit geistiger Produkte. Das Urheberrecht sei als Schutz vor globalen Internetkonzernen unerlässlich, deren Geschäftsmodelle die Entrechtung von Künstlern und Autoren in Kauf nähmen.

Der Aufruf findet sich unter der Adresse www.wir-sind-die-urheber.de. Dort ist nun auch die aktuelle Liste mit den Namen der Unterzeichner zu finden.

Radikalen Reaktionen

Zu welchen radikalen Reaktionen der Appell führt, lässt sich beispielhaft einer Äußerung des in Piratenkreisen geschätzten Rechtsanwalts und Bloggers Udo Vetter entnehmen, der die Debatte jetzt bereits mit der Meinungsfreiheit verbindet:

„Besser jeder kann frei online seine Meinung sagen, als dass alles den Bach runtergeht, bloß weil ein paar Schriftsteller meinen, sie hätten den unbedingten Anspruch an die Gesellschaft auf ein solides Auskommen pro Essay oder Roman. Klingt hart, ist aber nur eine verständliche Reaktion auf den Alles-oder-nichts-Kurs, den die Initiatoren des Appells offenkundig einschlagen. Man sollte ihnen rechtzeitig sagen, dass am Ende des Weges auch folgende Feststellung stehen könnte: Ihr seid nicht (mehr) systemrelevant.“ (http://tinyurl.com/dygket9)

Ein Gegenaufruf

Unterdessen ist eine Gegenaktion zum Urheberaufruf gestartet worden: Unter http.wir-sind-die-Buerger.de haben sich innerhalb weniger Stunden fast 2300 Unterzeichner einer Initiative angeschlossen, die eine Anpassung des Urheberrechts an „gesellschaftliche Realitäten“ fordert. Damit ist die Praxis des massenhaften Filesharings gemeint, die nach Ansicht der Piraten legalisiert werden soll.

Der Aufruf spricht sich für Verwertungsgesellschaften, Schutzfristen und Bezahlmodelle im Internet aus und wendet sich gleichzeitig gegen überhöhte Abmahngebühren, das Aufspüren von Urheberrechtsverstößen im Internet und das „Three-Strikes-Modell“.

Initiator des Aufrufs ist der Medienpädagoge und Buchautor Thomas Pfeiffer, der die Seiten „webevangelisten.de“ sowie „ facebook-fuer-Eltern.net“ betreibt. So wie die Urheber verteidigt allerdings auch Pfeiffer ein Geschäftsmodell: Es ist das des Facebook-Experten und Beraters für Soziale Medien.

Positionspapier der Verwertungsgesellschaft Wort

Inzwischen veröffentlichte die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort), die die Tantiemen aus Zweitverwertungsrechten an Sprachwerken, auch von Funk und Fernsehen, in Deutschland verwaltet, ein Positionspapier mit einem nachhaltigen Bekenntnis zum geltenden Urheberrecht: „Der Urheber ist der Schöpfer des Werkes. Ihm stehen Urheberpersönlichkeitsrechte und Verwertungsrechte zu. Werknutzungen ohne Zustimmung des Urhebers sind unzulässig, wenn das Gesetz sie nicht ausdrücklich erlaubt. Auch Bearbeitungen und sonstige Änderungen des Werkes bedürfen grundsätzlich der Erlaubnis des Urhebers. Erlaubt sind dagegen ,freie Benutzungen’, bei denen in Anlehnung an ein fremdes Werk ein neues selbständiges Werk geschaffen wird. An diesen Grundsätzen ist in der digitalen Welt festzuhalten.“

Obwohl die VG Wort „die Grundsätze des geistigen Eigentums“ weiterhin vermittelt sehen will, nimmt sie in Sachen Abmahnungen privater Nutzer eine weniger rigorose Position ein: „Es besteht keinerlei Anlass, gegenüber Urheberrechtsverletzungen, die im großen Stil und kommerziell betrieben werden, nachsichtig zu sein. Hier wird illegal eine Menge Geld auf Kosten der Urheber verdient. Es bedarf deshalb dringend effektiver Regelungen zur Rechtsdurchsetzung, vor allem im internationalen Kontext. Etwas anderes kann für einzelne Nutzer gelten, die bei einem illegalen Download erwischt werden. Auch derartige Verstöße sind nicht akzeptabel, ihnen sollte aber angemessen und mit Augenmaß begegnet werden.“

Die Erstunterzeichner

Daniel Kehlmann, Felicitas Hoppe, Roger Willemsen, Michael Lentz, Charlotte Roche, Arnold Stadler, Marion Brasch, Florian Illies, Moritz Rinke, Henning Ahrens, Mirko Bonne, Sven Regener, Mario Adorf, Andreas Steinhöfel, Thomas Glavinic, Ines Geipel, Matthias Politycki, Ralf Bönt, Christoph Peters, Martin Pollack, Peter Stamm, Ulrich Peltzer, Kurt Drawert, Michael Kumpfmüller, Eva Menasse, Thomas Hettche, Benjamin Lebert, Thommie Bayer, Jakob Hein, Niki Stein, Lutz Seiler, Thomas Brussig, Katharina Hagena, Ulrike Draesner, Christoph Ransmayr, Raoul Schrott, Jan Faktor, Peter Wawerzinek, Jürgen Flimm, Necla Kelek, Peter von Matt, Annette Pehnt, Hans Christoph Buch, Julia Franck, Elke Heidenreich, Bernd Schroeder, Bastian Bielendorfer, Angelika Klüssendorf, Michael Mittermeier, Kathrin Schmidt, Jens Sparschuh, Gerd Koenen, Harriet Köhler, Hanns Zischler, Julia Friedrichs, Moritz Netenjakob, Jenny Erpenbeck, Keto von Waberer, Uwe Tellkamp, Helmut Dietl, Natja Brunckhorst, Martin Walser, Charlotte Link, Christoph Hein, Anna Mitgutsch, Volker Klüpfel, Michael Kobr, Terézia Mora, Günter Wallraff, Karen Duve, Karl-Heinz Ott, Axel Hacke, Christoph Niemann, Norbert Bisky, Till Lindemann, Vivian Naefe, Sibylle Lewitscharoff, Michael Krüger, Anna Katharina Hahn, Angelika Overath, Frank Schätzing, Maike Maja Nowak, Björn Kuhligk, Thomas Lehr, Rabea Edel, Peter Probst, Thea Dorn, Irina Liebmann, Navid Kermani, Iny & Elmar Lorentz, Peter Prange, Manuel Andrack, Alice Schwarzer, Joseph von Westphalen, Andrea Maria Schenkel, Hans Christoph Buch, Ron Markus, Feridun Zaimoglu, Peter Merseburger, Uwe Timm.


Quelle: F.A.Z.
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