Urheberrechtsdebatte

Schluss mit dem Hass

Von Frank Schirrmacher
13.05.2012
, 11:30
Wie kommt es, dass die Produzenten und so viele Rezipienten von Werken der Kunst so aufeinander losgehen? Ein Vorschlag zur Abrüstung.

Vielleicht kann man damit aufhören, seine Zeit mit Trivialitäten zu vergeuden, und an ein paar Grundtatsachen erinnern. Die erste lautet: Der Künstler arbeitet für Geld. Die anderes behaupteten, waren leider in erster Linie die Künstler selbst. Es ist aber nicht wahr und im Übrigen auch nicht schlimm. Er arbeitet des weiteren, wie der hier unverzichtbare Peter Hacks notiert, „weil er das Ergebnis seiner Arbeit von der Welt gebraucht glaubt“. Übertragen auf heutige Verhältnisse heißt das eine Bezahlinhalte und das andere Reichweite. Der Schriftsteller will bezahlt, aber auch gelesen sein.

Nein, das ist hier kein weiterer Beitrag zum Urheberrecht und darüber, wer es abschaffen will und wer nicht. Es geht auch nicht um die Produktionsbedingungen von Kunst oder darum, wer in dieser Auseinandersetzung David ist und wer Goliath. Denn so, wie hinter manchen Künstlern Industrien stehen, stehen sie in Gestalt von Google und Facebook längst auch hinter manchen Internetvordenkern und Social-Media-Beratern, die Gegenaufrufe organisieren, weil sie von der Freiheit der Inhalte profitieren. Es geht darum zu verstehen, warum es im Jahre 2012 möglich ist, dass Kunst und Künstler nur deshalb zu einem Gegenstand der Empörung werden, weil sie für ihre Arbeit bezahlt werden müssen. Der Schriftsteller Sven Regener ist dafür zum Symbol geworden. Die Beleidigungen gegen ihn, die man im Netz so lesen kann, sind atemberaubend. Tauscht man die Namen und Begriffe nur geringfügig aus, man glaubte, hier werde ein Adliger in der Französischen Revolution angeklagt.

Den Aufstand adressieren

Wo steht die Bastille der deutschen Literatur? Wo haben deutsche Schriftsteller und Künstler Menschen bei Wasser und Brot eingekerkert und ein Unrechtsregime etabliert, das den Hass erklären könnte, der sie jetzt aus einer zwar partiellen, aber hoch organisierten Öffentlichkeit trifft? Die Autoren sind sprachlos. Es wird von „Kriegserklärungen“ gesprochen. Der Euro bedroht, Milliarden verschwendet, aber nirgendwo auch nur ansatzweise so viel Affekt wie hier. Und man muss sagen, wenn man manche dieser Tweets liest und einige dieser Podcasts hört: Deprimierender war es nie. Auch wenn man die Asymmetrie solcher Kommunikation mitbedenkt, die totale optische Täuschung, die glauben lässt, Netzkommunikation sei die Wirklichkeit, trifft es ins Mark.

Die deutsche Literatur, die Musik, der Film haben keine Bastille. Aber die Bastille war auch das Ende. Da saßen ein paar bedauernswerte Menschlein in einem verlassenen Gefängnis und mussten Symbol spielen für die Revolutionserzählung. Der Aufstand hatte eine andere Adresse, und bei fast allen Revolten und Revolutionen wird man sie unter neuem Namen wiederfinden. 1789 war es die Rue de Grenelle-Saint-Honoré. Schon Jahre vor der Revolution, so wird berichtet, gingen die Menschen nur mit Wut durch diese Straße. Dort war der Anfang, denn im Hôtel des Fermes logierten die gefürchteten Steuereintreiber.

Die Lage verstehen

Vom Anfang muss reden, wer den Versuch machen will, die entstandene Lage überhaupt erst zu verstehen. Die deutsche Literatur hat keine Bastille, aber sie hat ihre „Fermes“. Es ist eine Abmahnindustrie, die in unsäglich aufwendigen und extrem teuren Verfahren IP-Adressen identifiziert, jeden noch so kleinen Regelverstoß ahndet, grotesk überhöhte Strafzölle mit einer Durchschnittssumme von 1000 Euro erhebt und damit, wie Constanze Kurz in der F.A.Z. schrieb, allein 2011 Einnahmen in Höhe von 190 Millionen Euro generierte, die in Anwaltskanzleien und Eintreiberbüros größtenteils versickern. Zwar lebt die Abmahnindustrie noch vor allem von den Forderungen der Musikbranche und nur zu einem Bruchteil von der Literatur; aber es geht ja gerade erst los. (Etwas ganz anderes als die Massenabmahnung ist natürlich die Abmahnung bei kommerziellen Interessen.)

Wenn wir mit kleinen Schritten beginnen wollen, dann wäre der erste, dass den Protagonisten der Abmahnindustrie ein Name gegeben und ihnen die Grundlagen ihres Handelns nicht nur juristisch, sondern auch moralisch streitig gemacht würde. Sie sind das, was die Steuereintreiber des Ancien Régime waren. Sie tauchen plötzlich auf und fordern Abgaben je nach Lust und Laune und wie es ihnen gefällt. Und mit der Mischung, die seit Spartakus immer die Leute in Aufruhr versetzt hat: überwachen, ausspionieren, strafen. Und wie sie vor 1789 auf eigene Faust operierten und den Strafaufschlag für sich kassieren konnten, so lassen sich viele von der Industrie die Forderungen verkaufen, so dass der Zusammenhang zwischen Absender und Empfänger erlischt - was übrigens erklärt, dass die Autoren oft die letzten sind, die von der Praxis dieser Operation Genaueres wissen. Was erwartet ein Autor, ein Sänger, ein Denker, wenn die erste Begegnung mit seinem Werk im Leben eines Menschen damit endet, dass er in seinen Sommerferien jobben musste, um 1200 Euro Strafe zu bezahlen?

Die wenigsten Autoren wissen das. Und wer die Buchbranche kennt, der weiß: Die wenigsten Verlage wollen das. Die Literatur ahnt nichts von der Lebenswirklichkeit ihrer Durchsetzungsbüros und nur wenig von dem Regime, das sich in ihrem Reich der Freiheit entwickelt hat. Sie will den Menschen Freude, Unterhaltung, Sinn, was auch immer vermitteln und wundert sich über die Wut, die ihr Erscheinen bei einigen neuerdings auszulösen beginnt. Der Grund ist einfach zu benennen, und es ist der Kern der „Urheberrechtsdebatte“: Ein Funktionssystem, das Freiheit und Autonomie produzieren soll, verwandelt sich in einem wirklich faszinierenden Regimewechsel bei manchen, vor allem der jüngeren Generation, zu einem Subsystem von „Überwachen und Strafen“.

Von der Kunst sprechen

Vergessen wir für einen Augenblick die Ökonomie. Reden wir erst einmal von der Kunst. Wer von der Sozialisationswirkung der Kunst redet, denkt an eigene Lektüreerfahrungen, an Bücher, Filme, Melodien. Bemerkenswert aber, dass gerade in dem hochsensibilisierten Bereich der Kultur nicht danach gefragt wurde, wie diese Sozialisation heute aussieht, wenn sich, um Marx zu zitieren, die „Verwandlung eines Staatsbürgers in einen Kriminellen“ so unmittelbar an die Rezeption von Kunst selber bindet.

Das ist - unabhängig von allen Verwerter- und Bezahlfragen - ein Sachverhalt, der jeden Künstler und Intellektuellen, ja jeden, dem es um Kultur geht, aufs höchste alarmieren müsste.

Dieser Prozess ist weit vorangeschritten. Er hat in der Musikindustrie bekanntlich bereits dazu geführt, dass die traditionelle Loyalität des Konsumenten zu seinem Produzenten in offenen Hass umgeschlagen ist. Doch glaube man nicht, dass sich solche Entwicklungen lokal anästhesieren lassen. Dank der Trägheit der Industrie, entsprechende Angebote zu entwickeln, erleben wir wahrscheinlich im Augenblick bereits den Übergang des Protests auf den Urheber selbst. Das Buch, das Musikstück, der Film, den sich ein Jugendlicher heute herunterlädt, ist potentiell ein Infektionsherd für Strafe. Man muss sich das ganz konkret vor Augen führen: Die Gründe für das illegale Herunterladen sind zunächst irrelevant, auf alle Fälle sind sie vielfältig - Geiz, Gier, wie die Autoren durchaus zu Recht bei manchen vermuten, aber auch schlichte Unzugänglichkeit des Materials auf legalem Wege. Es ist auffällig, dass ein Großteil der radikalsten Gegner der Künstler zu einem Zeitpunkt sozialisiert wurde, als es Bezahlangebote fast noch gar nicht gab.

Die Gegenseite respektieren

Warum zahlen sie dann nicht einfach? Viele, was immer gesagt wird, weil sie nicht wollen. Viele, weil sie so sozialisiert wurden. Viele, weil es gar nicht geht. Der Grund liegt bekanntlich darin, dass jenseits von Amazon und iTunes solche Bezahlmodelle komfortabel noch gar nicht existieren. Auch ist die Rezeptionsweise eines Kunstkonsumenten genauso wenig normativ wie die eines Künstlers. Entscheidet er sich zum File-Sharing, was im besten Fall ein Substitut des alten Buchverleihens und im schlimmsten Fall eine ganze Industrie ist, so bietet er seinen Inhalt gleichzeitig mit dem Download allen anderen an. Und hier hat man, wenn man es so nennen will, den Kristallisationspunkt einer Prägung: Wer das guten Gewissens anbietet, weil er an das Prinzip „sharing und caring“ glaubt, und wenig später die Rechnung des Abmahnanwalts bekommt, zusammen mit all den entwürdigenden Erfahrungen des Ausspioniert- und Überwachtseins, der radikalisiert sich in Sekundenschnelle.

Wenn wir fordern, die Produktionsbedingungen von Kunst zu respektieren, dann müssen wir auch ihre heutigen Rezeptionsbedingungen kennen und respektieren. Nur so ist es möglich, die Interessenvertreter, von Google bis Facebook, und ihre Netzproselyten von jenen zu trennen, denen es um Lösungen geht, die nichts mit Selbstausbeutung oder einer flattr-haften Ökonomie des „Liebhaberpreises“ zu tun haben. Es geht zunächst darum, überhaupt zu verstehen, welche Erfahrungen auf beiden Seiten vorhanden sind. Es muss getrennt werden zwischen den Sphären des Moralisch-Juristischen und des Ökonomischen.

Denn ob Piraten, Hacker, Autoren oder Verlage: Trotz aller ostentativ zur Schau gestellten Selbstgewissheit - meistens bei den Trittbrettfahren auf beiden Seiten -, eine Antwort zur Lösung gibt es im Augenblick nicht. Die spezifischen Bedingungen von Kunstproduktion lassen sich nicht mit denen von „Gegenständen“ vergleichen. Auch herrscht Unkenntnis über die Arbeitsweise renommierter Verlage. Von Hanser, über Kiwi, Rowohlt, zu Suhrkamp und vielen, vielen anderen dienen dort Einnahmen durch Bestseller immer auch der Finanzierung von Erfolglosigkeit. Ein Großteil der deutschen Literatur wäre niemals entstanden ohne dieses Prinzip. Wenn die Autoren Verständnis für die potentielle Kriminalisierung durch ihre Produkte entwickeln, so wäre von der anderen Seite zu erwarten, dass sie sich mit der Funktionsweise kultureller Märkte näher befasst. Von Engels stammt der Satz, er rede nicht mit Leuten über Ökonomie, die die Leipziger Buchmesse „überhaupt für einen Markt im Sinne der modernen Industrie“ ansehen.

Die Eintreiber stellen

Statt der großen erst einmal die kleinen Schritte für den Menschen, um diesen Hass zu beenden; auch den Opportunismus, der etwa durch Copyrightverträge gutbezahlte Redakteure oder Buchautoren das Ende der Urheberrechtsansprüche formulieren lässt.

Als Erstes die Steuereintreiber des Pharao identifizieren, und zwar dort, wo sie nicht hinter kommerziellen Anbietern her sind. Autoren könnten sich melden lassen, wer in ihrem Namen bestraft werden soll, von wem und mit welchen Gründen, und dagegen Einspruch erheben. Oder es von vornherein in bestimmten Fällen ausschließen. Des Weiteren Druck auf die Industrie, dass sie komfortable Plattformen zum legalen Download bereitstellt und mit ihnen zu experimentieren beginnt. Überhaupt: den neuen Zustand anerkennen und verhindern, dass er zu einer Bezweiflung von Autoren und Kunst selber führt.

Das ist auch von der anderen Seite zu erwarten, und wenn eine Bewegung Partei wird, dann wäre diese Form der Vermittlung auch ihre wichtigste Aufgabe. Was wird aus File-Sharing, wenn, wie jetzt bekannt, Facebook das File-Sharing in seine Plattform integriert? Wird dann Facebook das, was Google mit erstaunlicher Rücksichtslosigkeit jetzt schon ist: der größte Verleger der Welt? Wollen wir in einer Welt der Selbstausbeutung für multinationale Konzerne leben?

Kein Urheber, kein Künstler, kein Schriftsteller kann wollen, dass seine Leser, Zuhörer oder Zuschauer überwacht werden. Umgekehrt wären manche Proteste glaubwürdiger, wenn sie genauso deutlich gegen die Screening-Methoden von Apple und Google sich erheben würden. In seinem wunderbaren Buch „Turing’s Cathedral“ schreibt George Dyson, gewiss kein Internetskeptiker, sondern einer seiner geistigen Väter: „Facebook sagt mir, wer ich bin; Amazon sagt mir, was ich will; Google, sagt mir, was ich denke“.

Das ist reale Science-Fiction. Daraus darf nicht werden, was zu werden droht: die Künstler lassen verbieten und strafen, weil sie glauben, die Leser betrügen und stehlen.

Der Streit ums Urheberrecht

In einem dramatischen „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“ haben sich am vergangenen Donnerstag Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler gegen die Aufweichung des Urheberrechts im Internet gewendet (Wir-sind-die-Urheber.de). Zu den Unterzeichnern des Appells gehören prominente Autoren wie Martin Walser, Daniel Kehlmann und Charlotte Roche. Mehr als viertausend Künstler schlossen sich ihm bisher an. Aus Angst vor Reputationsverlusten und Anfeindungen hatten viele Künstler zu diesem Thema vorher nicht öffentlich Stellung bezogen.

Die Unterzeichner des Protests fordern eine Stärkung des Urheberrechts als unabdingbarer materieller Grundlage künstlerischen Schaffens und wenden sich gegen alle Versuche, das Filesharing im Internet zu legalisieren. Den behaupteten Interessensgegensatz zwischen Urhebern und Verwertern gebe es nicht. Der Appell versteht sich auch als Antwort auf zentrale Forderungen der Piratenpartei nach einer Aufweichung des Urheberrechts und einer Legalisierung des freien Kopierens. Eingeleitet hatte den künstlerischen Protest eine Wutrede des Musikers und Schriftstellers Sven Regener im Radio.

Die Reaktion der Gegenseite ließ nicht lange auf sich warten. Der vielgelesene Rechtsblogger Udo Vetter bezeichnete die Künstler als „nicht systemrelevant“, insofern sie sich als Hindernis des freien Austauschs von Informationen im Internet erwiesen. Unter Wir-sind-die-Buerger.de formierte sich eine Gegeninitiative mit mehr als tausend Unterzeichnern, die eine Anpassung des Urheberrechts an „gesellschaftliche Realitäten“ fordert und damit das Filesharing meint, das nach Ansicht der Piratenpartei legalisiert werden soll. Man spricht sich hier für Verwertungsgesellschaften, Schutzfristen und Bezahlmodelle im Netz aus und wendet sich gegen überhöhte Abmahngebühren. Initiator ist der Soziale Medien-Berater Thomas Pfeiffer.

Im März hatten bereits fünfzig Drehbuchautoren in einem offenen Brief die Urheberrechtsposition der Piratenpartei kritisiert.

F.A.Z.

Quelle: F.A.S.
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