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Urheberrechtsdebatte

Wir müssen über Geld reden

Von Malte Welding
 - 10:44

Manchmal treffe ich, obwohl meine Tätigkeit eine einsame ist, auf Menschen, die ich zuvor nicht kannte. Offenbare ich, dass ich schreibe, dann fragen sie, und zwar ohne Ausnahme: „Kannst du davon leben?“ Ich entgegne dann, und zwar ohne Ausnahme, dass ich ja durch meine bloße Existenz diese Frage schon beantworte, aber die Leute sagen: „Vielleicht hast du ja geerbt oder lebst von Sozialhilfe.“

Tatsächlich lebe ich mit Ausnahme der ersten paar Monate vom Schreiben. Angefangen habe ich im Internet, zur WM 2006 hat ein Freund ein Blog aufgesetzt und mich dazugeholt. Das Blog war mit „Spreeblick“ verbunden, einem der damals größten deutschen Blogs, und so hatten wir am ersten Tag 6000 Leser. Nach einer Woche merkten die ersten Kommentatoren an, dass wir früher besser gewesen seien, und so publizierten wir rund um die Uhr, wir schrieben wie im Rausch.

Johnny und Tanja Haeusler, die Macher von „Spreeblick“, bemühten sich, Sponsoren zu bekommen, aber niemand war interessiert. So war ich also Hobbyschreiber mit ein paar tausend Lesern. Unsere Texte standen unter einer sogenannten Creative Commons Licence, jeder konnte sie kopieren, wenn er dabei auf uns verwies. Als die WM vorbei war, schrieb ich die ersten Artikel auf „Spreeblick“, das sich damals zu einem Mehrautorenblog entwickelte.

Wovon lebt eigentlich Lady Gaga?

Hauptberuflich war ich damals ewiger Student und hatte tatsächlich geerbt. Ohne den Tod meiner Eltern wäre ich jetzt vermutlich Call-Center-Agent. Die Texte für „Spreeblick“ schrieb ich also, ohne Geld dafür zu bekommen, und auch diese Texte veröffentlichten wir unter Creative Commons. Einmal machte ein Rapper aus einem Text von mir ein Stück, das war eine riesige Freude. Ansonsten wurden meine Texte von den Lesern eher passiv erlebt. Creative Commons soll eigentlich ein unendliches Sampeln und Verändern ermöglichen, die Kultur einer dynamischen Metamorphose unterwerfen, aber meistens wollen die Leute einfach bloß konsumieren.

Das kreative Potential der Gesamtbevölkerung wird gern überschätzt. Natürlich entstehen wunderbare Werke aller Art im Internet, von Amateuren geschaffen, Videofilme, Gedichte, Bilder. Aber Youtube, dereinst angetreten, um jedem Menschen seinen eigenen Fernsehsender zu verschaffen, zeigt die Richtung an: Bei allem Wunderbaren, das Amateure hervorbringen - die Leute schauen am liebsten die Profis: Fast eine halbe Milliarde Mal wurde Lady Gagas „Bad Romance“ auf Youtube geklickt. Der größte Popstar der Welt steht an der Spitze: Das Internet stellt die Welt nicht auf den Kopf, es bildet sie ab.

In Deutschland ist das meistgeklickte Video der Welt nicht zu sehen, weil sich Gema und Youtube nicht geeinigt haben, wie viel Geld die Schöpfer der konsumierten Werke von Youtube, das zu Google, dem reichsten Internetkonzern der Erde, gehört, bekommen sollen. Der durchschnittliche deutsche Musiker verdiente im Jahr 2011 der Künstlersozialkasse zufolge 11 700 Euro. Da fragt man sich: Wovon lebt eigentlich Lady Gaga? Die verdiente 2011 68 Millionen Euro. Wie macht die das? Ihre Videos werden auf Youtube geschaut, jeder einzelne Song von ihr kann auf jedem One-Click-Filehoster, in jeder Torrenttauschbörse heruntergeladen werden - warum verdient sie so deutlich mehr als 11 700 Euro? Natürlich, die Masse macht’s. Es gilt das Matthäusprinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Unter Millionen Enthusiasten finden sich genügend, die freudig das Lady-Gaga-Buch, das Lady-Gaga-T-Shirt oder das Lady-Gaga-Fleischstückchen-Perpetuum-mobile kaufen.

Paradies der Werktätigen

Dachte man lange Zeit, das Internet sei die Domäne des Long Tail, hat es sich als noch gewaltigerer Monopolisierer herausgestellt als die herkömmlichen Massenmedien. Erfolgreiche deutsche Bands bringen es auf Youtube im Schnitt auf weniger Klicks als die duschende Nachbarskatze. Kein Wunder, dass die nun denken, ihnen werde etwas weggenommen durch das Netz. Es ist nur anders, als sie glauben: Sie bekommen nicht zu viel Aufmerksamkeit (durch illegale Downloads), sondern zu wenig (durch Egalheit). Nachdem ich eine Zeitlang bei „Spreeblick“ umsonst gearbeitet habe, bezahlte uns Nintendo dafür, dass wir zur Einführung der Spielkonsole Wii ein Werbe-Blog betrieben. Ich schrieb nun also euphorisierte Artikel über Videospiele und verfasste, das war der Deal, weiterhin umsonst Artikel für „Spreeblick“. Was bemitleidenswert klingt, war völlig fair: Es gab ja kein Geld, das hätte verteilt werden können. Werber hielten sich von der unübersichtlichen Bloglandschaft fern, und selbst als die Haeuslers schließlich zusammen mit Sascha Lobo ein Werbenetzwerk gründeten, blieb die Finanzierung von „Spreeblick“ ein schwieriges Geschäft.

Ich machte, was jeder Existenzkrisler macht, ich schrieb von morgens bis abends Texte, aber: Die Aufmerksamkeitsökonomie hatte sich gegen uns verschworen. Im Internet konkurriert das Blog nicht einfach mit anderen Blogs, wir mussten ankämpfen gegen Spiele, soziale Netzwerke, Pornographie, und zwar: aus aller Welt. Bevor ich einen Hirninfarkt bekam, erlöste mich ein Buchverlag. Mein Agent hatte ein Exposé von mir an einige Verlage geschickt, und vier von fünf wollten es haben. Wir entschieden uns für Piper.

Piper erwies sich als Paradies der Werktätigen. Verglichen mit der Hektik des Netzes, schreibt sich so ein Buch, als läge man in einer Badewanne. Ich durfte schreiben, was ich wollte. Kaum war ich fertig, gaben sie mir für mein zweites Buch ebenfalls einen Vorschuss.

Es ist eine merkwürdige Lage: Kaum ein Autor kann vom Bücherschreiben allein leben, die Verlage rechnen mit spitzester Feder, was jedoch nicht zu mehr Vorsicht, sondern, im Gegenteil, zu mehr Ausschuss führt: Sie veranstalten mit ihren Taschenbüchern ein Spermienrennen, sie schicken einen lieben Gruß hinterher und schauen, wer schwimmen kann.

Charlotte Roche tut das nicht weh

Keiner verdient also so recht. Aber doch stehen ganz oben, so weit oben, dass der Autor sie niemals zu Gesicht bekommt, Leute, mit denen verglichen Lady Gaga Hartz-IV-Empfängerin ist. Piper gehört zum schwedischen Bonnier-Konzern, zusammen mit Ullstein, Pendo, Carlsen und einigen anderen deutschen Verlagen. Die Bonnier-Sippe gehört zu den reichsten Schweden. Man kann also nicht nur leben vom Schreiben, man kann sogar sehr gut davon leben - wenn man es nicht gerade selbst praktiziert. Halten wir also noch einmal fest: Bei „Spreeblick“ haben wir unsere Texte frei zur Verfügung gestellt, jeder hätte sie unter Verweis auf uns in seinen Blog stellen, verändern, bearbeiten, verhackstücken können. Unser Problem war kein zu schwaches Urheberrecht, unser Problem war eine zu schwache Aufmerksamkeit.

Bei Piper dasselbe in Grün: Kein Mensch hat natürlich mein Buch (erst das zweite ist auch als E-Book erschienen) in einen Scanner gelegt und ins Netz gestellt. Nicht der geringste Schaden ist mir durch Verletzung meiner Rechte entstanden. Darüber hinaus hätte mein erstes Buch leicht doppelt, wenn nicht dreimal so viel Zeit in Anspruch genommen, hätte es nicht Google Books und Google Scholar gegeben. Statt meine Zeit mit Fahrten in Archive zu verplempern, konnte ich die Busfahrzeit auf null reduzieren und entsprechend die Schreibzeit erhöhen.

Das Internet hat mir bislang nur geholfen. Ich wäre vermutlich nie Autor geworden, wenn die Einstiegsschwelle nicht so niedrig gewesen wäre. Wo ist dann das Problem? Das Problem ist, dass die Milliardäre ihr Geschäftsmodell ändern müssen. Man verdient heute mit der Spekulation auf fallende Aktienkurse mehr Geld als mit dem Handel mit Inhalten, weswegen selbst Giganten wie Sony taumeln. In allen kreativen Bereichen außer in der Werbung ist das Geld sehr knapp. Im Ersten Weltkrieg starben die Menschen so zahlreich an der Spanischen Grippe, weil sie sowieso schon geschwächt waren. Die wenigen Downloads, die den deutschen Buchmarkt betreffen, raffen naturgemäß die hinweg, die sowieso nur gerade eben vom Schreiben leben können.

Ein paar tausend weniger gekaufte Exemplare der Piper-Autorin Charlotte Roche tun Roche nicht weh, aber die Querfinanzierung auflagenschwächerer Autoren gerät ins Wanken.

Künstler müssen eins wissen

Wenn nun die Radikalinskis unter den Netzphilosophen sagen, die Gesellschaft schulde den Schöpfern kein Verwertungsmodell, oder: Wer Geld verdienen will, der soll arbeiten, dann trifft hier der schönste deutsche Intellektuellenhass auf das zutiefst unmaterialistische, um nicht zu sagen: narzisstische Selbstbild der Künstler. Je mehr Künstler, desto unfeiner ist es, sich um Geld Gedanken zu machen. Umverteilung, das riecht nach Grass und Kohlsuppe und Gewerkschaften, VG Wort und Gema sind irgendwie so irre unglamourös.

Wir führen eine Scheindebatte, wenn wir über das Urheberrecht reden. Wir müssen über Geld reden. Über ein tiefes Missverständnis darüber, was eine Marktwirtschaft ausmacht. Eine Marktwirtschaft floriert nämlich nicht dann, wenn rohe Kräfte sinnlos walten, sondern dann, wenn die Teilnehmer leben können.

Selbst die Auftraggeber in den Medien, die es ja eigentlich besser wissen müssten, finden es immer etwas seltsam, wenn man Geld für seine Arbeit verlangt oder gar nachverhandelt. Hat man denn nicht Mitteilungsdrang? Schaffensverlangen? Will man sich für den Spaß, den man hat, denn wirklich noch bezahlen lassen? Einem VW-Fließbandarbeiter wird nicht der Lohn gekappt, wenn sich der neue Polo nicht so gut verkauft wie erwartet. Die Innovationen seiner Ingenieure mögen in China kopiert werden, aber Geld muss fließen, sonst stehen die Räder still.

Dass man einen Autor, der zwei Bücher geschrieben hat, ständig publiziert und ein Drehbuch schreibt, fragen muss, wovon er denn bloß lebt: Das hat nichts mit Urheberrecht zu tun. Sondern mit einer Kultur, die bei Kunst an Spitzwegs „Armen Poeten“ denkt und nicht an Lady Gaga.

Künstler müssen eines: wissen, von wem sie Geld bekommen können. Und es von demjenigen fordern. Schnell sein. Mischkalkulationen anstellen. Solidarisch sein. Materialistisch sein. Und nicht: Geisterdebatten führen.

Malte Welding, Jahrgang 1974, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er war der erste deutsche Blogger, der in die Künstlersozialkasse aufgenommen wurde.

Quelle: F.A.Z.
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