„Valkyrie“ und RAF-Film

Stunde der Verschwörer

Von Andreas Kilb
06.09.2007
, 14:33
Panzer am Potsdamer Platz: Dreharbeiten zu „Valkyrie”
In Berlin sind derzeit die Kameras auf zwei scheinbar gegensätzliche Meilensteine der deutschen Zeitgeschichte gerichtet: Während Bryan Singer „Valkyrie“ dreht, verfilmt Uli Edel um die Ecke Austs „Baader Meinhof Komplex“. Ein Zufall? Es gibt keine Zufälle, meint Andreas Kilb.
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Am 14. Mai 1970 ist das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) im Berliner Stadtteil Dahlem eine Stätte des Entsetzens. Reifen quietschen, Menschen schreien, Schüsse peitschen, ein Mann sinkt getroffen zu Boden. Drei Frauen, Ingrid Schubert, Irene Goergens und Ulrike Meinhof, befreien mit Waffengewalt einen Häftling der Justizvollzugsanstalt Tegel, der zum Studium eines Buches in die Institutsbibliothek gebracht worden ist. Er heißt Andreas Baader. Im Handgemenge wird der Institutsangestellte Georg Linke schwer verletzt, Baader und Komplizen entkommen in einem roten Alfa Romeo; am Steuer sitzt Astrid Proll. Drei Wochen später erscheint in einer Berliner Szenezeitschrift das Manifest der Gruppe: „Die Rote Armee aufbauen“. Es ist der Ursprung der „Rote Armee Fraktion“, der Beginn des linken Terrors in Deutschland.

Heute ist die Bernadottestraße in Dahlem eine jener Inseln der Ruhe, wie sie selbst im reichen Westen der Hauptstadt immer seltener werden. Luxuslimousinen parken hinter schmiedeeisernen Toren, Buchen und Kastanien werfen ihr Laub auf makellose Rasenflächen, und nur das Zwitschern der Amseln durchbricht die Stille des Vormittags. Im Haus Nummer 94, einer klassizistischen Villa aus den zwanziger Jahren, residiert das DZI, eine Stiftung des Berliner Senats und anderer öffentlicher Träger, deren Aufgabe neben der Beratung privater Spender vor allem in der Betreuung einer umfangreichen Fachbibliothek zu den Themen Sozialarbeit und Wohlfahrtspflege besteht. In den engen Räumen stauen sich die Bücher; Kopierer, Computer und Karteien sind in Vorzimmer verbannt. Der Publikumsverkehr hält sich in Grenzen.

Der Schaulust Zucker geben

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In diesen Spätsommertagen hätte das Institut eigentlich wieder ein Ort der Unruhe sein müssen. Schließlich dreht Uli Edel seit Mitte August in Berlin seinen Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ nach dem Buch von Stefan Aust und unter der Aufsicht des Produzenten Bernd Eichinger, der mit der Chronik der RAF seinen zweiten Ausflug in die deutsche Zeitgeschichte nach dem „Untergang“ unternimmt. Aber in der Bernadottestraße ist von Eichingers Team nichts zu sehen, die Arbeit im DZI geht ihren ruhigen Gang. Stattdessen wird einige Ecken weiter im Südwesten gedreht, in einer Seitenstraße des Hüttenwegs, ganz in der Nähe des amerikanischen Konsulats und der Freien Universität Berlin, an der Ulrike Meinhof nach der Trennung von Klaus Rainer Röhl im Jahr 1968 Seminare gab. Die Straße ist mit Filmfahrzeugen zugeparkt, aber der Set bleibt Besuchern verschlossen, es gilt die höchste Geheimhaltungsstufe wie bei allen wichtigen Szenen dieser Produktion. Der „Baader-Meinhof-Komplex“ entsteht unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Uli Edels Besetzung: Moritz Bleibtreu (als Andreas Baader) und Martina Gedeck (als Ulrike Meinhof)
Uli Edels Besetzung: Moritz Bleibtreu (als Andreas Baader) und Martina Gedeck (als Ulrike Meinhof) Bild: dpa

Ein Gleiches gilt für eine andere Großproduktion, die seit Mitte Juli an Schauplätzen in und um Berlin gedreht wird, das „Valkyrie“-Projekt von Tom Cruise und Bryan Singer. Schon die Tatsache, dass Singers Film inzwischen unter dem Arbeitstitel „Rubicon“ firmiert, ohne dass die deutsche Presse davon großartig Notiz genommen hätte, spricht für die Verdunkelungstaktik des produzierenden Studios Babelsberg. Zwar durften Berliner Passanten vor drei Wochen mit ansehen, wie vor dem Bundesfinanzministerium in der Leipziger Straße Szenen von der Abriegelung des Regierungsviertels am 20. Juli 1944 gedreht wurden - so wie auch Edel und Eichinger der Schaulust Zucker gaben, als sie eine Woche später vor der Deutschen Oper an der Bismarckstraße den Besuch des Schahs und die Erschießung Benno Ohnesorgs nachstellten. Aber das Entscheidende findet in beiden Produktionen jenseits von Presse und Publikum statt. Das Entscheidende: die deutsche Geschichte. Die Geschichte einer Rebellion gegen Hitler, kurz vor dem Zusammenbruch seines Regimes - und die ganz anders geartete, aber in ihrem Verschwörungscharakter merkwürdig verwandte Geschichte eines Aufstands gegen die Bundesrepublik Deutschland in der Zeit ihres größten Wohlstands, in den fernen, goldenen siebziger Jahren.

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Schießbudenfiguren in tödlicher Mission

Dass zwei Filme dieser Größenordnung zur gleichen Zeit in Berlin entstehen, kann man als historischen Zufall verbuchen. Aber es gibt keine Zufälle. Es gibt nur Zeichen und Konstellation. „Valkyrie“ (oder „Rubicon“), beispielsweise, ist ein Zeichen für die veränderte Bedeutung de deutschen Geschichte nach der Wiedervereinigung. In der Atmosphäre des Kalten Kriegs hätte dieser Film nicht entstehen können, schon deshalb nicht, weil viele seiner Drehorte - eine Villa in Potsdam, ein Waldstück in Brandenburg, eine Straße in Berlin-Mitte, die Studios in Babelsberg - nicht verfügbar gewesen wären. Aber auch Hollywood hätte in den sechziger oder siebziger Jahren kein derartiges Projekt entwickelt, weil es allem widersprochen hätte, was das amerikanische Kino über die deutsche Wehrmacht unter Hitler wusste. Filmklischees verändern sich langsamer als die Wirklichkeit, sie hinken ihr oft um Jahrzehnte hinterher. Die letzten deutschen Uniformträger im Hollywoodkino vor der Wiedervereinigung waren die Nazis in Steven Spielbergs „Indiana Jones 3“, deutscher Filmstart im August 1989: goldgierige Fanatiker, Schießbudenfiguren in tödlicher Mission.

Dann fiel die Mauer, und das Bild der Deutschen wandelte sich. In Spielbergs „Saving Private Ryan“ von 1998 sind die SS-Soldaten keine Stereotypen mehr, sondern kaltblütige, grimmige Kämpfer, beinahe ebenso individuell gezeichnet wie ihre amerikanischen Gegner, und in der Fernsehserie „Band of Brothers“ (2001) hat ein deutscher Major einen großen Auftritt als Redner. Die Stauffenberg-Figur in „Valkyrie“ ist der Endpunkt dieser Entwicklung. Sie zeigt den Wehrmachtsoffizier als Heros, als Identifikationsfigur. Der „Letzte Samurai“, den Tom Cruise vor fünf Jahren gespielt hat, der Familienvater in „Krieg der Welten“, der Polizist in „Minority Report“ - sie alle sind Helden in hoffnungsloser Lage, die dennoch moralisch Sieger bleiben. Dass Stauffenberg in diese Reihe aufgenommen wird, spricht für sich. In Deutschland mag seine Bedeutung umstritten bleiben, im amerikanischen Kino ist er jetzt kanonisiert. Der Bendlerblock, falls er je in „Valkyrie“ zu sehen sein wird, könnte zum Wallfahrtsort für Leute aus Idaho und Kentucky werden.

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Eine geistesgeschichtliche Verbindung

Aber auch der RAF-Film hätte in der Zeit der Ost-West-Konfrontation nicht gedreht werden können, schon deshalb, weil die Gruppe um Baader, Meinhof und Ensslin selbst eine Erscheinungsform des Kalten Krieges war. Ohne die Fluchthelfer, die falschen Pässe und die konspirativen Schlupfwinkel der Stasi hätte die „Rote Armee Fraktion“ nicht lange überlebt, und ohne den Bezug zum „realen Sozialismus“ der DDR und der Sowjetunion brach auch ihr weltanschauliches Fundament rasch zusammen. Anders als der heutige Islamismus war der linksradikale Terror keine freischwebende Fanatiker-Ideologie, sondern ein Todesspiel mit bestimmten geschichtlichen Voraussetzungen, die sich nach 1989 erledigt hatten. Erst durch den Untergang der kommunistischen Ersatzreligion wurde die Geschichte ihrer westdeutschen Zeloten filmisch erzählbar, zuerst vor zehn Jahren in Breloers „Todesspiel“, dann in Schlöndorffs „Stille nach dem Schuss“ (2000) und Christopher Roths „Baader“ (2002). Der „Baader-Meinhof-Komplex“ wird, wie schon „Der Untergang“, vermutlich der dokumentarischste und zugleich fiktivste Film zum Thema werden, weil er die Fakten so penibel rekonstruiert, dass seine Erzählung wie von selbst ins Märchenhafte kippt.

Es gibt auch eine geistesgeschichtliche Verbindung zwischen „Valkyrie“ und dem „Baader-Meinhof-Komplex“. In der Ausgabe der Zeitschrift „konkret“ vom Juli 1964 schreibt die Redakteurin Ulrike Meinhof einen Text aus gegebenem Anlass: „Zum 20. Juli“. Es ist der zwanzigste Jahrestag des Aufstands, in dessen Einschätzung sich, so Meinhof, „alle einig“ sind: „Die Atomwaffengegner mit den Aufrüstern, der Generalinspekteur der Bundeswehr mit dem Wehrbeauftragten, die Gewerkschaften mit der Bundesregierung, die Frankfurter Allgemeine mit uns.“ Aber: „An dieser Einheit stimmt alles und nichts.“ Zwar habe sie in den Ereignissen des 20. Juli einen realen Hintergrund, in der Tat jener Offiziere, die „wie nie zuvor die Mitglieder einer herrschenden Kaste“ im Interesse des ganzen Volkes gehandelt hätten, was „der Osten“ (also die DDR) noch immer nicht wahrhaben wolle. Doch es bleibe der Widerspruch zwischen den Lippenbekenntnissen der Staatsvertreter und der Beschäftigung ehemaliger Nationalsozialisten im Staatsdienst. „Wer von Gewissen spricht als dem Ursprung damaligen Handelns, sucht nur den Freispruch für jene, die ... nicht handelten, sich nicht empörten.“ Das Comeback eines Franz Josef Strauß sei „noch nicht die Stunde des politischen Attentats“. Aber der Kampf „der Männer und Frauen des 20. Juli“ sei auch „noch nicht endgültig gewonnen“.

Die RAF hat diesen Kampf nicht geführt, sie hat, im Gegenteil, mit Freikorps-Methoden jenes Volk in Angst und Schrecken versetzt, das sie zu befreien vorgab. Ulrike Meinhofs Artikel von 1964, scheinbar ein Versöhnungsangebot an die deutsche Geschichte, ist in Wahrheit ein Abschied von ihr. Die RAF hat die Attentäter des 20. Juli verachtet, so wie die preußischen Offiziere die Täter von 1977 verachtet hätten. Zwischen diesen Verschwörern gibt es keine Versöhnung. Nun aber kommen sie, wenn alles läuft wie geplant, gemeinsam ins Kino. In einem Jahr, im deutschen Herbst 2008.

Quelle: F.A.Z., 06.09.2007, Nr. 207 / Seite 35
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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