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Präsidentenwahl in Finnland

Hinter der Sprachmauer bleibt man unter sich

Von Jüri Reinvere
 - 08:38
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Der Ausgang der finnischen Präsidentenwahl mit ihrer ersten Runde am 28. Januar gilt als vorhersagbar: Der Amtsinhaber Sauli Niinistö, der früher der nationalen Sammlungspartei angehörte, aber nach seinem ersten Wahlkampf die Partei verließ und sich nun durch einen Wählerbund im Amt zu bestätigen versucht, wird höchstwahrscheinlich weiterregieren dürfen, wenn auch vielleicht erst nach einer zweiten Wahlrunde.

In Finnland, das kürzlich den hundertsten Jahrestag seiner Unabhängigkeit feierte, wächst – wie in anderen europäischen Ländern auch – die Neigung, sich nach außen abzuschotten. Im Präsidentschaftswahlkampf kreist die politische Debatte um das Wort „Sicherheit“ und meint vor allem die Staatsgrenze zu Russland. Zugleich macht sich keiner der acht Kandidaten ernsthaft Mühe, über die Herausforderungen in der Europäischen Union zu reden. Wichtig sind Finnland und die Finnen, und wie man beides vor einer unberechenbaren Außenwelt schützt.

Von der Hundertjahrfeier bleibt in Finnland ein gewisser Kater: In Zeiten sinkender Kulturförderung werden solche Feiertage als Mittel glänzender Selbstdarstellung genutzt. Man strengt sich vorher mächtig an, um sich hinterher zu wundern: Wie sollen wir das noch mal hundert Jahre durchhalten? Das wird für Finnland genauso schwer wie für alle anderen.

Finnen bleiben unter sich

Ähnlich wie in Polen oder Ungarn setzt sich auch in Finnland ein Geist nationaler Selbstbesessenheit durch, den es zwar auch früher schon gegeben hat, der aber kaum öffentlich sichtbar wurde, schon gar nicht für das Ausland. Der Vormarsch der „Wahren Finnen“, also der rechtspopulistischen Partei, bei der Parlamentswahl 2011, spätestens aber deren Spaltung in zwei Gruppen im Sommer 2017 – wobei im Saal Grußgesten deutscher Nationalsozialisten zu sehen waren, die man später der Presse als Abstimmungszeichen bei einer Wahl verkaufen wollte – ließen eine Ideologie ans Tageslicht geraten, die in Finnland seit eh und je verbreitet ist: Finnland gehört den Finnen – und zwar den Finnen allein.

Nun existierte Finnland während der letzten tausend Jahre ziemlich isoliert im Norden, ohne mit anderen Kulturen viele Erfahrungen zu machen. Zudem konnte Finnland, eingeklemmt zwischen den Ostsee-Großmächten Schweden und Russland, nur zu einem hohen Preis – oder durch pures Glück – seine Unabhängigkeit erringen. Das Ideal der Monoethnizität ist daher bis heute ziemlich vital und zugleich einer der essentiellen Widersprüche in diesem Land mit den zwei Amtssprachen Finnisch und Schwedisch.

Die kulturelle Isolation Finnlands hat wesentlich mit der Sprache zu tun. Spuren davon bemerkt man sogar in der Außenpolitik. Angehörigen der finnougrischen Sprachfamilie ist nämlich sehr bewusst, dass sie in einem indoeuropäischen Umfeld kaum verstanden werden. Zum einen erleichtert das den Finnen ihre außenpolitische Lobbyarbeit, weil sie interne Querelen hervorragend abzuschirmen verstehen. Sie können den Blick und das Ohr des Fremden leichter lenken und dadurch besser kontrollieren, welches Bild von ihnen im Ausland entsteht. Zugleich verstärkt die Sprachmauer die Abgeschlossenheit des Landes. Seine Bewohner bleiben mit allem, was scheinbar nur sie etwas angeht, unter sich.

„Schweiz des Nordens“

Also erscheint Finnland den Finnen als Universum, schlimmstenfalls entwickeln sie dabei einen Lagerkoller. Diese Selbstbezogenheit kann sich völlig unberührt fortpflanzen. Wenn überhaupt irgendetwas korrigierend darauf eingewirkt hat, dann die Wirtschaft in Phasen der Krise. Zu Zeiten des Wachstums oder zumindest der wirtschaftlichen Stabilität erstarkt auch das „wahre Finnentum“: Der kulturelle Kryptofaschismus hat eine jahrzehntelange Tradition. Eine seiner prominentesten Figuren war Aino Sibelius, die Ehefrau des großen Nationalsymphonikers Jean Sibelius, die sich in den dreißiger Jahren auf Wahlversammlungen der finnischen Faschisten sehen ließ. Bis heute gibt es politische Kräfte, die Finnland vom Schmutz der Welt retten wollen wie die Präsidentschaftskandidatin der Wahren Finnen Laura Huhtasaari. Sie möchte Finnland zur „Schweiz des Nordens“ machen, im Fall ihres Wahlsieges die Einwanderungsrichtlinien verschärfen und das Land aus der EU lösen.

Die Wirtschaftskrise Anfang der neunziger Jahre bescherte Finnland einen Ruck ins Internationale. Sie bewirkte einen Aufschwung finnischer Kultur mit weltberühmten Stars wie den Brüdern Kaurismäki, der Opernsängerin Karita Mattila oder dem Elektronikriesen Nokia. Aufstieg und Fall von Nokia (auch der gleichnamigen Stadt, wo der Handyhersteller ursprünglich angesiedelt war) symbolisieren, was Finnland vor dem Aufstieg der Wahren Finnen widerfahren war: internationaler Erfolg, Überwindung der Finanzkrise, unvorhergesehener Wohlstand, und im Gefolge Selbstzufriedenheit und Schläfrigkeit. Wachere Rivalen wie Microsoft, Apple und Samsung nutzen da ihre Chance.

Der Sturz von Nokia wurde ein Symbol für einen tiefgreifenden Wandel: Aus einem einst stark durch die Sozialdemokratie geprägten Land, in dem jeder seinen Begabungen und Interessen folgen konnte, wurde ein Land, in dem der Geldbeutel über Begabungen und Interessen herrscht. Das Gesundheitssystem verfiel, der Anteil privater Leistungen nahm zu; öffentliche Leistungsträger im Gesundheitswesen sind vermehrt von Ausländern besetzt, die Finnen flohen in den Privatsektor. Parallel dazu vollzog sich ein Rückbau der europäisch geprägten Kultur, die in den Augen vieler einfacher Finnen eine nichtsnutzige, elitäre Angelegenheit darstellt.

Fördermittel für Kultur zusammengestrichen

Der Staat reduzierte die Fördermittel für Orchester, Festivals, Theater, Museen und schaffte die Kulturabteilungen in seinen Auslandsbotschaften ab. Allein von 2015 auf 2016 sank der nationale Kulturetat um 4,5 Prozent; Ende vergangenen Jahres wurden den öffentlichen Bibliotheken die Mittel für den Ankauf von Zeitschriften – besonders von Kulturmagazinen – für 2018 gestrichen, was zu lauten Protesten in den Medien führte. Finnische Künstler bezeichnen diesen Schwenk in der Kulturpolitik offen als „Pest“. Dass das Erlernen der Schreibschrift an den Schulen nicht mehr zum Pflichtunterricht gehört, wundert nur noch wenige.

Zu diesem Wandel gehört auch ein sich verstärkender Rassismus, der sich vor allem sexuell manifestiert. Frauen aus Ländern, auf welche die Finnen von oben herabschauen, gehören, wenn sie durch Finnland reisen, für finnische Männer quasi zum Freiwild. Osteuropäerinnen erzählen oft, dass sie – anders als Britinnen oder Deutsche – von Finnen belästigt wurden. Die kritische Frauenliteratur hat das als dringliches Thema entdeckt.

Nationale Filterblase

Finnland schwankt. Es gibt sich europäisch nach außen und ist nach innen hinterwäldlerisch. Diese Doppelgesichtigkeit prägt die Politik und die Kultur gleichermaßen. Das Bild fürs Ausland bleibt dabei immerhin so wichtig, dass es manchem im Inland allerlei Lizenzen einräumt. Ein Künstler wie der Filmemacher Aki Kaurismäki wäre den Finnen eigentlich nur peinlich, weil er ein Bild von einem armen, verfaulten, dysfunktionalen Land zeichnet, das nicht dem Selbst- und Wunschbild der Finnen in ihrem relativ reichen, fast klinisch sauberen, durchorganisierten Alltag entspricht. Doch Kaurismäki hat damit im Ausland Erfolg; viele Deutsche wollen genau das sehen, weil sie es für das authentische Finnland halten (ähnlich wie „das arme Afrika“). Daher genießt Kaurismäki in seiner Heimat beinahe Unantastbarkeit.

Die Finnen sind ein Volk mit starkem Staatsbewusstsein und klaren Instinkten. Sie haben es stets geschafft, ihren Staat aus der Krise zu führen. Doch jetzt setzt ein Wandel ein. Der Staat wird zunehmend anfällig für Impulsiv-Ideologien, es treten Politiker auf, die sich in Interviews nicht an das Wahlprogramm ihrer Partei erinnern können. Sauli Niinistö hat sich in seiner ersten Amtszeit als ein Präsident erwiesen, der den erhitzten Nationalismus inner- und außerhalb der Wahren Finnen dämpfen konnte. Das dürfte ihm auch weiterhin gelingen, nicht durch ein politisches Programm, sondern durch seine menschlich gewinnende Art. Doch auch er hat nicht die Macht, seine Landsleute aus ihrer nationalen Filterblase herauszuführen.

Quelle: F.A.Z.
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