FAZ plus ArtikelAbgesagter Biologie-Vortrag

Cancel Culture an der Humboldt-Uni

EIN KOMMENTAR Von Thomas Thiel
03.07.2022
, 16:31
Hochburg des Aktivismus: die Humboldt-Universität zu Berlin
Die Humboldt-Universität sagt den Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht wegen angeblicher Transfeindlichkeit ab und distanziert sich von ihr. Die Hochschule beugt sich aktivistischem Druck und unterbreitet ein vergiftetes Angebot.
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Eigentlich sollte die Biologie-Doktorandin Marie- Luise Vollbrecht gestern einen Vortrag über Geschlecht und Biologie an der Humboldt Universität halten. Dazu kam es nicht. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“ hatte die Absage des Vortrags wegen angeblich transfeindlicher Aussagen Vollbrechts gefordert. Die Universität knickte ein und sagte die Veranstaltung wegen „Sicherheitsbedenken“ ab. Das Wort zeigt, welche Militanz von den „kritischen Jurist*innen“ und ihren Mitstreitern erwartet wird. An der Humboldt-Universität hat es Tradition, Wissenschaftlern in solchen Situationen die Solidarität zu entziehen. Man denke an die Hetzjagden gegen Herfried Münkler und Jörg Baberowski. Von Seiten der Universität heißt es, die Debatte über Vollbrechts Vortrag habe alle anderen Themen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ zu überschatten gedroht. Ein fatales Signal: Debatten werden dort ausgesetzt, wo sie die fröhliche Selbstdarstellung der Universität behindern.

Was ist nun der Kern der Vorwürfe? Marie-Luise Vollbrecht gehört zu den Autoren eines Gastbeitrags in der „Welt“, der anhand dokumentierter Beispiele einseitige Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Trans-Thematik kritisiert. Der Beitrag sorgte für Wirbel, weil sich der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner im Nachhinein von dem im eigenen Organ erschienenen Text distanzierte, den er als „unterirdisch“ und „wissenschaftlich bestenfalls grob einseitig“ bezeichnete. Der Jugendpsychiater und Mitautor Alexander Korte klärte Döpfner anschließend in der „Welt“ über den Stand der Wissenschaft auf und legte dar, weshalb er ihn zu Unrecht verunglimpft hatte.

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Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
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