Waldorfschule in Wien

Die falsche Mutter

Von Christian Geyer
07.09.2018
, 09:22
Am letzten Tag vor den Sommerferien wurden die Kinder von Sommerfeld und Lethen aus ihrer Klasse verwiesen.
Er ist altlinks, sie ist neurechts, und ihre Söhne sind für die Waldorfschule inakzeptabel: Die Familie von Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld wurde aus politischen Gründen abgestraft. Ist Sippenhaft wieder gesellschaftsfähig?
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Das sieht dann doch nach einer veritablen Verhaltenslehre der Kälte aus, was dem Professor Helmut Lethen da unter der Betreff-Zeile „Aufkündigung Ausbildungsvertrag“ von der Waldorfschule Wien-West per Einschreiben mitgeteilt wurde: „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Lethen, hiermit kündigen wir den Ausbildungsvertrag für Ihre Söhne \[eingefügt sind deren Namen\] zum nächstmöglichen Termin, sohin am 31.08.2018. Mit der Bitte um Kenntnisnahme verbleiben wir mit freundlichen Grüßen \[gezeichnet vom Vorstand der Schule\]“.

Nach Diktat verreist. Die Söhne des Kulturwissenschaftlers Lethen, eines der profiliertesten seiner Generation, der Generation der Achtundsechziger, ein Exponent der kulturellen Linken – dessen acht und zwölf Jahre alte Söhne hatten also Knall auf Fall die Waldorfschule zu verlassen, wurden am letzten Schultag vor den Sommerferien jäh aus ihrem Klassenverband herausgerissen, viele Kinder der noch anwesenden 6. Klasse begannen zu weinen, als der Rausschmiss der Lethen-Söhne feststand, auch die Lehrerinnen kämpften mit den Tränen; aber es half nichts: Der Vorstand hatte so entschieden. Gerade noch rechtzeitig zum neuen Schuljahr fanden die beiden Jungen ein Gymnasium, auf dem sie ihre Schulzeit nun fortsetzen können.

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Was war geschehen? Was hatten sich die Brüder zuschulden kommen lassen? Die Antwort lautet: Sie haben die falsche Mutter. Genauer: eine Mutter mit gefährlichen politischen Ansichten. So hat es der Schulvorstand gesprächsweise denn auch unverhohlen zum Ausdruck gebracht. Die Mutter, um die es geht, heißt Caroline Sommerfeld-Lethen, ist promovierte Philosophin und seit einigen Jahren publizistisch bei den Neuen Rechten unterwegs, ohne dass sie auf der Waldorfschule mit ihrem identitären Ideenwust Propaganda betrieben hätte und ohne dass ihre Söhne auf irgendeine Weise als indoktrinierte Störer im Unterricht auffällig geworden wären; im Gegenteil, sie waren beliebt, wie die herzzerreißenden Szenen am letzten Schultag noch einmal zeigten.

So was kommt eben vor, könnte man sagen. So was kommt vor, wo sich ein Begriff von demokratischer Öffentlichkeit durchsetzt, der politische Konflikte auf Freund-Feind-Verhältnisse verengt. Es geht dann um maximalen Beschuss, um ein Ausschlussdenken statt um Auseinandersetzung, um Erkennung und Ortung anhand von Signalbegriffen, um Abstandsmessungen noch in die nachwachsende Generation hinein. Um ein Orientierungsverhalten mithin, wie es der „Radartyp“ in den „Verhaltensweisen der Kälte“ an den Tag legt, Lethens Bestseller über Lebensweisen zwischen den Weltkriegen, der gerade eine ungeahnte Aktualität erfährt. In diesem Sinne ist der Rausschmiss der beiden Söhne ein besonders prägnantes, nahegehendes Beispiel dafür, wie selbst hinter der Deklaration, empathisch zu sein, Mitgefühl zu üben, die Kälte hochkriecht; wie auf beiden Seiten des Kulturkampfes der Gegenwart ein Reinheitswahn grassiert, in welchem Menschen als verstrahlte Körper behandelt werden, die noch als Minderjährige in Mithaft zu nehmen sind, will man sich vor Infizierung schützen.

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Der Vater vermag das, was die Waldorfschule Wien-West mit seinen Söhnen machte, nicht zu fassen: Lethen, Autor von Studien zur Charakterkunde des politischen Extremismus, der mit Caroline Sommerfeld in politisch gemischter Ehe lebt, gibt im Interview mit der österreichischen Zeitschrift „Profil“ zu Protokoll: „Meine Kinder wurden von der Waldorf-Schule Wien-West geworfen aufgrund einer Sippenhaftung, weil sich meine Frau im Umfeld der Neuen Rechten betätigt. Es ist mir unbegreiflich, dass ein weltanschaulicher Konflikt von Eltern mit der Schulleitung auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Die Neuen Rechten könnten sich freuen – jetzt haben sie wieder ein Argument.“

Bei der neurechten Mutter kommt solche Freude naturgemäß nicht auf. Caroline Sommerfeld, der zuvor schon als Köchin der Schule gekündigt worden war („als Köchin, nicht als Schulleiterin oder Geschichtslehrerin“, Sommerfeld), hatte sich seinerzeit an die Gleichbehandlungsstelle im österreichischen Frauenministerium gewandt. In dem daraufhin eingeleiteten außergerichtlichen Schlichtungsverfahren wegen Jobkündigung aus politischen Gründen war der Schulvorstand hart geblieben. Für Sommerfeld ein klarer, noch nicht einmal bemäntelter Fall von Diskriminierung im Zeichen der Antidiskriminierung.

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Am Schultor gab es neulich zum Schuljahrsbeginn noch eine Mahnwache für die geschassten Lethen-Söhne und für ein paar andere Kinder, die man wegen politisch unbotmäßiger Elternteile gleich mit entsorgt hatte. Nun ist die Waldorfschule Wien-West wieder blitzblank, und die Schüler essen von politisch sauberen Tellerlein.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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