FAZ plus ArtikelKörperoptimierung

Groß, größer, Brazilian Butt

Von Melanie Mühl
23.07.2020
, 07:21
Kim Kardashian zeigt sich bei der Met-Gala in New York
Das extremste ästhetische Ideal ist derzeit ein voluminöser Po. Dafür schuften Frauen in Fitnessstudios und legen sich sogar unters Messer.
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Nirgendwo sonst arbeiten junge Frauen so hingebungsvoll an einer Kim-Kardashian-haften Formung ihres Pos wie im Fitnessstudio. Ohne Maske und Corona-Angst schwitzen die Körperveredelungsarbeiterinnen in hautenger Minimalbekleidung bei Squats und Lunges – niemand sagt mehr Kniebeugen und Ausfallschritte –, absolvieren Hip Thrusts (Hüftstoß) mit der Langhantel und Deadlifts (Kreuzheben), um einem besonders bei Instagram zelebrierten Schönheitsideal näher zu kommen: dem Brazilian Butt. Das ist ein sehr großer, sehr runder Po, der, von der Seite betrachtet, einem Luftballon ähnelt. Kim Kardashian hat diesen Po vor ein paar Jahren berühmt gemacht und inszeniert ihre Sanduhrfigur als Kunstwerk bei Instagram, wo ihr knapp 180 Millionen Fans folgen, und man fragt sich, was all die über Jahrhunderte unfreiwillig in Korsetts eingeschnürten Frauen wohl dazu sagen würden.

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Dass eine starke Gesäßmuskulatur für den gesamten Bewegungsapparat wichtig ist, dürfte im Gym, wo es um Ästhetik und nicht um Funktion geht, kaum jemanden interessieren. Stünde der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund, würde niemand für einen Brazilian Butt schuften, der ohne ein knallhartes Trainings- und Ernährungsregime unerreichbar ist, zumindest aus eigener Kraft. Im Gegensatz zum Kickboxen oder zu einem Selbstverteidigungskurs hilft einem der comichafte Po in brenzligen Situationen ohnehin nicht weiter. Einen Angreifer wehrt man durch bloßen Muskelaufbau nicht ab. In John von Düffels Roman „Ego“ muss der ständig um seinen gestählten Körper kreisende Philipp plötzlich einen in Not geratenen Schwimmer retten – ausgerechnet den Mann seiner Geliebten: „Sie war überzeugt davon, dass ich stark bin, sie hielt mich für kräftiger und männlicher als ihren Mann. Das war der Sinn meines Trainings. Dabei hatte ich meine Muskeln nie zu etwas anderem gebraucht als zum Erhalten und Vermehren meiner Muskeln. Sie waren ein Kunstwerk: nicht zum täglichen Gebrauch bestimmt, sondern nur dazu da, angeschaut zu werden.“

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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