FAZ plus ArtikelFleißige Vögel

Warum die Stadttaube mehr Respekt verdient

Von Kai Spanke
24.06.2021
, 09:19
Stadttauben stehen im Ruf, dumm zu sein und Krankheiten zu übertragen. Tatsächlich jedoch geht von ihnen kein großes Gesundheitsrisiko aus. Dafür sind sie so klug, dass sie Rechtschreibregeln lernen können. Zeit für eine Rehabilitierung.

Im März fühlte sich ein Mann in Heidelberg von einer Taube belästigt. Als er auf dem Bismarckplatz sein Mittagessen einnehmen wollte, versuchte der Vogel, etwas von dem Imbiss abzubekommen. Daraufhin sind dem Mann die Sicherungen durchgebrannt. Er schnappte sich die Taube und riss ihr den Kopf ab. Mehrere Polizisten mussten die aufgebrachten Zeugen beruhigen. Nun stelle man sich vor, der Mann hätte nicht eine Taube, sondern ein Eichhörnchen enthauptet. Oder einen Igel. Oder, die höchste Eskalationsstufe, einen Hund. Aus dem Missetäter, den manch einer als Schädlingsbekämpfer betrachten würde, wäre im Handumdrehen ein Psychopath geworden, ein Monster, das sofort hinter Schloss und Riegel gehört.

Wer Tauben hinrichtet, zumal in aller Öffentlichkeit, fällt unangenehm auf. Wer sie nur hasst, darf mit Beifall rechnen. Wie Elias Canetti in Bezug auf die Fliege einmal diagnostizierte, pflegen viele Zeitgenossen eine „Verachtung fürs völlig Wehrlose“. Die Straßen- oder Stadttaube könnte wehrloser nicht sein. Sie ist neugierig und zugewandt, schlau und freundlich, gilt aber als Nichtsnutz der Vogelwelt.

Testen Sie unser Angebot.
Jetzt weiterlesen.

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot