Exodus aus Belarus

Unterdrückung und neuer Aufbruch

Von Felix Ackermann, Warschau
23.01.2021
, 22:48
Die Nichtverlängerung ihrer Arbeitsverträge sehen Minsker Forscher als Ausdruck politischer Verfolgung. Die entlassenen Historiker gehen deswegen ins Exil nach Polen und Litauen.

Kacjaryna Kryvičanina will ihren Namen erst preisgeben, nachdem sie im Januar die Republik Belarus mit dem Flugzeug verlassen hat. Nachdem die Leitung des Minsker Instituts für Geschichtswissenschaften über Monate Druck auf die Historikerin ausgeübt hatte, verlor sie zum Jahreswechsel zusammen mit elf weiteren Kolleginnen ihre Arbeit an der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Jetzt ist sie im Gästehaus „Hera“ der Universität Warschau am Trakt zur Königlichen Residenz in Wilanów untergebracht und blickt auf fünf Monate Protest in der Republik Belarus zurück. Für Kryvičanina sind die historischen Parallelen offenkundig. Dazu gehört für sie „der totalitäre sowjetische Staat, in dem das Leben des Einzelnen mit seinem Standpunkt, seiner Meinung völlig wertlos war. Verräter, Spione, gekauft und so weiter – solche Anschuldigungen bekommen die Protestierenden heute zu hören.“ Dass anonyme Anzeigen zurückgekehrt sind, die Instrumentalisierung der Gerichte sowie eine Polizei, die sich selbst schützt statt die Bürger, erinnert sie an die Zustände der dreißiger Jahre in der Sowjetunion.

Auch für die anderen Betroffenen ist klar, dass die Nichtverlängerung von sieben Arbeitsverträgen Ausdruck der politischen Verfolgung von Wissenschaftlern in Belarus ist. Vadzim Anipiarkau, der ebenfalls im Januar in Warschau eintraf, sieht die ganze Gruppe als Opfer einer gezielten Säuberungswelle, der zunächst die Vorsitzende der Gewerkschaft und ihr Stellvertreter zum Opfer fielen. Danach folgten diejenigen, die wegen der Teilnahme an illegalen Demonstrationen nach dem Paragraphen 23.34 verurteilt worden waren. Doch ihre Geschichte handelt nicht nur von der Repression des Staatsapparats, sondern auch von der Willensstärke der Historiker und davon, wie in Belarus die Macht jeden Tag wieder neu durch die Entscheidungen einzelner hergestellt wird. So hatten fünf der jetzt ins Exil gezwungenen Historiker aus Solidarität mit ihren Kollegen gekündigt.

Ein Volksfest des Protests

Nur fünf Tage nach der gefälschten Wahl standen im August 2020 die ersten Historiker vor dem Präsidium der Akademie der Wissenschaften mit Transparenten gegen Gewalt, nachdem ihr Kollege Andrej Radaman ohne erkenntlichen Anlass verhaftet worden war. Zunächst stand die Leitung der Akademie unter Schock. Immerhin handelte es sich beim Institut für Geschichtswissenschaften um eine Einrichtung, an der nicht nur geforscht wird, sondern auch Bausteine der offiziellen Staatsideologie vorgefertigt werden. Dass dort viele Mitarbeiter abweichende Meinungen von dieser Ideologie haben, war bekannt, aber nie zuvor war ihr Protest Teil eines Wochen währenden Volksfestes, das sich gegen den Kern der Macht richtete.

Weil die Institutsleitung diese neue Form einer selbstbewussten Bürgeröffentlichkeit als Bedrohung der eigenen Position und des Staats zugleich deutete, bedrängte sie die Gewerkschafterin Kacjaryna Kryvičanina in informellen Gesprächen: „Warum macht ihr bei diesen Briefen, Appellen und Aktionen mit? Wenn ihr eure Position zur Schau stellen wollt, geht in den Wald! Warum müsst ihr das vor den Türen der Akademie tun?“, lauteten die Fragen. Der in Minsk verbliebene Nikolai Wolkow berichtet per E-Mail, nach den Wochen des Abwartens im September seien die Daumenschrauben angezogen worden. Nach den zur Einschüchterung abgehaltenen Versammlungen und Einzelgesprächen musste jeder Teilnehmer der Proteste für sich eine existentielle Entscheidung treffen. In diesem Sinne sind die jetzt Entlassenen nicht wehrlose Opfer, sondern Handelnde, die bereit waren, einen hohen Preis für ihre Haltung zu zahlen: ihre Existenz als Forscher.

Ein Kollege, der anonym bleiben will, beschreibt den vergangenen Herbst der Repression als die Wiederherstellung der Minsker Machtvertikale, auch an der Akademie: „Der Geheimdienst übergibt dem Präsidium der Akademie Materialien über unzuverlässige Mitarbeiter. Im Präsidium wird über die Entlassungen entschieden. Die Institutsverwaltung fertigt diese dann nur noch aus.“ Diese Vertikale ist zwar auf Alexander Lukaschenka ausgerichtet, doch dank ihrer Existenz haben auch jenseits des Sicherheitsapparats Tausende Staatsbedienstete ihr Auskommen, wenn sie tagtäglich ihre Loyalität unter Beweis stellen. Der Vorsitzende des Akademie-Präsidiums Wladimir Gusakow macht kein Hehl aus diesem Wissenschaftsverständnis. In einer Neujahrsansprache verkündete Gusakow, es sei wichtig, nicht das Vertrauen der Staatsorgane zu verlieren: „Die Rolle der Wissenschaft besteht darin, an der Seite der Macht zu stehen.“

Berufsverbote im 21. Jahrhundert

Kacjaryna Kryvičanina verlor am 31. Dezember nicht nur ihren Arbeitsplatz in Belarus, sondern auch ihre Bleibe, da sie in einer Dienstwohnung der Akademie gelebt hatte. Ihr Kollege Ales Zlutka deutet das Auslaufen seines Vertrags als Berufsverbot im 21. Jahrhundert: „Ich habe Angst, dass dies für uns alle die Arbeitslosigkeit bedeuten könnte und dass die Mittel für die Fortsetzung meiner Forschung fehlen. Da wir in der Kategorie der Unzuverlässigen gelandet sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir unter dieser Regierung eine Anstellung in unserem Fachgebiet finden werden.“ Bei dieser Repression Andersdenkender in staatlichen Institutionen werden freilich nicht nur einzelne Existenzen zerstört, sondern auch Teile der Institution selbst. So war Ales Zlutka der letzte Spezialist für lateinische Handschriften am Institut für Geschichtswissenschaften. Der ebenfalls entlassene Wassili Woronin fasst es so zusammen: „Durch die Kündigungen von Mitarbeitern verliert das Institut wichtige Fachleute. Ganze Forschungsrichtungen sind geschwächt oder mussten ihre Tätigkeit praktisch einstellen.“

Dank der Unterstützung von Einrichtungen in Litauen, Polen und Deutschland haben die meisten entlassenen Wissenschaftler zunächst eine Perspektive bis zum Sommer 2021. Vor allem in den Nachbarländern können sie die Zeit im Exil nutzen, um ihre Studien über Landtage, Konföderationen, Landwirtschaftsformen, Wappen, Transportwege, Waffen und Schlösser in der frühen Neuzeit abzuschließen. Der Historiker Andrej Matsuk hat sich vorgenommen, das Gerichtswesen im 18. Jahrhundert näher zu untersuchen, nachdem er in Minsk zweimal zu je zwei Wochen Haft verurteilt worden war. Anfang Dezember hatten sich Nachbarn und Freunde bei ihm und den anderen Wissenschaftlern mit einer Feier im Hinterhof seines Neubaublocks bedankt. Sie hatten ein Transparent „Dank den Historikern“ dabei und mehrere Torten mit dem mittelalterlichen Wappen des Großfürstentums angefertigt, das bis 1996 Hoheitszeichen der Republik Belarus war.

Das Gericht hatte Matsuk nach dem Paragraphen 23.34 wegen der Teilnahme an einer illegalen Kundgebung verurteilt. Nach seiner Freilassung hat nun auch er eine Perspektive in Vilnius. Da die in Vilnius ansässige Europäische Humanistische Universität nur drei entlassenen Minskern je eine halbe Stelle anbieten konnte, haben die neuen Mitarbeiter umgehend vorgeschlagen, ihre Stellen nochmals zu halbieren, um so drei weiteren Kollegen eine Anbindung zu ermöglichen. Andrej Matsuk ist einer von ihnen.

Quelle: F.A.Z.
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