Genevoix im Panthéon

Die neue Symbolfigur der französischen Staatsraison

Von Marc Zitzmann, Paris
11.11.2020
, 21:19
Maurice Genevoix wird in den Panthéon überführt, mit Kunst von Anselm Kiefer und Musik von Pascal Dusapin. Dabei ist der Autor in seiner Heimat recht unbekannt. Doch Macron hat seine Gründe.

Heute Nachmittag werden in einem feierlichen, vom französischen Fernsehen übertragenen Staatsakt, den Emmanuel Macron präsidiert, die sterblichen Überreste von Maurice Genevoix (1890 bis 1980) in den Panthéon überführt. Der Schriftsteller findet Einlass in den Kreis von bislang 73 Männern und bloß fünf Frauen, derer die Republik in ihrem säkularen Tempel gedenkt. Wie die Liste der Geehrten – eine Mischung aus vergessenen Granden diverser Regimes und unsterblichen Größen aus Politik (Jean Jaurès, Jean Moulin), Kunst (Rousseau, Hugo, Zola) und Wissenschaft (Marie und Pierre Curie) – zeigt, war nicht nur die jeweilige Leistung ein Kriterium für die Ehrung, sondern auch die Gesinnung: der Einklang mit einem – im Lauf der Zeiten natürlich wandelbaren – Ideal des Französischseins. Mehr noch als eine Auszeichnung für die Geehrten bildet der Akt ihrer Panthéonisierung eine Proklamation jener Werte, die zum jeweiligen Zeitpunkt Konsens sind – oder aus Sicht der Entscheidungsträger sein sollten. Im vorliegenden Fall ist das Präsident Macron.

Maurice Genevoix dürfte selbst in seinem Heimatland ein illustrer Unbekannter sein. Die Tatsache, dass seine Werke bis heute nicht in Gallimards kanonbildende „Bibliothèque de la Pléiade“ aufgenommen wurden, ist bezeichnend. Man erinnert sich an ihn hauptsächlich wegen fünf Kriegsschilderungen, die er zwischen 1916 und 1923 veröffentlichte und 1949 unter dem Titel „Ceux de 14“ zusammenfasste (nur das erste Buch von „Die von 14“ wurde ins Deutsche übersetzt; die französische Gesamtausgabe umfasst fast tausend Seiten). Entstanden sind diese Berichte in direkter brutaler Anschauung: Sie erzählen die 242 Tage des Unteroffiziers Genevoix zwischen seinem Abmarsch Richtung Maas Ende August 1914 und seiner schweren Verwundung unweit von Verdun im folgenden Frühling. Sein geistiger Vater, Paul Dupuy, der Generalsekretär der Pariser École normale supérieure, hatte den dreiundzwanzigjährigen Elitestudenten dazu gedrängt, seine Erlebnisse aufzuschreiben. So füllte Genevoix ein Carnet mit Namen und Notizen, Beschreibungen und Anekdoten, Zahlenreihen und Zeichnungen und brachte den Stoff während Verschnaufpausen in einem zweiten Carnet in Erzählform. Neben Briefen an Dupuy war dies das Ausgangsmaterial von „Ceux de 14“.

Der Ruch des Rückwärtsgewandten

„Die von 14“, das sind etwa hundert Kriegskameraden, deren Namen Genevoix zwar bis auf jenen seines besten Freundes änderte, deren Physiognomien und Temperamente, Helden- und Schandtaten er aber „mit den verkürzten Federstrichen eines Meisters der Edo-Zeit“ für die Nachwelt auf Papier bewahrte. Denn des Autors „packende Knappheit“ (so Dupuy, von dem auch der Japan-Vergleich stammt) steht, gestützt auf sinnesbetonte Beobachtungsgabe und filmisches Erinnerungsvermögen, im Dienst eines Gedenkprojekts: für jene zu sprechen, die nur noch schweigen können. Was mit der Verpflichtung einhergeht, notfalls auch gegen das eigene Lager und sogar sich selbst zu schreiben. So berichtet Genevoix von Besäufnissen und Übergriffen, empört sich über unfähige Offiziere und gesteht, dass er drei Deutschen in den Rücken geschossen habe. Ein amerikanischer Historiker, der 1929 in einem gut recherchierten Essay dreihundert Kriegsberichte unter die Lupe nahm, bescheinigte „Ceux de 14“ die größte Realitätsnähe. Völlig folgerichtig wurde die Erstausgabe mit der Axt zensiert.

Später verschrieb sich der Genevoix der Feier des Lebens. Das Gros seiner Romane fand Themen in der ländlichen Lebenswelt der Vorkriegszeit, seien sie nun in der Loire-Gegend angesiedelt (wie die Wilderer-Geschichte „Raboliot“, die 1925 den Prix Goncourt erhielt) oder im fernen Kanada. Doch zählt das mehr als sechzig Titel umfassende Werk auch Tiererzählungen wie „Rroû“ (über Genevoix’ freiheitsliebenden Kater) oder „La Dernière Harde“ (über den Roten Hirsch des Waldes von Orléans) sowie historische Stoffe wie „Euthymos, vainqueur à Olympie“.

Sein Eintreten für die französische Sprache, die Leitung der Académie française zwischen 1958 und 1974, der Einsatz für Kriegsveteranen, dem unter vielem mehr die Schaffung des Mémorial de Verdun zu verdanken ist, behafteten Genevoix mit dem Ruch des Rückwärtsgewandten. Dabei waren seine Ablehnung der Essentialisierung von Vertretern fremder Kulturen sowie sein Anprangern von Betonierern und Umweltsündern ihrer Zeit voraus. Jacques Tassin, Mitverfasser der ersten, 2019 erschienenen Biographie, veröffentlichte jüngst einen Essay über „Genevoix, l’écologiste“.

Die schwärzesten, wuchtigsten Werke

Doch Macron „panthéonisiert“ den Autor nicht deswegen, sondern weil dessen Kriegsbücher „Resilienz und Willensstärke“ ausdrücken. Zwei Tugenden, die in Pandemiezeiten Konsens sein sollen, auch wenn der Entscheid schon 2018 getroffen wurde. Um dem Staatsakt zusätzlich Gewicht zu verleihen, flankieren zwei Auftragswerke den Einzug von Genevoix in den Panthéon – die ersten an diesem Ort seit 1924. Der französische Komponist Pascal Dusapin hat ein Werk für einen A-cappella-Chor geschaffen. Die Kostprobe, die wir aus siebzig Lautsprechern zu hören bekamen, hatte etwas von einer fluktuierenden Klangwolke: Akkorde verschieben sich durch sparsame Bewegungen langsam von innen, einzelne Stimmen und Töne wandern durch den Raum, leuchten auf und erlöschen wieder, die Nachhallzeit von sieben Sekunden verleiht dem Gesang des Chœur Accentus einen linden Halo. Vier- oder fünfmal pro Stunde durchbricht eines der 120 kurzen „Module“ von „In nomine lucis“ die Stille, wobei ein Computer nicht nur die Reihenfolge umstellt, sondern auch die Stimmen anders abmischt.„Kein Besucher wird je die gleiche Musik hören“, erklärt Pascal Dusapin.

Der deutsche Künstler Anselm Kiefer hat sechs Riesenvitrinen geschaffen, die zum Teil frei, zum Teil sehr direkt auf „Ceux de 14“ verweisen. Eine von ihnen vereint kupferne Fahrräder und gebastelte Gewehre vor dem Ölbild eines Weizenfelds – ein leichtbewaffnetes „Bataillon“ aus der Zeit vor den großen Materialschlachten. Eine andere lässt aus Asphaltschollen Mohnblüten aufsteigen: Evokation des hochsommerlichen Kriegsbeginns, aber auch der roten Hosen, die Frankreichs Infanteristen zu Zielscheiben machten. Eine nature morte mit zersprengten Zementplatten, aus deren offen liegenden Gitterrosten Halme mit vertrockneten Mohnkapseln wachsen, scheint Explosionswunden zu verkörpern, deren Schmerzen kein Opium zu betäuben vermag.

Stellenweise öffnen sich metaphysische Abgründe. „Was sind wir...“, heißt es zu einer Vitrine mit Erdklumpen, schwarzbesudelten Textilien und gen Himmel gereckten Gewehren; darüber eine Kleiderwolke, auf der drei Miniaturholzstühle schwanken. Ein vierter liegt umgefallen am Boden, als Verweis auf die Heilige Dreifaltigkeit mitsamt Schlange, auf die Theodizeefrage, den Theologenstreit über die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Durch die Kleider in dieser Vitrine nur angedeutet, wird sie zur Hommage an die Frauen hinter den kriegführenden Männern. Die an die sekundierenden Kolonialkräfte erfolgt in einem Riesenbild mit dem Titel „Ceux de 14 – L’Armée noire – Celles de 14“ explizit. Doch im Gegensatz zu den Vitrinen soll dieses Tableau wie auch sein Pendant, „La Voie sacrée“, nicht permanent im Panthéon zu sehen sein. Bedauerlich: Es sind die schwärzesten, wuchtigsten Werke.

Quelle: F.A.Z.
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