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Jeder hört für sich allein

Von Paul Ingendaay
27.07.2021
, 19:37
Bin ganz Ohr: Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) auf seinem Abhörposten in dem Film „Das Leben der Anderen“  (2006). Das Gehörte beschert ihm  einen Sinneswandel.
Hörbücher und Podcasts erobern die Aufmerksamkeit des lesenden Publikums. Woran liegt das? Und wie gelingt die Konzentration?
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Ein Buch selbst zu lesen oder es von jemandem vorgelesen zu bekommen ist nicht dasselbe, denn in den verschiedenen Rezeptionsformen sind wir verschiedene Wesen. Beim Selbstlesen wählen wir die eigene Geschwindigkeit, handhaben einen Gegenstand, springen mit dem Blick auf der ganzen Seite herum, blättern vor oder zurück, alles in kaum bewussten Mikroprozessen, die zur inneren Motorik des individuellen Lektürevorgangs gehören. Die einen sitzen, andere hocken oder liegen, wieder andere stehen beim Lesen. Augen, Kopf und Nacken, die Diener der lesenden Aufmerksamkeit, sind in ständiger Bewegung.

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Wie es ist, all diese Tätigkeiten zurückzufahren und sich der Stimme eines Vorlesers oder einer Vorleserin zu überlassen – kaum jemand befragt diesen anderen Zustand, weil das Zuhören ähnlich unbewusst erfolgt wie das meiste, was auf unsere Außenhülle einstürmt. Neu daran ist, dass Zuhören dank Digitalisierung und Bluetooth-Technologie zu einer immer häufigeren Tätigkeit geworden ist, manche würden sagen: zur bevorzugten Form des gesellschaftlichen Rückzugs, also wie gemacht für die vergangenen sechzehn Monate. Stör mich nicht! Siehst du nicht, dass ich höre? Nicht nur die soziale Isolation durch die Corona-Pandemie, auch die Individualisierung der Lebensstile und vielleicht ja auch ein gewisser Solipsismus einer vereinsamenden Gesellschaft ermöglichen es heute vielen, sich ständig einem Hörbuch oder einem Podcast zu überlassen: beim Gehen, Radeln, im Auto und im Zug, beim Bügeln, Karottenschnippeln oder vor dem Einschlafen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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