Kolumne „Import Export“

Wer ist Kübra Gümüşay?

Von Ronya Othmann
11.04.2021
, 11:01
Kübra Gümüşay gehört zu den Übersetzerinnen des Gedichts von Amanda Gorman. Sie ist eine Aktivistin und politische Autorin, die sich Antirassismus und Feminismus auf die Fahnen schreibt. Aber für was steht sie wirklich?

Man will alles richtig machen und macht es doch wieder falsch. Wie zum Beispiel bei der Amanda-Gorman-Übersetzung des Inaugurations-Gedichts, über das wochenlang diskutiert wurde: Dürfen Weiße das Gedicht einer schwarzen Lyrikerin übersetzen? Über das schon alles gesagt worden ist. Fast alles. Hoffmann und Campe beauftragte für die deutsche Übersetzung sicherheitshalber ein ganzes Team: Uda Strätling (Übersetzerin, weiß), Hadija Haruna-Oelker (Journalistin, schwarz) und Kübra Gümüşay (Sachbuchautorin, muslimisch). Sie sollten für die nötige Sensibilität sorgen. „Niemanden verletzen“ ist die Devise. Um Lyrik geht es schon lange nicht mehr.

Doch es ist falsch, wenn nur nach Identität gefragt wird, nicht nach Haltung. Am Beispiel Kübra Gümüşay lässt sich das gut zeigen. Die 1988 geborene Hamburgerin wurde als Bloggerin und „taz“-Kolumnistin bekannt und ist mittlerweile Bestsellerautorin des Buches „Sprache und Sein“, eine Mischung aus Poesiealbum und ihren Kolumnen. Es geht um Sprache, Politik und Diskriminierung. Das verschaffte ihr viele prominente Fans und Auszeichnungen. Doch Gümüşay ist nicht unumstritten. Kritiker werfen ihr vor, eine Islamistin zu sein oder zumindest eine Nähe zum Islamismus zu pflegen. Kritisiert man Gümüşay, wird man von ihr oder ihren Fans schnell auf das FAQ ihrer Website verwiesen.

Da sei alles gesagt. Aber was ist da eigentlich gesagt? „Von Verschwörungstheorien“, die über sie verbreitet würden, „die auf antimuslimischen rassistischen Ressentiments aufbauen“, ist da die Rede. Auf ihren Social-Media-Profilen verfährt sie ähnlich. Kritik wird als Hass und Hetze – die es zweifellos gibt – abgetan, jene, die sie kritisieren, werden blockiert. In ihrem FAQ schreibt Gümüşay, sie habe mehrfach das Gespräch mit ihren Kritikern gesucht. Das stimmt nicht ganz, denn öffentliche Streitgesprächsangebote lehnte sie ab und kontaktierte Kritiker stattdessen privat, ganz so, als ob es sich um einen persönlichen Zwist handle.

Gümüşay impliziert, dass die Kritik zuallererst von Weißen komme. Auch das stimmt nicht: Die Journalistin Sineb El Masrar und die Wissenschaftlerin und Musikerin Reyhan Şahin haben sie schon 2016 geäußert. Zudem hat sie kurdische, ezîdische und alevitische Kritikerinnen und Kritiker. Es sagt viel über Gümüşays Weltbild aus, wenn sie Personen daraufhin als „Kronzeugen“ bezeichnet, Menschen ohne eigene Haltung, Handlanger der Weißen. In dieselbe Richtung geht der von ihr geprägte Begriff „Haustürke“, der heute gern von Erdoğan-Fans benutzt wird, um Gegner seiner Politik zu diffamieren.

Sie klagt, ihr werde „Kontaktschuld“ vorgeworfen

„Bloß weil ich türkeistämmig bin, muss ich nicht die Türkei-Expertin spielen“, hat Gümüşay geschrieben und rechtfertigt damit, dass sie keine Kritik an den Zuständen in der Türkei äußern will. In der Türkei gehört sie zur Mehrheitsgesellschaft. Regelmäßig fliegt sie in die Türkei, in ihren Texten bezieht sie sich immer wieder auf ihre türkischen Wurzeln, nicht aber kritisch auf das, was im Namen des Türkentums und des Islams insbesondere Minderheiten angetan wird. Die türkische Politik macht nicht an den türkischen Grenzen halt: Erdoğan-Kritiker werden auch hier bedroht, bespitzelt. AKP-Propaganda wird in Moscheegemeinden und Vereinen verbreitet. In ihrem Buch zitiert sie so schön Martin Luther King Jr.: „Woran wir uns am Ende erinnern werden, sind nicht die Worte unserer Feinde. Es ist das Schweigen unserer Freunde“.

Auch klagt Gümüşay in ihrem FAQ darüber, dass „Menschen für Texte und Tweets belangt werden, die sie mal mit Anfang 20 und dann nie wieder schrieben“ und meint damit sich selbst. Beispielsweise twitterte sie 2013, dass man Erdoğan nur konstruktiv kritisieren solle, 2012 postete sie ein Fanbild vom Treffen mit der glühenden Antisemitin Linda Sarsour, 2017 ein Video von ihr und sprach während des Putschs in der Türkei immer noch von Demokratie. Das alles ist so zweifelhaft wie ihre „taz“-Kolumne, in der sie kritisierte, dass IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş) vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ohne ein kritisches Wort über deren Antisemitismus und Hetze gegen Minderheiten zu verlieren. Es ist so zweifelhaft wie ihr unkritisches Interview mit dem Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, Tariq Ramadan, der sich selbst als „Reformsalafist“ bezeichnet. Selbst als Frauen Vergewaltigungsvorwürfe gegen Ramadan erhobenen und Verfahren eröffnet wurden, schwieg sie. Gümüşay bezeichnet sich als Feministin.

In ihrem FAQ klagt sie, ihr werde „Kontaktschuld“ vorgeworfen. Das wäre der Fall, wäre Gümüşay auf eine Party eingeladen, auf der auch Islamisten sind, und man schließe daraus, sie sei eine von ihnen. Doch sieht die Lage anders aus: Unter anderem war sie 2013 und 2016 Speakerin auf einer Veranstaltung der legalistischen islamistischen IGMG. Ebenso auf einer Konferenz im Islamischen Zentrum Hamburg, wo ein Bild des Massenmörders Chomenei an der Wand hängt und das als Zentrale des iranischen Regimes in Europa gilt. Wer an solch einem Ort spricht, ohne sich dabei kritisch zu positionieren, macht sich mit diesem verbrecherischen Regime, das Menschen an Baukränen erhängt, foltert, einsperrt und alljährlich droht, Israel zu vernichten, gemein. Außerdem wäre das muslimbruderschaftsideologisch und reformsalafistisch geprägte Netzwerk „Vereint im Islam“ zu nennen, wo Gümüşay 2016 und 2017 als Referentin gelistet war und für das sie Vorträge hielt.

Gümüşay ist Gründungsmitglied des Zahnrädernetzwerks, das eine Plattform für aktive und talentierte Muslime bieten soll. Vernetzt wurde sich da auch zu Gümüşays Vorstandszeiten mit der muslimbruderschaftsnahen Hilfsorganisation Islamic Relief, die bis heute Zahnräder unterstützt, oder der Muslimischen Jugend Deutschland, ebenso muslimbruderschaftsnah. Von Kontaktschuld kann also keine Rede sein, Gümüşay war nicht zufällig mit den falschen Leuten auf der falschen Party, sie war Mitgestalterin, Akteurin.

Wir sollten sie beim Wort nehmen

In ihrem 2020 erschienenen Buch „Sprache und Sein“ stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn man in der Schule neben Goethe und Schiller auch Necip Fazil Kisakürek lesen würde. Kisakürek hat poetische Vernichtungsphantasien über Aleviten und Ezîden verfasst. Gümüşay sagte, sie hätte davon nichts gewusst. Dabei hätte ein Blick auf Wikipedia schon gereicht. Kisakürek ist der Lieblingsdichter Erdoğans und gehört zum Standardrepertoire der Millî Görüş. Für ihr Aufwachsen in Millî-Görüş-nahen Kreisen kann Gümüşay nichts. Aber dafür, in welchen Netzwerken sie agiert. Wäre Gümüşay eine gefeierte Kochbuchautorin, wäre all das ein geringeres Problem. Sie ist aber eine politische Autorin, die sich Antirassismus und Feminismus auf die Fahnen schreibt. Menschen können sich ändern, schreibt sie. Natürlich können sie das. Aber eine Distanzierung von Erdoğan, der AKP und der islamistischen IGMG hält sie bis heute nicht für sinnvoll. Man müsse miteinander reden, einander zuhören und nach gemeinsamen Lösungen suchen, sagt sie in der „Zeit“. Mit Faschisten zu reden war noch nie eine gute Idee.

Wer berechtigte Kritik als Verschwörungstheorie, Hass und Hetze abtut, der verschiebt die Dinge und fährt übrigens auf derselben Diskursschiene wie viele legalistische islamistische Akteure. Die Sprache des antirassistischen Diskurses, die auch Gümüşay oft verwendet, tut der kritischen Debatte nicht unbedingt einen Gefallen, so treffend sie in anderen Fällen auch ist. Dass ein Mensch beides vereinen kann – in Deutschland Rassismus erfahren und antialevitischen sowie antikurdischen Rassismus reproduzieren –, blendet diese Sprache aus. Von Verstrickungen mit Organisationen, Parteien oder Regimen, wie der AKP oder Muslimbruderschaft ganz zu schweigen. Alles wird pädagogisiert. Etwas organisierte Liebe hier, etwas Weltverbesserung da. „Sobald man die Möglichkeit hat, in ein Mikrofon zu sprechen, hat man Verantwortung“, hat Gümüşay einmal gesagt. Wir sollten sie beim Wort nehmen.

Quelle: F.A.S.
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